«Kein Weiberfeind» und trotz abgeschottetem Leben belesen: Die Geschichte des Einsiedlers vom Enzenberg

Im Neckertal ist er noch in manchen Köpfen gegenwärtig: Der «Böscheli-Scherrer». In den späten Jahren seines Lebens begann er, sich für die Bibel zu interessieren.

Michael Hug
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17 Jahre lang lebte der «Böscheli-Scherrer» als Einsiedler unter dieser Felsformation in der Nähe von St.Peterzell. (Bild: Michael Hug)

17 Jahre lang lebte der «Böscheli-Scherrer» als Einsiedler unter dieser Felsformation in der Nähe von St.Peterzell. (Bild: Michael Hug)

Es war einmal ein Einsiedler im Neckertal. Der hauste in einer Höhle oberhalb St.Peterzells und lebte vom Böschelimachen. Man nannte ihn «Böscheli-Scherrer». Viele wahre und weniger wahre Geschichten ranken sich um ihn. Pfarrer Werner Tanner hat die vermutlich wahrste niedergeschrieben.

Die älteren Einwohnenden im Tal erinnern sich vielleicht noch an persönliche Begegnungen, andere kennen ihn vom Weitererzählen. Doch beim Weitererzählen kommt so manches Halb- und Unwahre hinzu und es entsteht manchmal ein nicht ganz richtiges Bild über den, von dem erzählt wird. Aber gibt es überhaupt ein richtiges Bild über einen, der sich der Wahrnehmung der Menschen um ihn fast vollständig entzogen hat? Sorgt so jemand nicht selbst für Dichtung und Gerüchte über ihn?

Ein Pfarrer hat den Einsiedler öfters besucht

Jemand, der den Böscheli-Scherrer persönlich gekannt hat, war Werner Tanner, ein Jahrzehnt lang Pfarrer in St.Peterzell, von 1937 bis 1947. Pfarrer Tanner hatte den Einsiedler öfters besucht und nach dessen Tod 1948 ein Porträt verfasst. Wohl treffend hat er das Leben des Eigenbrötlers beschrieben:

«Er war im Neckertal vom Hörensagen oder aus persönlicher Begegnung fast jedem Kinde bekannt, der Böscheli-Scherrer. Er war ein Original, mehr noch ein Unikum, ein ausgewachsener Kauz, der seine 17 Jahre eine Art Höhle mitten im Walde am Südabhang der Wilket bewohnt hat.»

Pfarrer Tanner schreibt weiter, «dass er als Erinnerung recht lebe, nicht kleiner und nicht grösser als er gewesen ist und nicht verzerrt, dafür habe ich ein stilles Gelübde auf mich genommen.» Der Böscheli-Scherrer verdiene es auch, als besonderes Naturdenkmal des Toggenburgs festgehalten zu werden, schreibt Tanner.

Alois Scherrer beim Böschelen. (Bild: PD)

Alois Scherrer beim Böschelen. (Bild: PD)

In zahlreichen Besuchen und Gesprächen in der besagten Höhle, die Tanner nicht näher als «unterhalb des Gerensattels» beschrieb, offenbarte ihm der Eremit Details aus seinem Leben. Demnach wurde Alois Josef Scherrer 1874 im Weiler Spilhusen am Gonzenbach (Lütisburg-Station, Gemeinde Mosnang) als Zweitältestes von zehn Kindern geboren. Tanner fügt aber an: «Immerhin ist zu sagen, dass Böscheli Scherrer nicht über das zuverlässigste Gedächtnis verfügte. So hat sich zum Beispiel kein Datum, das er mir genannt hat, bei der Prüfung durch das Zivilstandsamt genau bestätigt.» Die Familie sei sehr arm gewesen, sodass Alois schon sehr früh als Erster fortmusste, um bei Bauern als «Knechtlein etwas wenig zu verdienen.»

