Hinschauen, hinhören, Hilfe holen – Der Schulpsychologische Dienst Toggenburg kümmert sich um Kinder in schwierigen Lebenslagen

Der Schulpsychologische Dienst St.Gallen ist 80 Jahre alt. Karin Mettler leitet die Regionalstelle in Wattwil.

Cecilia Hess-Lombriser
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«Damit die Chancen für alle Kinder steigen»: Karin Mettler, Leiterin Schulpsychologischer Dienst Toggenburg.

«Damit die Chancen für alle Kinder steigen»: Karin Mettler, Leiterin Schulpsychologischer Dienst Toggenburg.

(Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Der Kanton St.Gallen war der dritte Kanton in der Schweiz, der einen Schulpsychologischen Dienst (SPD) gründete. Das war 1939. Bis 1952 war eine Schulpsychologin angestellt, ab dann bis 1966 zwei. Heute sind es 73 Mitarbeitende, inklusive Sachmitarbeiterinnen, Logopädinnen und Fachleute der Kriseninterventionsgruppe, verteilt auf sieben Regionalstellen.

Karin Mettler leitet die Regionalstelle in Wattwil. Fünf Schulpsychologinnen, ein Schulpsychologe, eine Logopädin und zwei Sekretärinnen gehören zum Team. Alle 14 Schulgemeinden des Toggenburgs gehören zu ihrem Einzugsgebiet. Je eine Psychologin ist bestimmten Schulen zugeteilt. «Damit ein Vertrauensverhältnis für eine gute Zusammenarbeit zu den Schulen aufgebaut werden kann», sagt Karin Mettler im Gespräch.

Dass die Regionalstelle seit 2017 in Wattwil im Haus Elanca – vorher in Lichtensteig – und nicht in Schulhäusern der Schulgemeinden einquartiert ist, erachtet sie als positiv. «Das gibt bei Gesprächen die nötige Distanz zur Schule und unterstützt uns in unserer Neutralität, die wichtig ist für Schule und Familie.»

Das Wissen über die Entwicklung ist gewachsen

«Ja, die Welt ist komplexer und die Anpassungsleistung für Kinder ist anspruchsvoller geworden», sagt Mettler. «Alle Familien müssen einen Umgang mit digitalen Medien finden. Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft mit unterschiedlichen Wertehaltungen und begegnen Eltern, die in ihrem Arbeitsprozess und ihrer Alltagsbewältigung stark gefordert sind», zählt sie als Gründe auf, warum der SPD zunehmend in vielschichtigen Fragestellungen Unterstützung leistet.

«Andererseits ist man sensibler geworden. Man weiss mehr über die Entwicklung des Kindes und hat mehr Möglichkeiten, sie zu fördern und Massnahmen umzusetzen, damit die Bildungschancen für alle Kinder steigen.»

6400 Arbeitsstunden fielen 2018 auf der Regionalstelle Wattwil an. Begleitet werden Kinder und Jugendliche zwischen vier und 18 Jahren. Bei den Jüngsten geht es um Fragen der Einschulung, bei den Ältesten beispielsweise um die Klärung, ob eine nachobligatorische Sonderschule nötig ist. Dazwischen liegt eine breite Palette von Verhaltensauffälligkeiten, Lernbeeinträchtigungen, sozial-emotionalen Schwierigkeiten wie Ängste oder Aggressionen.

«Schulpsychologinnen und -psychologen beraten Erziehungsberechtigte, Lehrpersonen und Behörden in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Sie unterstützen Kinder, Jugendliche und ihre Familien auf der Suche und der Umsetzung nach Lösungen», ist eine der Kernbotschaften des SPD des Kantons St.Gallen. Der SPD ist als Verein organisiert. Seine Dienstleistungen sind in einer Leistungsvereinbarung festgehalten. Finanziert wird er hälftig vom Kanton und von den Schulgemeinden.

«Impulse zur Veränderung, Mut zu neuen Schritten, Klärung, Gespräche, Unterstützung, Lösungen», sind einige der Stichworte, die Karin Mettler als mögliche Hilfestellungen nennt. Sie macht klar, dass im Interesse des Kindes und seiner Entwicklung wahrgenommen, hingeschaut, hingehört und Hilfe geholt werden sollte, wenn sich über längere Zeit schwierige Verhaltensweisen oder Verhaltensänderungen zeigen.

Als Beispiel nennt sie den Schulabsentismus. «Das ist nicht das Gleiche wie Schulschwänzen.» Oft stecke eine Angstthematik dahinter und da sei es wichtig, rasch zu handeln.

