HÖHEPUNKT
Wenn sich der Juli-Nebel nicht lichtet: Es wäre wahrscheinlich die schönste Etappe

Auf dem Toggenburger Höhenweg (4/6): Das kürzeste Wegstück vom Tanzboden zur Alp Oberchäseren ist die Königsetappe samt Höhepunkt auf dem Speer. Doch der Juli-Nebel sorgt für fast schon mystische Erlebnisse – und spezielle Begegnungen.

Simon Dudle
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Auf dem Speer-Gipfel: Bei etwas besseren Verhältnissen sind in diese Richtung selbst Pilatus und Titlis zu sehen.

Auf dem Speer-Gipfel: Bei etwas besseren Verhältnissen sind in diese Richtung selbst Pilatus und Titlis zu sehen.

Bild: Simon Dudle

An diesem Tag ist alles anders. Keine Churfirsten sind zu sehen, keine Glarner Alpen, auch kein Speer. Dabei macht der Toggenburger Höhenweg auf diesem Abschnitt nicht viel anderes, ausser sich rund um den Speer zu schlängeln. Aber eben: Es will nicht sein. Die Wolken bleiben länger hängen, als am Abend davor auf dem Meteo-Dach angekündigt. Und so ist die vierte Etappe ein Gang ins Ungewisse.

Mal schmal, mal breit: Der Weg der vierten Etappe ist abwechslungsreich.

Mal schmal, mal breit: Der Weg der vierten Etappe ist abwechslungsreich.

Bild: Simon Dudle
Der Tanzboden lädt vor dem Start zur Stärkung ein.

Der Tanzboden lädt vor dem Start zur Stärkung ein.

Bild: Simon Dudle

Rund acht Kilometer lang ist der Wegabschnitt von Tanzboden oberhalb von Ebnat-Kappel zur Alp Oberchäseren, welche auf Gemeindegebiet von Amden liegt. Spätestens jetzt ist gute Trittsicherheit gefragt, da der Bergwanderweg zum Teil schmal und steil ist. Abwechslung prägt die gut dreistündige Wanderung: Zuerst ist es ein Auf und Ab durch Wälder, dann geht es ziemlich flach zur Hochebene Elisalp, einem Naturschutzgebiet. Bei Schilt wird der Höhenrücken überquert, ehe es entlang des Schofberg zum Wegweiser Stelli geht. Dort hat man sich zu entscheiden, ob direkt der 20 Minuten dauernde Abstieg zum Tagesziel Oberchäseren oder der 180 Meter umspannende Zickzackaufstieg zum Speer, dem König der Voralpen, gemacht wird. Immerhin handelt es sich um Europas höchsten Nagelfluhberg, der genau genommen Teil der Appenzeller Alpen ist. Zwar ist dieser Schlussanstieg nicht Teil des Toggenburger Höhenwegs, aber zu empfehlen.

Wenn es so aussieht, hat man sich verlaufen.

Wenn es so aussieht, hat man sich verlaufen.

Bild: Simon Dudle
Der Weg schlängelt sich um den Speer herum.

Der Weg schlängelt sich um den Speer herum.

Bild: Simon Dudle

In Gummistiefeln auf dem Höhenweg

Doch eben: An diesem Juli-Sonntag ist alles anders: Die Wolken hängen tief. Kurz vor den Elisalphütten geht es hinein in die Nebelsuppe – und lange nicht mehr raus. Regen statt Sonne, mystisches Weiss statt uneingeschränkte Fernsicht. Die Sonnencreme bleibt ungenutzt im Rucksack.

Bei Elisalp wird ein Naturschutzgebiet durchwandert.

Bei Elisalp wird ein Naturschutzgebiet durchwandert.

Bild: Toggenburg Tourismus

Wer nun glaubt, diese Etappe sei vergebene Mühe, der irrt. Denn das Wandern im Nebel hat sehr wohl seinen Reiz, wenn man sich (gezwungenermassen) drauf einlässt. Dieses Wetter bringt einem dazu, mit jedem entgegenkommendem Wanderer ins Gespräch zu kommen. Es geht gar nicht anders. So zum Beispiel mit jenem Sennen, der diesen Abschnitt auf dem Bergwanderweg in Gummistiefeln und mit aufgespanntem Regenschirm macht. Nicht zur Nachahmung empfohlen. Die Gespräche gehen zwar nicht in die Tiefe, sind aber von viel Verbundenheit geprägt. Unter dem Motto: Wer tut denn so was?

Mit der Stirnlampe die Kühe eintreiben

So schön könnte der Ausblick bei der Alp Oberchäseren sein.

So schön könnte der Ausblick bei der Alp Oberchäseren sein.

Bild: Toggenburg Tourismus
Die Alp Oberchäseren im mystischen Herbstgewand.

Die Alp Oberchäseren im mystischen Herbstgewand.

Bild: Simon Dudle

Die mystische Stimmung herrscht auch am Zielort Alp Oberchäseren auf über 1600 Metern Seehöhe vor. Bei der Ankunft abends um 17.30 Uhr werden gerade die Kühe Richtung Stall getrieben. Dies geschieht mit Stirnlampe auf dem Kopf. Dabei wird es an diesem Tag noch rund vier Stunden hell sein. Es sei wie im Herbst, wird berichtet. Und es werde nochmals regnen. Denn die Kühe wollen eigentlich noch nicht in den Stall und fressen, bevor das Gras mit dem neuen Regen dann wieder zu nass und pampig wird.

Zurückbleibt die Frage: War das nun eine verlorene Etappe? Oder doch eine einzigartige, weil aussergewöhnliche? Speergebiet oder Sperrgebiet? Klar ist: Wer auf den Höhenweg geht, muss mit den Tücken des Wetters zurechtkommen. Es ist also Wurst und Wahnsinn zugleich.

An schönen Tagen ist der Speer beliebtes Ausflugsziel.

An schönen Tagen ist der Speer beliebtes Ausflugsziel.

Bild: Toggenburg Tourismus

Toggenburger Höhenweg

Von Wil nach Wildhaus

Der Toggenburger Höhenweg erstreckt sich auf einer Distanz von knapp 90 Kilometern im westlichen Teil des Thurtals von Wil bis nach Wildhaus. Der Weg ist in sechs unterschiedlich langen Etappen unterteilt. Viele Wanderer begehen den Weg von Wildhaus nach Wil, da das Gelände in jene Richtung tendenziell abfällt. Diese Zeitung nimmt den Toggenburger Höhenweg heuer unter die Füsse, und zwar von Wil nach Wildhaus. Denn es muss aufwärtsgehen. Wir berichten in einer losen Folge. Dies ist der vierte Teil. Die ersten drei Folgen sind am 23. März, 25. April und am 16. Juli erschienen. (red)