Geschäftsleiter der Klangwelt Toggenburg: «Ich bin stolz, die Klangwelt zu vertreten»

Das Klanghaus am Schwendisee in Wildhaus ist seiner Realisierung einen Schritt näher gekommen, das Projekt wurde von der Regierung an den Kantonsrat überwiesen. Das ist aber nur eines der aktuellen Projekte von Geschäftsleiter Raphael Gygax.

Interview: Sabine Schmid
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Raphael Gygax, Geschäftsleiter der Klangwelt Toggenburg, steht bei einer Hausorgel, die in der Klangschmiede in Alt St. Johann zu besichtigen ist. (Bild: Sabine Schmid)

Raphael Gygax, Geschäftsleiter der Klangwelt Toggenburg, steht bei einer Hausorgel, die in der Klangschmiede in Alt St. Johann zu besichtigen ist. (Bild: Sabine Schmid)

Im Mai 2018 kam es zu einem grossen personellen Wechsel in der Klangwelt Toggenburg. Die Geschäftsleiterin Christina Rohner-Grob und die Intendantin Nadja Räss gingen weg. Der Toggenburger Raphael Gygax übernahm die Geschäftsleitung, der Posten des künstlerischen Leiters oder Leiterin ist nach wie vor unbesetzt. Nach rund 100 Tagen im Amt nimmt Raphael Gygax eine Standortbestimmung vor und spricht über die Fortschritte beim grössten Projekt der Klangwelt Toggenburg, dem Klanghaus in der Schwendi bei Wildhaus.

Raphael Gygax, können Sie jodeln?

Nein, das kann ich nicht. Ich kann im besten Fall «gradhebe». Vor kurzem haben wir mit den Teams der Klangwelt Toggenburg und von Toggenburg Tourismus einen Jodel-Schnupperkurs besucht. Dabei haben einige der Teilnehmer Talent bewiesen.

Hat jodeln Sie begeistert?

Ja, gewiss. Im Moment fehlt mir aber die Zeit, um es zu lernen und bei einem Jodelclub mitzusingen.

Was hat Sie bewogen, die Geschäftsleitung der Klangwelt Toggenburg zu übernehmen?

Die Aufgabe ist für mich eine neue und schöne Herausforderung mit einem touristischen Hintergrund. Die Klangwelt Toggenburg, wie sie entwickelt wurde und jetzt dasteht, hat mich von Beginn an fasziniert. Dass ich mich als Geschäftsleiter nun selber in diesem erfolgreichen Projekt engagieren kann, hat den Ausschlag gegeben, mich auf die Stelle zu bewerben.

Sie sind Toggenburger. Hat das mitgespielt, dass Sie in der Region bei einem Projekt mitarbeiten können, das übers Tal hinaus strahlt?

Auf jeden Fall. Ein gewisser Stolz, dass ich die Klangwelt Toggenburg vertreten darf, spielte auch mit.

Hatten Sie zuvor Berührungspunkte mit der Klangwelt Toggenburg?

Ich bin mit meiner Familie mehrmals pro Jahr auf dem Klangweg gewandert. Dass ich dieses Projekt nun vertreten und in einer Region arbeiten darf, wo andere Ferien machen, freut mich sehr.

Hat sich für Sie seit dem Arbeitsantritt etwas verändert, wenn Sie auf dem Klangweg wandern?

Beim Wandern schaue ich mit anderen Augen hin. Ich kontrolliere eher, ob alles funktioniert und nehme den Abfall mit, wenn etwas herumliegt. In erster Linie ist das Wandern auf dem Klangweg aber nach wie vor ein Familienausflug.

Mit Nadja Räss als Intendantin hatte die Klangwelt Toggenburg ein Aushängeschild, das weit herum bekannt war. Nach ihrem Weggang fehlt eine solche Persönlichkeit. Ist das ein Nachteil?

In den vergangenen Jahren war es wichtig, dass eine so bekannte Persönlichkeit wie Nadja Räss die Klangwelt Toggenburg repräsentierte. Mit ihr konnte die Klangwelt Toggenburg schweizweit bekannt gemacht werden. Sie war ein grosser Glücksfall. In der nächsten Phase ist dies weniger wichtig, vielmehr geht es um die Weiterentwicklung der verschiedenen Projekte.

Das Klangfestival fand im Mai statt, als Sie ihre Arbeit als Geschäftsleiter aufgenommen haben. Waren Sie bei den Vorbereitungen involviert?

