Katholiken «güllten» an Karfreitag, Reformierte revanchierten sich an Fronleichnam – Konfession war im früheren Toggenburg ein heisses Eisen

Während Jahrhunderten sorgte die Religionszugehörigkeit im Toggenburg für Zwietracht und Gewalt.

Fabian Brändle
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Auch wenn es auf dem Schulweg zu Streitigkeiten gekommen sein soll, spätestens beim Spielen im Schnee spielten konfessionelle Zwistigkeiten keine Rolle mehr. Im Hintergrund ist die alte katholische Kirche Lichtensteig zu sehen (Aufnahme: 1925).

Auch wenn es auf dem Schulweg zu Streitigkeiten gekommen sein soll, spätestens beim Spielen im Schnee spielten konfessionelle Zwistigkeiten keine Rolle mehr. Im Hintergrund ist die alte katholische Kirche Lichtensteig zu sehen (Aufnahme: 1925).

Bild: Staatsarchiv Kanton St.Gallen

Eine wesentliche Errungenschaft der Moderne, in der Verfassung verankert, ist die Religionsfreiheit. Wenn ich mit meinen religiösen Ansichten niemandem schade, sind diese frei. An sich bin ich nur meinem Gewissen verpflichtet.

So entscheiden sich denn auch immer mehr Menschen, aus den etablierten Kirchen auszutreten. Das heisst nicht, dass dies alles Atheisten wären. Religion wird aber immer mehr zur Privatsache und entzieht sich dem Kollektiv. Das ist freilich eine relativ junge Entwicklung. Jahrhundertelang war man entweder katholisch oder reformiert.

Spott und Hohn – auch unter Nachbarn

Ein wesentliches Merkmal des Toggenburgs seit der Reformationszeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist die sogenannte Bikonfessionalität, die Aufteilung der christlichen Religion in Reformierte und Katholiken. Im viehwirtschaftlich geprägten Obertoggenburg dominierten die Reformierten, im Alttoggenburg die Altgläubigen. In vielen Gemeinden lebten die Angehörigen der beiden Konfessionen zusammen, teilten sich die Kirche, Haus an Haus, aber gar nicht immer harmonisch.

Katholiken «güllten» an Karfreitag, Reformierte revanchierten sich an Fronleichnam, um die prunkvollen Prozessionen ihrer Gegner zu stören. Reformierte verspotteten Maria und die Heiligen. Im 17. Jahrhundert war es den Reformierten verboten, öffentlich Psalmen zu singen. Das war aber ein wesentlicher Bestandteil ihrer konfessionellen Identität. Sangen sie trotzdem, waren Konflikte vorprogrammiert.

Parität sorgte für Entspannung

Aus Spott wurde Hader, aus Hader Zwietracht, aus Zwietracht Gewalt. Der katholische Fürstabt als Landesherr schützte bis ins Jahr 1798 seine altgläubigen Schäfchen, so gut es eben ging, während die Reformierten an den protestantischen Vorort Zürich gelangen konnten. Nach der von den reformierten Kantonen gewonnenen Schlacht von Villmergen im Jahr 1712 galt der Grundsatz der Parität. Katholiken und Reformierte sollten zu gleichen Teilen Dorfämter besetzen, aber auch etwa Wirtshäuser betreiben dürfen. Dieser Grundsatz sorgte für eine minimale Entspannung, war aber nicht unangreifbar. Der St.Galler Fürstabt bevorzugte immer noch Katholiken bei der Vergabe besonders lukrativer Lehen.

Im 19. Jahrhundert entfielen zwar diese Bevorzugungen weitgehend, doch gingen die Zwistigkeiten weiter noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Lichtensteig: Stadt unter «doppelter Herrschaft»

Gerichtsprotokolle geben über solche antikatholischen und antireformierten Aktionen Aufschluss, wenn die Täterinnen und Täter bestraft wurden. Es finden sich regelrechte Rituale und Antirituale. Solche Niedergerichtsprotokolle sind für das Toggenburg in ansehnlicher Anzahl erhalten, genauso wie die Ratsbücher des gemischtkonfessionellen Städtchens Lichtensteig vom Spätmittelalter bis zur Helvetik.

Diese Ratsbücher wurden zudem vom Lichtensteiger Lehrer Armin Müller mustergültig verschlagwortet. Sie bieten auch Einblicke etwa in die Korruption jener Jahrzehnte oder generell in den Alltag in einer Kleinstadt mit «doppelter Herrschaft»: Lichtensteig verfügte nicht nur einen von der Bürgerschaft gewählten Rat, sondern auch über einen vom Fürstabt installierten Landvogt.

Noch 1940 waren Schulhäuser getrennt

Auch Selbstzeugnisse, das heisst Tagebücher, Autobiografien oder Kindheitserinnerungen, sind in stattlicher Anzahl überliefert. Sie geben ebenfalls Einblick in die konfessionelle Gemengelage ihrer Zeit.

Noch um das Jahr 1940 waren Schulhäuser getrennt und auf dem Schulweg kam es regelmässig zu Konfrontationen zwischen verschiedengläubigen Kindern. War dabei die Konfession nur willkommener Anlass, sich zu schlagen, oder waren bereits die Kinder kleine Fanatiker?

Antworten darauf würde wohl nur eine auf Jahrhunderte angelegte Studie bieten, eine Studie, die erst noch geschrieben werden muss.