Interview

Christian Zehnder: «Ich will die Welt ins Toggenburg holen»

Seit September ist der in Basel wohnhafte Zürcher Christian Zehnder als künstlerischer Leiter der Klangwelt Toggenburg tätig. Er beabsichtigt, vermehrt auf Musik aus aller Welt zu setzen, und ist bezüglich der Klanghaus-Pläne zuversichtlich.

Anina Rütsche
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Christian Zehnder, künstlerischer Leiter der Klangwelt Toggenburg. (Bild: PD)

Christian Zehnder, künstlerischer Leiter der Klangwelt Toggenburg. (Bild: PD)

In der Ostschweiz ist Christian Zehnder kein Unbekannter, obwohl er in Zürich aufgewachsen ist und seit Jahrzehnten in Basel lebt. Der Stimmenkünstler und Musiker ist nämlich schon mehrmals am Klangfestival im Obertoggenburg aufgetreten. Nun verstärkt sich sein Bezug zu unserer Region, denn seit vergangenem September ist der 57-Jährige neuer künstlerischer Leiter der Klangwelt in Alt St.Johann.

Christian Zehnder, wie gefällt Ihnen das Toggenburg?

Es ist eine wunderschöne Gegend, wie geschaffen für musikalische Tätigkeiten aller Art. Dies, weil der traditionelle Gesang hier eine lange Tradition hat, aber auch, weil die ländliche Umgebung unglaublich inspirierend wirkt. Die Natur und die Berge vermitteln mir die nötige Ruhe, um mich auf meine neue Tätigkeit einzulassen. Allerdings verbringe ich derzeit nur einen bis zwei Tage pro Woche im Toggenburg. Mein Hauptwohnsitz befindet sich aber nach wie vor in Basel. Ohnehin bin ich oft unterwegs, um Kontakte zu Musikschaffenden zu pflegen und neue Orte zu entdecken, an denen sich Klangkurse durchführen lassen.

Was haben Sie in Ihrer neuen Funktion als Erstes in Angriff genommen?

Zuerst habe ich mich um die Struktur unserer Klangkurse gekümmert und diese in vier Welten gegliedert, um das Ganze übersichtlicher zu gestalten. Die Welten heissen Urklang, Wohlklang, Neuklang und Erlebnisklang. Vor allem die Disziplinen Neuklang und Erlebnisklang, also das Moderne und Experimentelle, möchte ich stärken. Die Welt des Jodelns ist ja bereits ein Kompetenzzentrum in der Klangwelt.

Ihre Vorgängerin Nadja Räss war Intendantin der Klangwelt, Sie sind nun als künstlerischer Leiter angestellt. Worin besteht der Unterschied?

Die Intendanz als Gesamtleitung bei einer einzigen Person gibt es nicht mehr. Neu sind das Geschäftliche und das Künstlerische voneinander getrennt, und die Aufgaben wurden nach Kompetenzen verteilt. Als künstlerischer Leiter bin ich für die Inhalte der Klangkurse verantwortlich und für das Klangfestival, das im Jahr 2020 zum nächsten Mal durchgeführt wird. Auch wenn es bis dahin noch einige Zeit dauert, stecke ich schon mitten in den Vorbereitungen für diesen Grossanlass, der sich an Musikliebhaber, aber auch an Einheimische richten soll.

Wie lässt sich Ihr Job bei der Klangwelt eigentlich mit Ihrem eigenen musikalischen Schaffen verbinden?

Zunächst war ich 40 Prozent bei der Klangwelt angestellt, ab Dezember sind es 80. Das erlaubt mir zum Glück, weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Unter anderem werde ich mich meinem aktuellen Soloprogramm «Songs from new space mountain» oder Kompositionsaufträgen widmen.

Welche neuen Akzente werden Sie beim Klangfestival und den Kursen setzen?

Ich habe vor, neben dem klassischen Jodel, der Tradition und der Musik der Welt vor allem auf thematisch Inhalte setzen und das Festival so neu auszurichten. Es ist noch ein bisschen früh um genaueres zu verraten. Zusammengefasst besteht mein Ziel darin, interdisziplinärer und Zukunftsweisender zu werden und neue Themen ins Toggenburg zu bringen.

Ein weiteres wichtiges Projekt der Klangwelt ist das geplante Klanghaus am Schwendisee. Wie optimistisch sind sie für die Klanghaus-Vorlage im Kantonsrat und für die Volksabstimmung?

Diesbezüglich bin ich zuversichtlich. Mich überzeugt das überarbeitete Konzept inhaltlich sehr, die Finanzierung ist realistischer geworden und die Bevölkerung wurde besser integriert. Ich verstehe die Klanghaus-Vorlage nicht bloss als Konzept, sondern als Vision. Und es gehört zu den Eigenheiten von Künstlern, sich stets für solche Visionen stark zu machen.

Und welche Pläne haben Sie bezüglich der Ausstellung in der Klangschmiede?

Wir sind gerade dabei ein neues Konzept für die Ausstellungsräume umzusetzen. Die Besucher sollen - so viel sei verraten - sich aktiver durch die Ausstellung bewegen und allerlei ausprobieren können. Dies fördert bei allen Altersstufen das Verständnis für die Themen rund um den Klang, und soll vor allem Spass machen, und das ist doch die Hauptsache.

Ein Leben für und mit der Musik

Christian Zehnder ist als Stimmenkünstler und Komponist tätig. Er wurde in Zürich geboren, lebt und arbeitet aber seit 30 Jahren in Basel. Mitte 2018 wurde er zum neuen künstlerischen Leiter der Klangwelt Toggenburg in Alt St.Johann ernannt, dies als Nachfolger der Jodlerin Nadja Räss, die nun an der Hochschule Luzern unterrichtet.

Der 57-jährige Zehnder bringt umfassende musikalische Erfahrungen ins Obertoggenburg mit, denn er hat das Jazzstudium als Gitarrist und das klassische Studium in Gesang (Bariton) absolviert. Es folgten Weiterbildungen in Obertongesang und Körperstimmtechniken. Der nonverbale Ausdruck der menschlichen Stimme und die verschiedenen Jodel-Kommunikationsformen, das sogenannte Global-Jodeling, spielen in Zehnders Schaffen eine bedeutende Rolle. In Fachkreisen gilt er als einer der kreativsten und innovativsten Köpfe dieser Szene.

1996 initiierte er zusammen mit dem Bläser Balthasar Streiff das international renommierte Duo Stimmhorn, mit dem er mehrfach ausgezeichnet wurde und zahlreiche CDs, Filme und Musiktheater realisierte. Auch Konzerttouren durch die ganze Welt und die Zusammenarbeit mit Musikern aus diversen Ländern gehören zu Christian Zehnders Werdegang. Neben seinen Projekten zwischen Jazz, neuer alpiner und zeitgenössischer Musik ist Zehnder heute als Regisseur und Komponist im Schauspiel und Musiktheater tätig. (pd/aru)