Im Obertoggenburg gibt es immer mehr Hirsche – die Jagd ist eine Herausforderung für die Jäger

Der Bestand an Hirschen im Obertoggenburg ist gut, bei den Gämsen ist die Zahl jedoch stark zurückgegangen. Dies zeigen die aktuellen Zahlen des Kantons St.Gallen.

Sabine Camedda
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Hirsche sind auf dem Vormarsch: Im Obertoggenburg ist der Bestand kontinuierlich gewachsen, trotz höherer Abschussquoten.

Hirsche sind auf dem Vormarsch: Im Obertoggenburg ist der Bestand kontinuierlich gewachsen, trotz höherer Abschussquoten.

Bild: Stefan Borkert

Dem Hirsch geht es gut im Obertoggenburg. Der Bestand hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen, obwohl die Abschussquoten laufend erhöht wurden. Die Zählung der Tiere erfolgt im Frühjahr, wenn sie auf die frisch grünenden Wiesen in Talnähe hinunterziehen, sagt Urs Büchler, der als kantonaler Wildhüter für das Gebiet der Gemeinden Wildhaus-Alt St.Johann, Nesslau, Ebnat-Kappel, Wattwil, Hemberg und St.Peterzell zuständig ist.

Jeweils in einer Nacht zählt die Wildhut zusammen mit Jägern die Tiere, die sie im Scheinwerferlicht ausmachen. «Je nach Schneelage stehen die Hirsche aber an anderen Orten», sagt Urs Büchler. Liegt wenig Schnee, sind die Tiere weiter über den Lebensraum verteilt und die Erfassung des Bestandes ist aufwendiger.

Der Hirschbestand ist schwer zu regulieren

Dessen ungeachtet, die Tendenz zeigt klar eine weitere Verbreitung des Hirsches. Dem versucht der Kanton mit höheren Abschussvorgaben entgegenzusteuern. Der Zuwachs sollte abgeschöpft und der Bestand stabilisiert werden. Doch noch gelingt dies den Jägern kaum.

Entwicklung des Hirschbestands im Obertoggenburg

Bestand
Abschuss
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«Der Hirsch ist dem Jäger eine Nasenlänge voraus», sagt Urs Büchler. Er lässt sich nur schwer jagen, verzieht sich in Nachtzeiten in höher gelegene Lebensräume, wo die Jagd schwieriger ist. «Es wird in der ganzen Schweiz in Zukunft eine grosse Herausforderung sein, den Hirschbestand zu regulieren», sagt Urs Büchler.

Denn die Forst- und Landwirtschaft beklagt immer wieder Schäden durch unsere grösste, einheimische Wildart. In diesem milden Winter waren die Tiere besser über den Lebensraum verteilt gewesen. Doch im schneereichen Winter 2018/2019 gab es Ansammlungen in den besonders geeigneten Überwinterungsgebieten, da verursachten die Hirsche an mehreren Orten grössere Schäden.

Rehbestand wird durch den Luchs reguliert

Der Hirsch hat, im Gegensatz zum Reh, in der Schweiz kaum natürliche Feinde. Der Luchs hat den Rehbestand in den vergangenen Jahren reguliert. Die Natur reagiert jedoch schnell: Im Obertoggenburg gab es im vergangenen Jahr eine tiefere Präsenz des Luchses, die sich bei leicht steigenden Zahlen beim Rehbestand niederschlägt.

Entwicklung des Rehbestands im Obertoggenburg

Bestand
Abschuss
20152016201720182019Jahr0200400600800

Und wie sieht es aus bezüglich der Konkurrenz von Reh und Hirsch? Urs Büchler hat beobachtet, dass der Rehbestand auch dort zurückgeht, wo der Hirsch nicht so stark präsent ist. «In dem von mir betreuten Gebiet verteilen sich die Rehe viel gleichmässiger über den Lebensraum als die Hirsche. Diese leben im Sommerhalbjahr eher in Hochlagen.»

Waldgämsen sind selten geworden

Für die Gämsen war das Jahr 2019 schwierig. Der strenge Winter mit viel Schnee sorgte für verhältnismässig viele Abgänge bei den Jungtieren. Dazu kam die Gamsblindheit, die im Bereich der Churfirsten grassierte. Etliche weibliche Tiere aus der mittleren Altersklasse sind daran eingegangen. «Ich hoffe aber sehr, dass sich der Bestand wieder erholen wird», sagt Urs Büchler. Zumal in einigen Jagdrevieren keine Gämsen mehr erlegt werden.

Entwicklung des Gamsbestands im Obertoggenburg

Bestand
Abschuss
20152016201720182019Jahr0200400600800

Weniger positiv sieht der Wildhüter die Entwicklung bei den Gämsen, die ihren Lebensraum in den Wäldern habe. «Die Gams kann sich dem Luchs, der dort lebt, nicht entziehen», sagt er. Der Bestand sei darum stark zurückgegangen. Die Bestände würden sich kaum erholen, auch wenn das Tier nicht bejagt wird. In den Gebieten über der Waldgrenze sei die Gams aber vor dem Luchs sicher.

Immer mehr Steinböcke in den Churfirsten und im Alpstein

Auf steigendem Niveau ist der Bestand bei den Steinböcken. Die Churfirsten-Kolonie hat mit 255 Tieren jene im Alpstein, die 180 Tiere zählt, inzwischen überholt. «Die Bestände sollten nicht weiter anwachsen», sagt Urs Büchler. Entsprechend legt der Kanton St.Gallen die Abschusszahlen für diese nach wie vor geschützte Wildart fest.

Abschüsse von Steinböcken und Wildschweinen im Obertoggenburg

Steinböcke
Wildschweine
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Auswirkungen hatte der schneereiche Winter des Vorjahres ebenfalls auf die Wildschweine. «Wir hatten im vergangenen Jahr eine tiefe Präsenz von Sauen im Obertoggenburg», hält Urs Büchler fest. Er musste nur wenige Schadensmeldungen aufnehmen, hauptsächlich von Einzeltieren, die wohl aus dem Rheintal und dem Linthgebiet kamen.

Wildschwein profitiert vom Klimawandel

Für dieses Jahr erwartet der Wildhüter aber eine andere Ausgangslage. Ein milder Winter und ein gutes Nahrungsangebot werden die Populationen ansteigen lassen. «Das Wildschwein ist einer der Profiteure des Klimawandels», sagt Urs Büchler. Doch auch für weitere Wildtiere war der vergangene Winter einfacher zum Überleben und Elterntiere konnten ihre Jungen gut aufziehen. Hingegen haben auch Parasiten vom milden Winter profitiert. Im Obertoggenburg gab es viele Füchse und Dachse, die von Staupe befallen waren und daran eingegangen sind.

Weniger Freude am milden Winter hatten hingegen die Raufusshühner. «Wissenschafter gehen davon aus, dass der verfügbare Lebensraum der Schneehühner mit dem Klimawandel kleiner wird», sagt Urs Büchler. Mit Zahlen belegt ist dies im Alpstein- und Churfirstengebiet jedoch noch nicht. Die Zählungen, die jeweils in einem definierten Testgebiet durchgeführt werden, weisen noch nicht auf einen Rückgang der Bestände hin.