Kanti Wattwil: Einige Schüler wollen eine Debattier-Kultur auf die Beine stellen

«Kantipolitics» ist ein Angebot von Schülern für Schüler. Ziel davon ist, über politische Themen zu diskutieren und Meinungen zu bilden. Auch wenn jüngst nur eine Schülerin kam, verlief die Diskussion animiert.

Timon Kobelt
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Bettina Brunner (links) und Jean-Luc Gisler wollen lebhafte Diskussionen über Politik an der Kanti fördern. (Bild: Timon Kobelt)

Bettina Brunner (links) und Jean-Luc Gisler wollen lebhafte Diskussionen über Politik an der Kanti fördern. (Bild: Timon Kobelt)

Als am Montag um 16.20 Uhr die Schulglocke erklingt, eilt ein Grossteil der Kanti-Schüler sofort Richtung Bahnhof. Nicht so die Viertklässler Bettina Brunner und Jean-Luc Gisler. Sie bleiben, um über die Selbstbestimmungsinitiative (SBI) zu diskutieren, über die an diesem Sonntag abgestimmt wird.

Die heutigen Vorlagen sind sehr komplex

«Kantipolitics» nennt sich das Vorhaben, für das die beiden Schüler per Mail geweibelt haben. Bettina Brunner hat eigens einen Flyer kreiert. Allerdings ist nur eine Schülerin dem Ruf von Bettina Brunner und Jean-Luc Gisler gefolgt. Und ein Redaktor. Dieser geht davon aus, dass die Veranstaltung bei lediglich drei Teilnehmenden abgeblasen wird. Doch weit gefehlt: Die drei Schüler beginnen eine intensive Diskussion über die SBI, die fast eine Stunde lang andauert.

«Es ist so ein wichtiges Thema, über das wir abstimmen», betont Bettina Brunner. «Die direkte Demokratie fördern», wie die SVP auf vielen Plakate schreibe, klinge natürlich gut. Doch verberge sich hinter diesem Slogan so viel mehr, das negative Auswirkungen für die Schweiz hätte. «In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung ist es umso wichtiger, dass die Schweiz ein offenes Land bleibt», sagt Bettina Brunner. Mit Annahme der Initiative würde man das Gegenteil signalisieren.

Jean-Luc Gisler findet es bedenklich, dass sich sowohl in den Kampagnen der Befürworter als auch der Gegner Argumente finden liessen, die bei genauer Betrachtung nicht wahr oder nur teilweise wahr seien. «Es geht oft vergessen, dass auch die Gegner teils abenteuerliche Behauptungen ins Feld führen», sagt er. Alle drei sind sich darin einig, dass die SBI und auch viele andere Vorlagen höchst komplex seien, womöglich sogar zu komplex. Bettina Brunner sagt: «Ich finde es scheinheilig, wie die SVP all die juristischen Fragen der Initiative so sehr auf den Begriff Direkte Demokratie herunterbricht. Eigentlich muss man ja fast Jura studiert haben, um die Zusammenhänge zu verstehen.»

Diskutieren in einem lockeren Rahmen

Wer bei der Diskussion lauscht, kommt nicht umhin festzustellen, dass sie für so junge Menschen auf hohem Niveau geführt wird und mehr Teilnehmende verdient hätte. Aussagen wie «sprich nur weiter» oder «mach deinen Satz ruhig fertig» hat man in der «Arena» bestimmt selten gehört. Die Diskussionen sollen bei «Kantipolitics»in einem lockeren Rahmen ablaufen. «Jeder kann wieder gehen, wenn es ihm nach 15 Minuten keinen Spass mehr macht. Man darf auch etwas zu Essen mitbringen», sagt Jean-Luc Gisler. Gerade weil die Veranstaltung nicht von einer Lehrperson organisiert werde, sei sie von ungezwungenem Charakter.

Davon, dass nicht mehr Schüler gekommen seien, liessen sie sich nicht entmutigen. «Wir waren in der Vergangenheit auch schon mehr, meistens um die zehn Personen», sagt Jean-Luc Gisler. Vielleicht müsse man für das nächste Mal vermehrt auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzen und die Lehrer fragen, ob sie in ihren Lektionen auf die Veranstaltung hinweisen würden. Bettina Brunner hält ausserdem fest:

«Wenn nur eine Person kommt, lohnt es sich bereits. Ich kann auch aus dieser kleinen Runde von heute viel mitnehmen und habe andere Meinungen gehört.»

Die drei Schüler erzählen, dass sie verschiedene Meinungen auch über die Medien mitbekämen. Ihre Medienaffinität wird anhand einer Aufzählung von Medien deutlich, die sie mehr oder weniger regelmässig konsumieren: «NZZ», «Tages-Anzeiger», «The Guardian» und auch Podcasts zu Newsthemen. Dadurch sind sie breit über politische Themen im Bilde, die bald auf die Agenda kommen. Gerne würden sie etwas zu den Bundesrats-Ersatzwahlen vom 5. Dezember organisieren. Es bleibt zu hoffen, dass dann mehr Schülerinnen und Schüler das Angebot von «Kantipolitics» nutzen werden.