«Je länger ein Kind nicht zur Schule geht, desto schwieriger wird es, den Weg zurückzufinden.»

In solchen Fällen sei es immer wichtig, interdisziplinär zu arbeiten. Beteiligt können nebst den Eltern, die Schulsozialarbeiterin sein, ein Kinderarzt, die Lehrpersonen oder andere. Systemisch arbeiten und Triagen vornehmen gehört zum Alltag des SPD. Schulängste können verschiedene Ursachen haben. Die Fachpersonen gehen ihnen auf den Grund, finden sie im Gespräch mit dem Kind heraus und suchen Wege, die zurück in die Schule führen.

Es werden Fähigkeiten und Schwierigkeiten erfasst

Weitere Gründe, den Schulpsychologischen Dienst aufzusuchen, können der Verdacht einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder einer Dyskalkulie, einer Rechenstörung, sein. Die Fähigkeiten und Schwierigkeiten des Kindes werden anhand von differenzierter Diagnostik erfasst und das familiäre und schulische Bezugssystem beraten.

«Falls eine dieser Teilleistungsstörungen diagnostiziert wird, benötigt das betroffene Kind gezieltes und viel individuelles Training.»

Ein weiteres Thema ist der Nachteilsausgleich, der Menschen mit einer Behinderung formale Anpassungen in Prüfungssituationen ermöglicht. Dabei müssen die Voraussetzungen der unterschiedlichen Schulstufen berücksichtigt werden. Voraussetzung ist die Diagnose einer Behinderung oder Funktionsstörung. Um die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs zu beurteilen, muss der SPD einbezogen werden.

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben grundsätzlich das Potenzial, ihre Lernziele zu erreichen, können jedoch aufgrund ihrer Funktionsbeeinträchtigung ihr Wissen nicht abrufen respektive umsetzen. Ein Nachteilsausgleich kann beispielsweise das Vorlesen von Aufgaben in Prüfungssituationen oder die Verlängerung der Prüfungszeit sein.

Sprachentwicklungsstörungen, Konflikte zwischen Parteien, Mobbing oder die Überprüfung von älteren Gutachten einer Legasthenie bei Kantonsschülern sind weitere Arbeitsfelder. «Und seit eineinhalb Jahren haben wir auch den Auftrag der HSG, Gutachten von Studenten zu überprüfen. Zudem können sich Erwachsene betreffend Dyslexie- und Dyskalkulie-Diagnosen an uns wenden», informiert die Leiterin Regionalstelle Wattwil. Sie ist diplomierte Psychologin und Fachpsychologin in Kinder- und Jugendpsychologie. Ein Master in Psychologie und später ein Nachdiplomstudium in Kinder- und Jugendpsychologie sind Voraussetzungen für die Arbeit im SPD.

Was es für ein gelingendes Leben braucht

«Als Partner für Schule und Familie fördert der Schulpsychologische Dienst seit 80 Jahren die gesunde psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, stärkt ihre Selbstwirksamkeit und die Schutzfaktoren gegenüber belastenden Einflüssen. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen beraten Eltern, Lehrpersonen und Behörden in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag und begleiten Schülerinnen und Schüler bei Schwierigkeiten. Gelingende Lern- und Bildungskarrieren und Chancengerechtigkeit sind unser Ziel», schreibt der SPD.

Eltern und Lehrpersonen können bereits viel zu einem gelingenden Leben beitragen.

«Ein Kind braucht Zeit, Zutrauen, eine gute Beziehung zu den Eltern. Es
muss spielen und lernen können und
es ist wichtig, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist.»

Auf der anderen Seite stellte der Lebensalltag an Eltern teilweise Herausforderungen, die es ihnen nicht immer ermöglicht, ihr Kind so zu begleiten, wie diese es sich wünschen. Niederschwellige Kontaktaufnahme per Telefon oder E-Mail ist möglich. «Niemand muss alleine mit einer belastenden Situation bleiben», sagt Mettler.

Referat zum Jubiläum

Der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen feiert das 80-jährige Bestehen. Interessierte sind am 13. Dezember,
17 Uhr, in die Aula des Kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrums St. Gallen zu einem Referat des Neuropsychologen Lutz Jäncke eingeladen. Er spricht über die Auswirkung der Digitalisierung auf die Hirnentwicklung von Kindern. Eine Anmeldung ist wegen der begrenzten Platzzahl nötig unter: www.schulpsychologie-sg.ch (hlo)