Nein, gar nicht. Das Festival war so aufgebaut, dass meine Vorgängerin Christina Rohner-Grob und Nadja Räss zusammen mit dem OK den Anlass vorbereitet und durchgeführt haben. Beide legten ihre operative Arbeit erst danach nieder. So brauchte es meine Mitarbeit im OK gar nicht. Ich habe aber bereits vor meinem Stellenantritt an einigen Sitzungen des Stiftungsrats und der Geschäftsleitung teilgenommen, um über den Betrieb informiert zu sein.

Wie haben Sie das Klangfestival Naturstimmen erlebt?

Ich hatte eine besondere Position inne. Ich habe aktiv beim Aufbau und auch an der Kasse mitgearbeitet, aber ich trug keine Verantwortung. Dadurch hatte ich viel Zeit und viele Möglichkeiten, um mich mit der lokalen Bevölkerung und den Gästen auszutauschen. Ich konnte innerhalb kurzer Zeit viele Menschen kennen lernen, mit denen ich jetzt zusammenarbeite. Die Konzerte und das Rahmenprogramm schufen dafür ein anderes Umfeld als wenn es im Arbeitsumfeld gewesen wäre.

Haben Sie den Anlass auch bezüglich möglicher Veränderungen angeschaut?

Das Konzept an sich und die Konzerte mit jeweils drei Gruppen pro Abend, kommen auch bei mir gut an. Es gibt aber einige Details, die ich anders machen würde. Ein Konzert, das über zwei Stunden dauert, ist in meinen Augen deutlich zu lange.

Welche Vorteile erhoffen Sie sich dadurch?

Die Konzerte ohne Pause sind für die Gäste, die auf den Kirchenbänken sitzen müssen, zu lange. Es geht auch darum, dass die Gäste nachher mit den Sängern und den Jodelclubs im Klangstübli zusammensitzen können. Das kommt jetzt zu kurz.

Etwa gleichzeitig wie Sie hat Martin Sailer als künstlerischer Begleiter der Klangschmiede und des Klangwegs seine Arbeit aufgenommen. Was sind seine Aufgaben?

Martin Sailer gibt uns eine objektive Ansicht über unser gesamtes Angebot. Er versucht mit Inputs und mit neuen Ideen frischen Wind in die zwei Standbeine Klangweg und Klangschmiede zu bringen. Konkret plant er für nächstes Jahr einen Relaunch der Klangschmiede.

Wollen Sie damit den Gästen einen Anreiz für einen neuerlichen Besuch geben, weil Sie ja dann etwas Neues erleben können?

Genau, sie sollen bei einem zweiten Besuch einen Mehrwert haben.

Peter Roth ist in die Klangwelt Toggenburg zurück gekehrt. Was sind seine Aufgaben?

Er ist beratend und unterstützend in der Geschäftsleitung tätig. In der aktuellen Situation ohne Intendant entscheidet er zusammen mit mir über das Programm der Klangkurse im kommenden Jahr. Daneben treibt er die Projekte Klanghaus und Klangschwendi voran. Letzteres soll in der Schwendi die Zusammenarbeit zwischen den Hoteliers, dem Gastgewerbe, den Bergbahnen und der Klangwelt Toggenburg sicherstellen.

Sie sagten bereits, dass die Klangwelt Toggenburg eine künstlerische Leitung sucht. Was wären deren Aufgaben?

Der Intendant ist der künstlerische Leiter über die gesamte Klangwelt Toggenburg. In seinen Bereich fallen Aufgaben wie Künstler engagieren fürs Klangfestival Naturstimmen und für Werkstatt- oder Stobete-Konzerte in der Klangschmiede sowie Leiter für die verschiedenen Klangkurse. Die Person braucht ein grosses Netzwerk mit entsprechenden Kontakten, auch damit wir neue Klangkurse anbieten können.

Sie stellen sich als eine Person aus dem Musikkreis vor?

Das ist unsere Idee. Ob das jemand aus dem Bereich Jodel ist, ein Musiker oder jemand aus dem Oberton-Segment, da ist der Stiftungsrat offen. Nadja Räss war sicher ein Glücksfall für uns. Vielleicht gelingt es uns, eine Person mit einem ähnlichen Renommée zu finden.

