«Ich dachte, es gehört irgendwie zur Schweiz»: Die Russin Anna Kägi absolvierte eine Lehre als Milchtechnologin und qualifizierte sich für die Swiss Skills

Aufgewachsen und studiert in Russland, zog Anna Kägi der Liebe wegen in die Schweiz und absolvierte eine Lehre als Milchtechnologin. Am 16. November nahm die Ennetbühlerin an den ersten Swiss Skills der Branche teil.

Julia Engel
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Durch ihren Job könne sich Anna Kägi das Krafttraining sparen. Um ihre Ausdauer zu trainieren, gehe sie gerne wandern - zum Beispiel in den Toggenburger Bergen.

Durch ihren Job könne sich Anna Kägi das Krafttraining sparen. Um ihre Ausdauer zu trainieren, gehe sie gerne wandern - zum Beispiel in den Toggenburger Bergen. 

Bild: Julia Engel

Vor gerade einmal viereinhalb Jahren ist Anna Kägi aus Russland in die Schweiz gekommen. Nun hat sie bereits einen Lehrabschluss in der Tasche, spricht fliessend Deutsch und plant Weiterbildungen für ihre Zukunft.

Dank ihrer guten Platzierung bei den Ostschweizer Regio Skills durfte die Ennetbühlerin bei den Swiss Skills der Milchtechnologinnen und Milchtechnologen teilnehmen. Für die Branche der Milchtechnologie wurden die Swiss Skills am 16. November dieses Jahres zum ersten Mal durchgeführt.

Preise absahnen und für die LAP vorbereiten

Bei den Regio Skills im März belegte Anna Kägi den zweiten Platz. «Es war sehr spannend», sagt sie zu ihrer Teilnahme. Über ihren Platz sei sie dennoch überrascht gewesen:

«Ich habe diese Platzierung nicht erwartet.»

Noch weitere gute und motivierte Leute seien in ihrer Gruppe gewesen. Vielleicht hat Kägis Vorbereitung den Unterschied ausgemacht. «Ich habe den Stoff etwas wiederholt. Nicht so genau wie für die LAP, die ich nach den Regio Skills schrieb, aber trotzdem ein bisschen», erzählt sie.

Der Hauptpreis für die beiden Erstplatzierten sei die Teilnahme bei den Swiss Skills diesen Herbst gewesen. Diese haben Kägi gut gefallen: «Es war sehr schön. Ich hatte ein ziemlich gutes Gefühl. Alles war gut organisiert.» Ihre genaue Platzierung kennt sie zu ihrem Bedauern nicht: «Für mich fehlt, dass man eine genaue Rangliste geschickt bekommt.» Selbst durch mehrmaliges Nachfragen habe sie nur den eigenen Punktestand in Erfahrung bringen können. «Es wäre spannend zu wissen, wie viele Punkte man in den einzelnen Bereichen wie Kommunikation oder praktische Arbeit bekommen hat und wo Punkte abgezogen wurden, selbst, wenn es einem nichts bringt», so Kägi. Trotzdem zieht sie als Teilnehmerin der Regio und Swiss Skills eine positive Bilanz: «Es ist etwas Schönes. Zudem kann man sich damit ein bisschen für die LAP vorbereiten.»

Ins Toggenburg der Berge wegen

In die Schweiz gezogen hat Kägi die Liebe: «Ich bin dank meinem Mann in die Schweiz gekommen.» Im Wallis sei sie damals mit ihren Eltern in den Ferien gewesen. «Beim Wandern habe ich ihn kennen gelernt.» Drei Jahre lang habe sich das Paar regelmässig besucht und sei zusammen gereist. «Dann bin ich zu ihm gezogen», so Kägi.

«Als wir geheiratet haben, wollten wir die Nähe zu den Bergen», erzählt sie. Bereits als sie ihren damals noch Freund besucht habe, seien sie für ein paar Tage im Tal gewesen. «Wir wanderten auf den Säntis und die Churfirsten.» Nun wohnen die beiden im Ennetbühl bei Nesslau. «Es ist so schön hier, deshalb dachten wir: dorthin wollten wir», sagt sie lachend.

Russisches Studium und Schweizer Lehre

In Russland studierte Kägi Lebensmittelwissenschaften. Doch: «Das russische Diplom wird hier nicht anerkannt. Ich wüsste auch nicht, was ich damit machen sollte.» Sie entschied sich, eine Schweizer Lehre als Milchtechnologin zu absolvieren.

«Mit meiner Ausbildung bin ich eine respektierte Spezialistin.»

Bereut habe sie es nie, diese Ausbildung gemacht zu haben, denn sie sei sehr spannend. «In meinem Alter ist es zwar etwas schwer, mit dem kleinen Lehrlingslohn auszukommen. Doch ich habe die verkürzte Lehre gemacht für zwei Jahre lang.» Den Grund dafür erklärt sie sich mit ihrem Russischen Diplom: «Es ist ja schliesslich ein Abschluss auf Universitätsniveau.»

