Kolumne
Hölzerner Empfang auf dem Säntis nach der Himmelsleiter

Die Himmelsleiter zum Säntis ist eine Herausforderung. Auch wenn man sie gar nicht zum ersten Mal besteigt. Zum Glück hat jede Leiter ein Ende, findet Produzentin Liska Meier.

Liska Meier
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Liska Meier, Produzentin. (Bild: Urs Jaudas)

Liska Meier, Produzentin. (Bild: Urs Jaudas)

Mindestens zwei fest im Fels verankerte Stahlseile, die hoffentlich auch dann halten, wenn man mit dem ganzen Gewicht dranhängt, führen entlang der Felsrippe hoch. Die Stahlplatten, schön Tritt um Tritt versetzt montiert, sind nicht zu verfehlen. Schnelle Berggänger überwinden die paar langen Meter der Himmelsleiter im Eilzugstempo. Sie gehen rassig aufwärts und ziehen, im Gegensatz zu mir, keinen Rattenschwanz an Ungeduldigen hinter sich her. Nun denn, überholen ist nicht. Ich weiche keinen Zentimeter zur Seite.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich die Himmelsleiter zum Säntisgipfel hochgegangen bin. Die machte ich früher ein paar Mal. Aber eben, das war früher. Vor der Angst. Vor dem nicht mehr ganz schwindelfreien Gefühl und vor der abhanden gekommenen Routine. Und ich bin ein Opfer meiner eigener Verdrängung geworden. Denn dass die Leiter, bevor sie richtig zur Leiter wird und hochführt, auch noch gefühlte 120 Meter abwärts in die Tiefe geht, habe ich völlig vergessen. Abwärts! Direkt in der Falllinie! Dem Nebel, der den Tiefblick gnädig verhüllt und einem wie durch Watte Schritt für Schritt weitergehen lässt, sei doppelt gedankt. Es ist allerdings kalte Watte.

Am liebsten mit dem zehnjährigen Mädchen mitgeheult

In der Reihe der Wanderer vor mir weint ein etwa zehnjähriges Mädchen. Es wird von ihren Begleitern Stück um Stück den Fels hochgeschoben. Die schluchzenden, herzzerreissenden Töne fahren mir durch Mark und Bein. Am liebsten hätte ich laut mit ihr mitgeheult. Dumm nur, dass da keiner ist, der mich an der Hand nimmt und gut zuredet. Ab- und aufwärts muss ich hier alleine. Zudem weiss man als erwachsene Person ja eigentlich, dass heulen meist nichts nützt. Wenn es noch so laut umgesetzt wird.

Doch auch die längste Leiter hat mal ein Ende. Keine Fanfaren, keine Posaunen, kein Petrus, kein goldenes Tor und auch kein roter Teppich. Nur ein dunkler Bretterverschlag schält sich aus dem Nebel und empfängt auf dem Berg der Berge in der Ostschweiz die kletternden Wanderer. Mir ist das egal. In meinem Leben kommt es selten vor, dass ich ein paar Holzbretter voller Wärme begrüsse – und mich noch so gerne von ihnen durch einen dunklen, betonierten Gang in das Innere des Säntis’ leiten lasse.