Der Mann, der auf drei Hochzeiten tanzt

Simon Lüthi aus Ebnat-Kappel liebt die Abwechslung. Er ist Mesmer und engagiert sich in der Seniorenarbeit seiner Gemeinde. Auch macht der 36-Jährige viel Musik - dabei kann er gar keine Noten lesen.

Michael Hug
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Wenn beim Senioren-Spielnachmittag im «Schöntal» jemand für eine Jassrunde fehlt, setzt sich Simon Lüthi gerne dazu. (Bild: Ralph Ribi)

Wenn beim Senioren-Spielnachmittag im «Schöntal» jemand für eine Jassrunde fehlt, setzt sich Simon Lüthi gerne dazu. (Bild: Ralph Ribi)

Simon Lüthi ist Teilzeitmesmer, Teilzeitseniorenarbeiter und Teilzeitmusiker. «Ich liebe die Abwechslung», sagt der gebürtige Ebnat-Kappler. Die hat er bestimmt mit seinen drei Jobs, noch dazu kann er sich bei allem die Zeit frei einteilen. Doch wenn die Termine mal gesetzt sind, dann ist Lüthi da, pünktlich und zuverlässig und zu einhundert Prozent. Dann macht er Musik, kümmert sich um «seine» Senioren oder sorgt sich um die Ordnung in der Kirche. «Ich bin auch noch Musiklehrer», wendet der Vielbeschäftigte ein, «ich unterrichte Schwyzerörgeli, Mini­örgeli, Handorgel und Bass.»

Er macht, was er am liebsten macht

Musik ist Lüthis grösste Leidenschaft. Aber: «Ich mache Musik aus Freude und könnte mir nicht vorstellen, dies hauptberuflich zu tun.» Weil er von der Musik nicht unbedingt leben muss, hat er keinen Druck und kann machen, was er gerne macht. Würde er sich als Musiker behaupten wollen, müsste er Sachen machen, die er nicht wirklich will: «Ich mag das Kommerzielle im Musikbusiness nicht.»

Wenn er mit seiner Formation, dem Ländlerquartett Tanzboden, in Ad-hoc-Formationen oder als Bandmusiker beim Jodelmusical «Stilli Zärtlichkeite» aufspielt, ist das Kommerzielle weit weg. Obwohl er damit natürlich auch Geld verdiene, spiele da über allem die Freude mit, die Leidenschaft, und das sei der grösste Antrieb und auch die beste Garantie für einen wohlgelaunten Abend.

Simon Lüthi spielt zu Hause, aber auch im Rahmen von Auftritten auf seinem Örgeli. (Bild: Ralph Ribi)

Simon Lüthi spielt zu Hause, aber auch im Rahmen von Auftritten auf seinem Örgeli. (Bild: Ralph Ribi)

Darum ist Lüthi «nur» Teilzeitmusiker und engagiert sich in der Evangelischen Kirchgemeinde Ebnat-Kappel als Seniorenarbeiter. «Da organisiere ich zum Beispiel jeden Montag den Spielnachmittag. Wenn dann einer zum Jassen fehlt, helfe ich manchmal auch aus.» Dann sind Seniorenreisen oder Seniorenferien zu planen und zu begleiten oder die wöchentlichen Seniorennachmittage zu organisieren. Da gibt es einen Film oder ein Theater zu sehen oder ein interessantes Referat zu hören.

Ausserdem programmiert Lüthi seit drei Jahren die beliebten Neujahrskonzerte der Evangelischen Kirchgemeinde Ebnat-Kappel und neu auch das Programm «Folk & Folklore – Muota­thal & Toggenburg». Organisieren scheint ein weiteres Talent des Toggenburgers zu sein.

