«Ohne das Spital Wattwil wäre die Region mehrheitlich von der Spitalversorgung abgehängt»: Toggenburger Ärzteverein schlägt Alarm

Ohne Spital fehlt ein Anreiz für Ärztinnen und Ärzte, sich im Toggenburg niederzulassen. Die Schliessung des Spitals sei deshalb doppelt fatal, ist der Toggenburger Ärzteverein sicher. Mit einem Schreiben versucht der Verein bei den Kantonsrätinnen und Kantonsräten Druck zu machen.

Ruben Schönenberger
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Die Toggenburger Ärzteschaft will das Spital Wattwil retten.

Die Toggenburger Ärzteschaft will das Spital Wattwil retten.

Bild: Ruben Schönenberger (Wattwil, 29. Juni 2020)

Die Zukunft des Spitals Wattwil dürfte sich im September entscheiden, wenn die Spitalstrategie der Regierung im Kantonsrat behandelt wird. Vorgespurt wird schon lange, aktuell beugt sich die vorberatende Kommission über das Geschäft.

An diese und an die Vorsitzenden der Fraktionen hat sich nun der Toggenburger Ärzteverein (TÄV) gewendet.

TÄV stellt Forderungen für Mitarbeit

Uwe Hauswirth, Präsident des Toggenburger Ärztevereins.

Uwe Hauswirth, Präsident des Toggenburger Ärztevereins.

Bild: Ruben Schönenberger (Wattwil, 11. November 2019)

Der TÄV wolle die tragende Rolle, die die Spitalvorlage den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zuschreibt, gerne übernehmen. Aber damit er die Verantwortung mittragen kann, sind erfüllbare Rahmenbedingungen nötig», schreibt TÄV-Präsident Uwe Hauswirth in einer Stellungnahme. Doch dafür sei die medizinische Unterstützung eines Spitals mit stationärem Angebot unabdingbar. Das zeigten die Erfahrungen der Ärzteschaft, aber auch der Spitex.

«Ohne den Erhalt eines stationären Angebots an Innerer Medizin und Altersmedizin am Spital Wattwil sieht sich der TÄV ausserstande, die Verantwortung für die medizinische Versorgung im Toggenburg mitzutragen.»

Für den TÄV ist klar, dass die Voraussetzungen im Toggenburg anders sind als in den anderen Regionen des Kantons. «Bei uns verstärken sich gleich mehrere Rahmenbedingungen gegenseitig, wie das in keiner anderen Region des Kantons der Fall ist», so Hauswirth.

Es fehle im Toggenburg eine schnelle Hauptverkehrsverbindung. Die Reichweite in 30 Minuten sei deshalb nicht dieselbe wie im übrigen Kanton. «Wir kommen in dieser Zeit 30 Kilometer weit – nicht 50 Kilometer und mehr. Ohne Spital Wattwil wäre die Region mehrheitlich von der Spitalversorgung abgehängt.»

TÄV befürchtet akute Hausarztlücke

Wenn das Spital Wattwil geschlossen werde, drohe ein medizinischer Versorgungsnotstand. Erst recht, weil sich im Toggenburg eine akute Hausarztlücke abzeichne. Hauswirth befürchtet: «Es ist bereits absehbar, dass bei uns 2029 nur noch 10 Hausärztinnen und -ärzte unter 65 Jahren tätig sind. Nur dank enger Zusammenarbeit mit dem Spital können sie die Grund- und Notfallversorgung für Bevölkerung, Arbeitnehmende und Tourismus noch sichern.»

Laut einer KPMG-Prognose wären aber für die Region im Jahr 2028 insgesamt 53 Hausärztinnen und Hausärzte nötig. Für die erfolgreiche Ansiedelung von Ärztinnen und Ärzten sei das Spital unabdingbar. Das befürchtet auch die Ärztin Michaela Signer, die selber über ein Praktikum den Weg in die Region gefunden hat, wie sie in einem Video des TÄV sagt.

Hauswirt schlägt deshalb Alarm: «Ohne Spital ginge auch das Fundament der engen Zusammenarbeit in der erweiterten Grundversorgung verloren. Bei einem kumulierten Ausfall der Leistungserbringer, also ohne Spital und mit derart wenig Hausärztinnen und -ärzten, liesse sich die Grund- und Notfallversorgung nicht mehr sicherstellen – geschweige denn die Versorgungsqualität gewährleisten.»

Pflegezentrum ist kein Ersatz

Die von der Regierung eingebrachte Idee eines Kompetenzzentrums für Spezialpflege kann diese Lücke gemäss Hauswirth nicht schliessen.

«Pflege ist keine Medizin, und Pflege ohne Medizin reicht nicht, um die medizinische Gesundheitsversorgung im Toggenburg zu ersetzen oder zu sichern.»

Zudem sei der Bedarf an einem Pflegeangebot zumindest unklar und ein solches Angebot ohne Nähe zu akutmedizinischer Diagnostik nicht realistisch. In der aktuellen Debatte laufe das aber anders: «Das Toggenburg braucht Medizin, erhält aber nur Pflege», sagt Hauswirth in einem Video, das dem Schreiben an die Kommissionsmitglieder angehängt war.

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