In diesem Jahr ist Schnee Mangelware – 1905 war das im Bunt ganz anders

Aus den Erinnerungen Ernst Abderhaldens: Im Bunt froren im Jahr 1905 sogar die Wolldecken auf den Betten.

Fabian Brändle
Hören
Drucken
Teilen
In kalten Wintern wie im Jahr 1905 war Schlittschuhlaufen eine beliebte Freizeitbeschäftigung.

In kalten Wintern wie im Jahr 1905 war Schlittschuhlaufen eine beliebte Freizeitbeschäftigung.

Bild: Staatsarchiv St.Gallen

Der «Büntliger» Ernst Abderhalden hat im Jahre 1973 seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Bunt, zwischen Wattwil und Lichtensteig gelegen, aufgezeichnet. Er wollte weder ein literarisches Werk schaffen noch wissenschaftlich glänzen: «Eher soll es den Leser anregen, diesen einmal gesponnenen Faden mit Selbsterlebtem und Erfahrenem zu eigenem Sinnieren und Ergötzen zusammenzuwirken.»

In seinem «Büntliger Spiegel» zeigt sich Ernst Abderhalden als ausgezeichneter Beobachter und guter Kenner der örtlichen Familiengeschichten. Der Autor weiss genau, wer mit wem verwandt ist und wen es in seinem Leben wohin verschlagen hat. Tatsächlich fällt auf, wie viele Dorfbewohnerinnen und -bewohner im Laufe der Zeit ausgewandert sind, in die Westschweiz, ins Deutsche Reich, nach Österreich-Ungarn, in die USA, ja bis nach Buenos Aires.

Pfadschiff, von einem Pferd oder von Ochsen gezogen

Ernst Abderhalden stützte sich bei seinen Erinnerungen auf ein Kindertagebuch, das er mit Neujahr 1905 begonnen hatte. Dieser Winter war ungewöhnlich kalt und schneereich. Oft musste das Schneeschiff, ein Vehikel, bestehend aus Wegmacher, Fuhrmann und einem Pferd von Sonnenwirt Beerli frühmorgens ausrücken.

Das Schiff hatte eine Pfadbreite von circa drei Meter und fuhr so früh, «dass auf alle Fälle die erste Appenzellerpost keine Verspätung riskieren musste». Das «Grosse» (Schneeschiff) fuhr bei Bedarf später und wurde von vier bis sechs stattlichen Ochsen gezogen. Den Ricken pfadete man nachts gleichzeitig von Wattwil aus wie auch auf der Dürrwälderseite bis zur Passhöhe.

Schlimmer als der Schnee war die Kälte

Schnee bedeutete also viel Arbeit und Aufwand, doch war man irgendwie darauf vorbereitet. Schlimmer war im Zeitalter vor der Zentralheizung die Kälte. Einmal fror im Zimmer der Schwester gar die Wolldecke am Bettrand zu, so kalt war es. Die Ofenheizung wirkte in der Regel nur in der Stube, die Schlafkammern blieben deshalb ungeheizt. Holz und Kohle waren zudem recht teuer. Da und dort standen zwar ein «stinkendes» Anthrazit- oder ein rauchendes Petrolöfeli.

Im Ofenrohr brätelte man zudem Äpfel und hielt den Kaffee oder die Suppe warm für die späteren Heimkehrer. Fliessendes Wasser im Haus war Luxus. Immerhin versagte der Brunnen vor dem Haus der Abderhaldens nie seinen Dienst. Trotz des schützenden Brunnenhäuschens gefror jedoch das Wasser bei minus 20 Grad schnell. Die grossen Eiszapfen mussten mit Pickel und Beil weggeschlagen werden.

Eistanz mit Konzert der Blechmusikgesellschaft

Es wäre nun verfehlt, zu glauben, dass die Büntliger Jungmannschaft im Winter gar keine Freuden hatte. An erster Stelle des Vergnügens stand das Schlittschuhlaufen. Es gab zwei nahe Anlagen, die städtische Lichtensteiger und die eigene in Bunt. An Sonntagen spielte die heimische Blechmusikgesellschaft auf und lockte auch Wattwilerinnen und Wattwiler zum Eistanz. Eishockey war damals erst in Davos, St.Moritz oder in einigen Westschweizer Internaten (Les Avants, Rosey etc.) bekannt. Die Ausrüstung der Buben war bescheiden. Spass hat es trotzdem gemacht.

Quelle

Abderhalden, Ernst: «Ein Büntliger Spiegel, Erinnerungen von Ernst Abderhalden». St.Gallen: Selbstverlag des Autors 1973. Das rare, schön bebilderte Büchlein ist nur noch auf antiquarischem Weg zu erstehen.