«Ich nehme die Musik wohl anders auf als andere»

Leise Töne mag Simon Lüthi lieber als laute. Das gilt auch für seine Arbeit in der Kirche. (Bild: Ralph Ribi)

Leise Töne mag Simon Lüthi lieber als laute. Das gilt auch für seine Arbeit in der Kirche. (Bild: Ralph Ribi)

Doch dann überrascht der 36-Jährige: «Nein, ich kann nicht Noten lesen!» Wie geht denn sowas? «Ich habe einfach die Gabe, dass ich Musik vielleicht etwas anders aufnehme als andere. Ich höre mir ein Stück an und spiele es dann einfach nach.» Es komme gar nicht so selten vor, dass Musiker oder Musikerinnen nicht Noten lesen können, gerade in der Volksmusikszene: «Bei uns im Quartett kann eigentlich keiner richtig Noten lesen.» Aber so einfach sei es dann trotzdem nicht. Auch bei Gehörspielern sei das Üben eine wichtige Freizeitbeschäftigung, so Lüthi, und er lacht bei diesen Worten. Dabei komponiert der gelernte Elektromonteur auch – ohne Noten, nur mit dem Einprägen der Melodie im Gedächtnis.

Lüthi ist mit der ländlichen Musik des Toggenburgs aufgewachsen. «Das heisst nicht, dass ich nur Volksmusik spiele. Ich mag jede Form Musik, besonders aber handgemachte Musik. Ich schätze es, wenn man das Handwerk noch hört und nicht etwas einfach aus der ‹Büchse› kommt. Stilistisch bin ich offen für alles, solange auch die Lautstärke erträglich ist.» Laute Töne mag der Toggenburger nicht, dafür ist er offen für musikalische Experimente.

«Da bin ich nicht der typische Toggenburger Volksmusiker. Der ist ja eher traditionell orientiert, macht selten Seitensprünge. Bei mir ist das anders.»

Aber gerade das Experimentieren reize ihn sehr, und so suche er stets auch neue Erfahrungen mit Musikern aus anderen Landesteilen. Interessanterweise habe er dabei das in einer Gegend kennen gelernt, wo man den Blick über den musikalischen Tellerrand hinaus am wenigsten erwarten würde: im Muotathal.

Grenzen überschreiten und quer durch die Stile spielen

Da würden mehr Grenzen überschritten, da wird auch mal quer durch die Stile gespielt, hat Lüthi festgestellt. Das kommt ihm, dem Vielseitigen, entgegen: «Da sage ich nicht Nein, wenn einer fehlt, setze mich hin, spiele mit und höre dabei auch gut zu.»

Beim Musizieren im Muotathal hat er seine Partnerin Karin Gwerder, eine Jodlerin, kennen gelernt und sozusagen ins Toggenburg entführt. Am südlichen Dorfrand von Ebnat-Kappel haben die beiden im letzten Jahr ein Haus gebaut und bezogen. Ruhig ist es da und sonnig: «Hier störe ich auch niemanden, wenn ich mal schräge Töne spiele.» Von hier aus kann der Musiker auch seinen Hobbys nachgehen: Biken, Wandern, Musik und Tanzen. Vielseitig und abwechslungsreich muss es sein, ganz so wie Simon Lüthi es mag.

Veranstaltungshinweis: Die Heimat leben

Der Erfolg der Neujahrskonzerte in Ebnat-Kappel hat Simon Lüthi und seine Mitmusiker motiviert, eine kleine Tournée in ähnlicher Art und Zusammensetzung zu machen. Im Programm mit dem langen Titel «Musiker/innen aus Ebnat-Kappel und dem Muotathal leben ihre Heimat» präsentieren Beny Betschart, Andy Betschart, Fredy Heinzer, Karin Gwerder und Simon Lüthi eine weitere Ausgabe eines breitgefächerten Musikprogramms. Von hüben wie drüben, dem Muotathal und dem Toggenburg, wie auch aus den Stilen Jazz, Rock, Pop oder Country. Von heimelig und urchig bis rockig und schräg geht’s ab in der evangelischen Kirche Ebnat in Ebnat-Kappel am Freitag, 19. Oktober, um 20.15 Uhr. Der Eintritt ist frei. Es wird eine Kollekte erhoben. (mhu)