Das Klanghaus hat in der Regierung des Kantons St. Gallen eine Hürde genommen, die Botschaft wird an den Kantonsrat überwiesen. Was bedeutet das für die Klangwelt Toggenburg und das Klanghaus?

Für uns ist das ein wichtiger Schritt. Das Klanghaus ist das Zentrum der Klangwelt Toggenburg mit dem geeigneten Kurshaus in der Schwendi. Es ist die Vollendung der Vision, wie sie Peter Roth ursprünglich angedacht hat. Das Projekt muss aber noch weitere Hürden überwinden.

Einer der Diskussionspunkte ist die Betriebsrechnung. Wie möchten Sie die Rechnung zumindest ausgeglichen abschliessen?

Wir haben verschiedene Konzepte ausgearbeitet, um mit den Einnahmen die Betriebskosten zu decken. Das Klanghaus soll nicht nur von Kursen leben, sondern auch von Workshops und Probewochenenden. Das Haus soll auch für Symposien genutzt werden. Wir haben dazu bereits konkrete Ideen und Anfragen. Konzerte sind eine mögliche Nutzung. Es sind aber eher Konzerte in einem kleineren Rahmen.

Will man das Klanghaus auch ausserhalb der Klangwelt Toggenburg nutzen?

Auf jeden Fall. Es soll ein Haus sein, das der Bevölkerung offen steht und das einen Blick in die Klangwelt Toggenburg gibt. Es soll aber nicht nur einer besonderen Gruppe zur Verfügung stellen, sondern allen Personen, die Musik lieben und Musik schaffen. Eine private Nutzung ist nicht ausgeschlossen, sofern ein Anlass mit Klangwelt-Rahmenprogramm wie einer speziellen Führung oder einem Naturjodelschnupperkurs gebucht wird.

Will man das Klangfestival Naturstimmen zu einem Teil ins Klanghaus verschieben?

Dafür gibt es keine Möglichkeiten und es ist auch nicht sinnvoll. Der Veranstaltungsort hat sich bewährt. Das Klanghaus wird sicher irgendwie eingebunden werden, wie genau ist aber noch nicht fertig ausgearbeitet, eher für kleine und feine Konzerte in der Zwischenwoche.

Zurück zu Ihnen, Sie sind OK-Präsident der Jazztage in Lichtensteig. Wie funktioniert die Beziehung von Jazz zur Klangwelt Toggenburg?

Sie funktioniert gut. Ich unterscheide aber klar zwischen Hobby und Beruf. Letztlich sind beides Musikstilrichtungen, die ihr Interessantes haben. Der Jazz gründet in seiner ursprünglichen Form, nicht so wie wir ihn heute kennen, auf Naturgesängen der Sklavenarbeiter auf den Baumwollfelder in Amerika. Somit habe ich das Gefühl, dass beides Naturstimmen umfasst. Dazu kommt, dass sich die Klangwelt Toggenburg nicht ausschliesslich um Naturstimmen dreht. Daraus ergibt sich eine interessante Mischung von Urtümlichem und Modernem, die mit der Naturstimme etwas zu tun hat.

Sehen Sie Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen der Klangwelt Toggenburg und den Jazztagen Lichtensteig?

Die Klangwelt Toggenburg strebt eine Zusammenarbeit an, aber nicht nur mit den Jazztagen in Lichtensteig, sondern auch mit anderen Festivals wie dem Countrycity Toggenburg in Unterwasser und dem Irish Open-air in Ennetbühl. Es geht uns darum, Synergien über die Gemeindegrenzen hinaus zu nutzen und uns mit den verschiedenen Festival-OKs austauschen zu können.

Geht es dabei eher um den Rahmen oder um Inhalte?

Das kann sowohl als auch sein. Es ist sicher schwieriger, die Künstler, die am Klangfestival Naturstimmen auftreten, auf die Bühne eines der genannten anderen Festivals in der Region zu bringen. Dies, weil die Stilrichtung komplett anders ist. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Künstler in einer anderen Formation an einem anderen Festival auftritt. Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich durchaus die Möglichkeit, Synergien zu nutzen und Kooperationen einzugehen. Ich möchte das aber wie gesagt nicht auf die Jazztage Lichtensteig beschränken. Wir haben ein Tal, eine Kultur, viele Kulturschaffende und wir müssen schauen, dass wir uns alle in eine wohlwollende Richtung zu Gunsten des Gastes richten und in diesem Sinne zusammenarbeiten.