Als Fachperson spezialisiert

Auch wenn sie der Lebensmittelbranche treu blieb, erkennt Kägi Unterschiede zwischen ihrem Studium und der Lehre: «Im Studium hatten wir viel Biologie, Chemie, Mathe und Physik. Hier ist man sehr spezialisiert auf Milchtechnologie, dafür kann man mehr in die Tiefe gehen.» Die Wahl der Lehre erklärt Kägi so:

«Ich dachte, es gehört irgendwie zur Schweiz. Etwas speziell ist es schon, als Russin hier in der Schweiz so etwas zu machen.»

Als Hauptgrund für ihren Verbleib in der Lebensmittelbranche nennt sie, dass Milchtechnologen sehr gesucht seien. «Ich wollte zuerst Landschaftsarchitektur studieren und damit mein Hobby zum Beruf machen.» In diesem Beruf gebe es jedoch kaum Stellen. Also habe sie sich der Milchtechnologie zugewendet. «Mein Hobby soll ein Hobby bleiben», sagt die Hobbygärtnerin.

Vom Schweizerischen Berufsbildungssystem ist Kägi begeistert: «Es ist super, dass es in der Schweiz Lehren gibt, bei denen man vor allem arbeitet und zudem die Schule besucht. In Russland ist das anders. Chapeau Schweiz.»

Krafttraining und Arbeit in einem

Ihre Lehre absolvierte Kägi in der Käserei Stadelmann in Nesslau. «Wir haben ein mega sympathisches Team hier. Typischerweise sind es nur Männer.» In der Milchtechnologie seien nämlich hauptsächlich Männer tätig, doch nicht ausschliesslich: «Es gab auch Frauen in der Schule.» Ihre Herkunft macht Kägi aber klar zu einem Einzelfall. «Viele finden es speziell, dass ich als Frau und zudem als Russin diesen Beruf ausgesucht habe.» Die meisten reagieren aber positiv darauf.

Anderen Frauen rät Kägi eine Lehre als Milchtechnologin, wenn man fit genug ist. Doch: «Man muss auf sich aufpassen.» Arbeite man in diesem Gewerbe, müsse man bis zu 40 Kilo schwere Milchkannen anheben können. Sie mache das nicht alleine, denn man könne guten Gewissens die Kollegen fragen. Ausserdem stehe man fast den ganzen Tag. Doch dies habe auch Vorteile:

«Man muss zusätzlich keinen Sport machen. Zumindest Krafttraining nicht, Ausdauer schon.»

Für Leute mit Rückenproblemen sei dieser Beruf nichts. In grösseren Betrieben der Branche sei die körperliche Leistungsfähigkeit jedoch nicht gleich stark gefragt, da dort heutzutage viel maschinell erledigt werde. «Das ist dafür weniger spannend», findet Kägi.

Gerne Verantwortung übernehmen

Kägis Lieblingsarbeit beginnt bereits früh am Morgen. «Wenn unser Fabrikationsleiter frei hat, darf ich seine Aufgaben übernehmen. Zentrifugieren morgens früh, den Käsebruch bereiten und ihn abfüllen. Das mache ich am liebsten.» Verantwortung zu übernehmen, gefalle ihr besonders. So gibt Kägi ihre Zukunftswünsche bekannt:

«Irgendwann einen Betrieb zu leiten wäre mega schön.»

Dann könnte sie auch selbst bestimmen, welche Produkte hergestellt werden. «Ich würde sehr gerne Weichkäse mit Schimmel herstellen. Das machen wir leider nicht, aber es wäre sehr spannend. Ich liebe Weichkäse», verrät sie. Käse kaufe sie hauptsächlich im Betrieb, in dem sie arbeitet. Doch: «Sehe ich etwas Neues, kaufe ich auch dieses. Ich liebe es, verschiedene Sorten zu probieren.»

Traum vom eigenen Betrieb

Für ihre Zukunft plant Kägi, im Bereich der Milchtechnologie zu bleiben. «Die Höhere Fachschule wäre spannend», verrät sie einen Wunsch. Doch auch andere Überlegungen macht sie sich: «Ich bin schon bald 31 und überlege gerade ziemlich intensiv, ob die Familienplanung oder die Fachschule zuerst kommt.» In der Fachschule wäre man für neun Monate in Sursee im Kanton Luzern im Internat. «Für die Familie ist das schwierig. Aber es wäre sehr spannend und eine gute Möglichkeit, in der Zukunft einmal eine Schicht oder einen Betrieb leiten zu können», so Kägi. Vorstellungen für den eigenen Betrieb hat sie auch bereits.

«Am liebsten wäre ich in den Bergen des Kantons Graubünden in einem kleinen Betrieb mit meinem Mann.»

Dieser habe zwar nichts mit ihrem Beruf zu tun, könnte diesen aber noch lernen oder im Verkauf arbeiten. «Das wäre die ideale Vorstellung für später», so Kägi. Zuerst wolle sie aber noch Erfahrungen sammeln.

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