Historisches
Im Wandel der Zeit: Von den Saisonniers zur multikulturellen Stadt Wil

Durch den Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit stieg die Zuwanderung aus dem Ausland. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich der Umgang mit Migranten in Wil erheblich verändert.

Adrian Zeller
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Das ehemalige Restaurant Löwengarten hinter dem Centralhof war Treffpunkt der Migranten aus Italien. Die mittlerweile übermalte Beschriftung ist an der Fassade noch schwach zu erkennen.

Das ehemalige Restaurant Löwengarten hinter dem Centralhof war Treffpunkt der Migranten aus Italien. Die mittlerweile übermalte Beschriftung ist an der Fassade noch schwach zu erkennen.

Bild: Adrian Zeller

«Die Textil- und Maschinenindustrie, das Baugewerbe und die Landwirtschaft hatten bereits kurz nach Kriegsende mit der gezielten Anwerbung von Gastarbeitern begonnen», schreiben Verena Rothenbühler und Oliver Schneider, Autoren der im Jahr 2020 erschienen Wiler Stadtchronik. Gemäss dieser stieg die ausländische Wohnbevölkerung in Wil von 570 im Jahr 1950 auf 2134 im Jahr 1970.

«Die mit Abstand grösste Bevölkerungsgruppe bildeten damals die Italienerinnen und Italiener», halten Rothenbühler und Schneider fest. Ihre Zahl nahm in Wil innerhalb von zwanzig Jahren von 5,5 Prozent auf 14,5 Prozent zu.

Migranten als Konjunkturpuffer

Die intensive Zuwanderung betraf die ganze Schweiz. Im Historischen Lexikon der Schweiz schreibt Marcel Vuilleumier, dass die Nachkriegskonjunktur in der Schweiz bis 1974 anhielt. «Der Industriesektor griff in grossem Ausmass auf ausländische Arbeitskräfte zurück, um sowohl den Lohnanstieg zu bremsen wie auch zu expandieren.» Gleichzeitig dienten die Migranten als Konjunkturpuffer, indem ihre Zahl mehrmals nach unten begrenzt wurde.

Mit ihren tiefen Löhnen und beschränkten Sprachkenntnissen hatten die Zugewanderten auf dem Wohnungsmarkt in Wil Mühe. Viele kamen darum in der Altstadt unter, damals eine wenig bevorzugte Wohnlage mit vergleichsweise tiefen Mieten, schreiben Rothenbühler und Schneider:

«Nicht selten hausten die Neuankömmlinge zusammengepfercht in engen Häusern oder in improvisierten, ungeeigneten Unterkünften.»

Marcel Vuilleumier schreibt zur gesamtschweizerischen Situation: «Die Wohnungsnot und das Verbot des Familiennachzugs führten dazu, dass insbesondere 1950 bis 1970 sehr viele Saisonniers und Jahresaufenthalter in Baracken oder auf engstem Raum in alten Liegenschaften hausten.» Er fügt an, dass das Schicksal von illegal eingereisten Familien, deren Kinder nicht eingeschult werden konnten, besonders hart war.

Ängste vor Überfremdung

Wie es im Historischen Lexikon der Schweiz heisst, erkannten die Schweizer Behörden und Wirtschaftsspitzen der 1960er-Jahre, dass der Bedarf an ausländischem Personal nicht ein vorübergehender, sondern ein struktureller Bedarf war.

«Deshalb rückte man vom Rotationsprinzip ab und wandte sich schrittweise einer auf Integration und Assimilation ausgerichteten Politik zu.»

Der Bedarf an Wohnraum, Schulplätzen, Spitälern und Transportmöglichkeiten nahm durch den Anstieg der Einwohner zu. Von 1950 bis 1970 wuchs die Bevölkerung der Schweiz um rund 1,5 Millionen Personen auf 6'269'783 Menschen.

Die Moschee im Südquartier ist Zeichen der dauerhaften Präsenz von Zugewanderten mit muslimischem Hintergrund in Wil.

Die Moschee im Südquartier ist Zeichen der dauerhaften Präsenz von Zugewanderten mit muslimischem Hintergrund in Wil.

Bild: Adrian Zeller

Die intensive Zuwanderung führte in den 1960er-Jahren zu Ängsten vor Überfremdung, wonach die einheimische Bevölkerung durch sie ihre kulturelle Identität verlieren könnte. Als das St.Galler Polizeidepartement 1960 bei den Gemeinden nachfragte, ob man ausländischen Arbeitskräften den Familiennachzug bereits nach drei Jahren gestatten sollte, sprach sich die damalige Wiler Stadtregierung, der Gemeinderat, dagegen aus. Die bisher gültigen fünf Jahre sollten weiterhin gelten, «auch wenn sie gewisse Härten in sich schliessen».