Fünf Jahre verdingte er sich als Handlanger und «Böschlimacher» in Dieselbach und Ebersol. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Infanterist zum Aktivdienst im Jura eingezogen. Nach dem Jahr 1918 kehrte er ins Neckertal zurück und liess sich im Sägenbach bei Brunnadern nieder. Doch 1920, mit 46 Jahren, hatte er vom «normalen» Leben genug und baute sich eine Hütte im Wald. Pfarrer Tanner zitiert den Aussteiger:

«Es war mir zu langweilig in diesen Häusern. Zudem wollte man von mir immer mehr Zins. Auch hatte ich keine Ordnung. So zog ich mich zurück in die Einsamkeit.»

1930 richtete sich der Einsiedler in einer Höhle oberhalb der Flur Enzenberg in der damaligen Gemeinde Mogelsberg ein.

Frische und andere Taschentücher

Pfarrer Tanner beschreibt Scherrers Behausung so: «Von einem Felsvorsprung tröpfelte jahraus, jahrein ein Bächlein, das Scherrer zu nutzen wusste. In der Höhle stand eine Pritsche, Habseligkeiten, Zündholztröckli, Hosenträger, frische und andere Taschentücher.» Und: «Da lag auch eine Bibel.» Dass dieser Mann ledig war, versteht sich von selbst, schreibt Tanner und zitiert:

«Man stellt mich manchmal als Weiberfeind hin. Das bin ich nicht!»

Hingegen habe er erklärt: «Das Alleinsein ist mir kein Muss, im Gegenteil: Ich habe das bessere Teil erwählt.» Im Sommer hat Scherrer etwas Geld mit «Böschelen» verdient, daher bekam er auch seinen Namen. Im Winter habe er es dann mit Gasthausbesuchen wieder durchgebracht.

Die Nachbarn seien ihm wohlwollend begegnet, brachten ihm manchmal Brot oder Milch vorbei. Sogar der Pöstler stieg dreimal in der Woche zur Höhle hinauf und brachte ihm die Post und die Tageszeitung «Toggenburger». Der Böscheli-Scherrer war zwar in einer tiefkatholischen Gegend in einer tiefkatholischen Familie aufgewachsen. Aber sehr religiös war er deswegen nicht. Bis zu dem Tag, als er im Brunnödliger «Leuen» zwei «Bibelforscher» kennenlernte und daraufhin die Zeitschrift «Das Goldene Zeitalter» abonnierte. Pfarrer Tanner beschreibt die Folgen so: «Dank dieser Zeitschrift erwarb sich der Böscheli-Scherrer eine gewisse Bibelkenntnis, freilich in der dort gebotenen Auswahl und Beleuchtung.» Diese Zeitschrift aber löste eine geistige Wende im Leben des Einsiedlers aus.

Harmagedon, Tag der Vernichtung

Tanner zitiert einen Besucher Scherrers: «Fast wie der gut vorbereitete Darsteller einer Monologszene heftet sich der Blick des verbissenen Fanatikers irgendwie an eine ferne Waldlichtung. In diesem Trancezustand mit erhobener Hand und vorstehendem Kinn wirkt der bärtige Alte wie ein Prophet. In dieser ekstatischen Haltung kann er lange Zeit über das Machwerk der menschlichen Gesellschaft donnern und spotten.»

Vermutlich war hier Scherrers Kochstelle, abzulesen am russgeschwärzten Fels. (Bild: Michael Hug)

Vermutlich war hier Scherrers Kochstelle, abzulesen am russgeschwärzten Fels. (Bild: Michael Hug)

Immer wieder habe Scherrer vom «Harmagedon», dem Tag der Vernichtung der heutigen satanischen Weltordnung, gesprochen. Pfarrer Tanner erinnert sich in seinem Porträt, dass ihm Böscheli-Scherrer im strengen Winter von 1946/1947 gestanden habe, dass er im kommenden Winter wohl doch noch froh wäre um ein Haus und um ein Bett.

Der Wunsch ging in Erfüllung, wenn auch nicht ganz in der Form, wie es Alois Scherrer sich vorgestellt hatte: Am 5. Februar 1948 starb der Böscheli-Scherrer im Spital Wattwil 74-jährig an Herzwassersucht.