«Ich war bei Vater und bei der Gotte»: Verdingbub Niklaus Amacker – noch ein armer Mann im Toggenburg 

Niklaus Amacker war Verdingbub, Knecht und Lastwagenchauffeur. Und er war eine starke Persönlichkeit.

Fabian Brändle
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Ein Schweizer Verdingbub aufgenommen im Jahr 1945. Sie leisteten meist sehr strenge Arbeit.

Ein Schweizer Verdingbub aufgenommen im Jahr 1945. Sie leisteten meist sehr strenge Arbeit.

Bild: PD

Niklaus Amacker wurde am 24. März 1927 als Sohn eines gleichnamigen Tagelöhners und der Berta Kuratli im Bendel geboren. Die Mutter starb bereits im Jahr 1933, sodass Niklaus Amacker als bevormundeter Halbwaise auf dem Bendel aufwuchs. Die 1930er-Jahre, das Jahrzehnt der Weltwirtschaftskrise, die 1929 am «Schwarzen Freitag» mit einem Börsencrash in New York begonnen hatte und eine hohe Arbeitslosigkeit und Armut verursachte, war eine schwere Zeit für die vielen Toggenburger Sticker.

Zudem sprossen in Ebnat-Kappel, in Krummenau und in Nesslau grosse Webereien aus dem Boden. Eine starke Konkurrenz für die ohnehin schon verarmten Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter.

Mühsamer Arbeitsweg in schneereichen Wintern

Auch Vater Amacker war relativ arm. Er war zum Beispiel nicht Hausbesitzer, sondern lediglich Mieter. Als Tagelöhner half er im Sommer den Bauern bei der Heuernte, wirkte am Bau von Waldstrassen mit oder führte im Wald Holzarbeiten aus:

«Der Vater war dankbar für jeden Tag, an dem er Arbeit hatte.»

Wenn im Krummenauer Bahnhof ein Bahnwagen mit einer Ladung Stroh für die Lütismühle eintraf, konnte Vater Amacker mit seinen Pferden die Bauern zwei bis drei Tage lang mit Stroh versorgen. Zum Teil fanden die arbeitslosen Sticker auch Arbeit in den Fabriken im Tal. Der Arbeitsweg betrug dann über eine Stunde, besonders mühsam war das Bewältigen des Weges während schneereichen Winter.

Nachdem die Mutter gestorben war, kamen die drei Amacker-Kinder zu ihren Taufpaten, welche ihre Pflicht erfüllten. Die Schwester gelangte nach Nesslau in einen Bauernhof, wo sie hart arbeiten musste. Der Bruder kam nach Urnäsch ins Appenzeller Hinterland, wo er im Restaurant Tiergarten eine Lehre als Koch absolvieren sollte. Er wurde Chefkoch im Genfer Völkerbundpalais, wo ihm dreissig Köche unterstellt waren. Niklaus Amacker blieb beim Vater. Seine Gotte, eine Schwester des Vaters, war eine ledige Frau, die ihrem Bruder den Haushalt führte, «und so war ich bei Vater und bei der Gotte».

Jede Gelegenheit bei Schopf gepackt

Schüler, die sich keine Ski leisten konnten, bekamen diese damals gratis von der Schule. Kaum ein Auto blockierte die Strassen. Im Bendel waren damals ohnehin nur zwei Autos zugelassen. Jeden Frühling musste der angeschwemmte Schlamm aus dem Sägeweiher geschaufelt werden. Der Vater erhielt dann neben dem Arbeitslohn einige Forellen. Die Gotte machte für eine Bauernfamilie Kommissionen im Dorf. Niklaus Amacker packte jede sich bietende Gelegenheit beim Schopf, um ein paar Rappen Bargeld zu verdienen. Das war typisch für einen «Armleutebub». Die Dorfarmen betrieben damals eine regelrechte «Sammelwirtschaft», um über die Runden zu kommen.

Niklaus Amacker konnte seinen Traum, die Sekundarschule zu besuchen und dann eine Lehre als Automechaniker zu absolvieren, vergessen. Er musste sobald wie möglich eigenes Geld verdienen. Er zog deshalb nach Oberhelfenschwil und half dort einem Bauern. Er war nun ein Verdingbub.

Obwohl Fabrikarbeit seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz für Kinder verboten war, hatten namentlich Bauern und Gewerbetreibende stets Bedarf an helfenden kleinen Händen. Das galt namentlich für die sogenannten Verdingkinder. Von den Behörden bevormundete und fremdplatzierte Kinder und Jugendliche, die sehr hart zu arbeiten hatten, auf Höfen und in Läden Knechte und Mägde ersetzten und in vielen Fällen körperlich und sexuell missbraucht wurden, wobei so manche Vormünder, Lehrer oder Pfarrer geflissentlich wegsahen.

Schon früh gelernt, sich zur Wehr setzen

Als Halbwaise stand Niklaus Amacker unter Vormundschaft. Sein Vormund war der Gemeindeammann von Kappel, der ihn zu einem Schmid, der als Tyrann und Grobian bekannt war, in die Lehre schicken wollte. Niklaus Amacker weigerte sich jedoch mit Erfolg, die Lehrstelle anzutreten. Er wollte Automechaniker werden, um sich später bei der Alpenpost zum Chauffeur ausbilden zu lassen. Niklaus Amacker hatte schon früh gelernt, sich zur Wehr zu setzen und war eine starke Persönlichkeit.

Hinweis

Amacker, Niklaus. Die Lebensgeschichte eines armen Bergbuben aus dem Toggenburg. «Geh ehrlich durch die Welt, auch wenn Du dabei nicht reich wirst.» Verlag Reinhold Liebig, Frauenfeld, 2004, 100 Seiten.