«Schwarzenbach-Initiative» klar verworfen

Insbesondere ältere Schweizer Arbeitskräfte fühlten sich gemäss Rothenbühler und Schneider von den Italienerinnen und Italienern konkurrenziert. Die damals im Land verbreitete fremdenfeindliche Stimmung führte 1970 zur Abstimmung über die sogenannte «Schwarzenbach-Initiative». Sie wollte die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz auf zehn Prozent der Bevölkerung pro Kanton limitieren.

Bei Annahme der Vorlage hätten über 300'000 Migranten die Schweiz verlassen müssen. Nach einem sehr leidenschaftlich geführten Abstimmungskampf wurde die Initiative mit dem Verhältnis 46 Prozent Ja- zu 54 Prozent Nein-Stimmen bei einer sehr hohen Stimmbeteiligung verworfen.

Die heftige Abstimmungskontroverse bewirkte ein Umdenken in der Ausländerpolitik. Der Kanton St.Gallen forderte die Gemeinden gemäss Rothenbühler und Schneider auf, die Integration der Zugewanderten zu fördern. Es sollten ihnen Lokalitäten für Veranstaltungen sowie Sportanlagen zur Benutzung überlassen werden.

Portion italienisches Heimatgefühl

Bereits 1965 wurde an der Scheibenbergstrasse von der «Missione Cattolica» mit Unterstützung der Stadt ein Haus erworben. Die ältere Liegenschaft wurde von Freiwilligen zum «Centro Italiano» umgebaut. «Neben dem Kinderhort richtete die Missione Cattolica Italiana auch einen Kindergarten und eine Schule ein», schreiben Rothenbühler und Schneider.

Im Weiteren gab es auch einen Kinderhort. Berufstätige Mütter brachten ihre Kinder zum Teil sehr früh am Morgen in den Kinderhort, dort konnten sie sich nochmals hinlegen.

Eine Portion italienisches Heimatgefühl vermittelte den Arbeitskräften die damalige Gastwirtschaft Löwengarten, hinter dem Centralhof gelegen. Im 1989 erschienen Buch «Gastliches Wil» schreibt der verstorbene Freizeit-Geschichtsforscher Willi Olbrich:

«Heute sind vornehmlich italienische Gastarbeiter oder Ansässige der zweiten oder gar schon der dritten Generation im ‹Löwengarten› anzutreffen, die dort mit südländischem Temperament ihren Wein trinken und den Kontakt zu ihren Landsleuten pflegen.»

Als später vermehrt Migranten aus dem Balkan in Wil arbeiteten, trafen sie sich unter anderem im Restaurant Signal an der Glärnischstrasse.

Im Jahr 2002 schlug der damalige Stadtrat ein Integrationsleitbild mit konkretem Massnahmenplan vor. «Die städtische Ausländerpolitik, die in den 1960er-Jahren noch vom Begriff der Überfremdung geprägt war, sollte neu im Zeichen des Zusammenlebens, an dem die einheimische und die ausländische Bevölkerung beteiligt sind, stehen.» Das heisst es in der Stadtchronik. Unter anderem sollte die kulturelle und die sprachliche Integration gefördert werden.

Unterstützung bei der Integration

In den 1980er-Jahren gingen die städtischen Behörden noch von einem befristeten Aufenthalt von Migranten aus. Diese Perspektive wandelte sich zu einer vermehrten Integration, die heute seitens der Stadt stark gefördert wird. Mittlerweile steht in Wil ein ganzer Katalog von Möglichkeiten zur Integrationsunterstützung im Angebot.

Dominique Tschannen, Leiter Fachstelle Integration bei der Stadt Wil, nennt Beispiele wie den Quartiertreff Lindenhof mit Bastel- und Spielnachmittagen, Nähtreffs, Basis- und Konversationskurse in Deutsch sowie Beratungsangebote. Im Weiteren stehen gemäss Tschannen Wiler Organisationen und Personen seitens der Stadt Integrationsförderkredite zur Verfügung.

Im schulischen Bereich helfen unter anderem Eingliederungs- und Integrationsklassen sowie heimatsprachlicher Kulturunterricht bei der Eingliederung in die hiesige Gesellschaft. Zudem wirken auch lokale NGOs bei der Integration mit. Beispiele sind das Schreibbüro Fair-Wil sowie Kulturenkochen und verschiedene Kulturvereine.