Hightech-Rad statt Zelluloid-Ball: Die Tischtennis-Schweizermeisterin Rahel Aschwanden aus Bütschwil startete an der Zeitfahren-Schweizer Meisterschaft in Belp

Die Nationalkader-Tischtennisspielerin bestritt aus dem Nichts heraus ihr erstes Rad-Rennen und fiel gegen die Profis positiv auf – nach gerade einmal drei Trainingstagen.

Urs Huwyler
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Nationaltrainer Marcello Albasini passt das Hightech-Rad den Bedürfnissen von Rahel Aschwanden an.

Nationaltrainer Marcello Albasini passt das Hightech-Rad den Bedürfnissen von Rahel Aschwanden an.

Bilder. PD

An und für sich wäre ein 16. Rang an der Zeitfahren-Schweizermeisterschaft in der Kategorie «Elite Frauen» nicht der grosse Brüller. Doch im Falle von Rahel Aschwanden aus Bütschwil sieht es anders aus. Die Nationalkader-Tischtennisspielerin bestritt aus dem Nichts heraus ihr erstes Rad-Rennen und fiel gegen die Profis und Zeitfahren-Spezialistinnen nach drei Trainingstagen positiv auf.

«Nicht Letzte werden», hiess das Motto der Schweizer Meisterin, Weltmeisterschaft- und Europameisterschaft-Teilnehmerin. Das Ziel wurde erreicht. Wegen eines rebellierenden Magens verlor die 27-jährige Toggenburgerin im 21-köpfigen Feld zwar einige Ränge, aber ein Quintett blieb trotzdem hinter der Debütantin. Die von allen Seiten gelobte Quereinsteigerin kommentierte ihre Rad-Tage:

«Im Aufstieg hatte ich etwas Mühe, auf der Fläche konnte ich ziehen. Es war ein spannendes Projekt.»
Rahel Aschwanden hat bei ihrem ersten Radrennen an der Schweizer Meisterschaft als Zeitfahrerin überzeugt.

Rahel Aschwanden hat bei ihrem ersten Radrennen an der Schweizer Meisterschaft als Zeitfahrerin überzeugt.

Was kann die Pingpong-­Spielerin auf dem Rad?

Die Idee entstand anlässlich der Tour de Suisse für den Ende Saison zurücktretenden Profi Michael Albasini. Aschwanden bestritt an der Seite ihres Micarna-Team-Kollegen die Etappe von Neuhausen nach Lachen (180 Kilometer) auf einem Test-Rad des Fachgeschäfts Velothek Bütschwil. Inmitten der Gruppe mit Stefan Küng, Stefan Bissegger, Patrick Schelling, aktuellen und ehemaligen Profis – unter anderen auch Alex Zülle –, Triathletin Nicola Spirig, den OL-Brüdern Daniel und Martin Hubmann oder Langläufer Beda Klee bekundete die Ball-Artistin erst 30 Kilometer vor dem Ziel Mühe, dem Tempo zu folgen.

Zuvor hatte Aschwanden im letzten Jahr an der Hulftegg-Stafette von Dreien auf die Hulftegg ohne Training Bestzeit erzielt. Die Frage «Was kann die Pingpong-Spielerin auf dem Rad?» wurde nach dem Tour de Suisse-Teilstück mehrfach gestellt. Ein Vergleich mit den Besten sollte Aufschlüsse liefern. «Rahel müsste drei Wochen mit einer auf sie abgestimmten Zeitfahr-Maschine trainieren, um ein akzeptables Resultat zu erzielen», mahnte Nationaltrainer Marcello Albasini.

«Das Resultat darf sich sehen lassen»

Es wurden beim Kaltstart unter Leitung von Coach Albasini drei Tage. Swiss Cycling stellte das Velo zur Verfügung, die Bekleidung stammte von Nicola Spirig, der Helm von Stefan Bissegger, die Räder aus dem Hause Albasini, der Männer-Sattel musste ersetzt werden. «Das wird wohl Nichts», fiel Aschwandens Bilanz nach dem ersten Nachmittag wenig euphorisch aus. «Auf einer solchen Hightech-Maschine zu sitzen ist anders als auf einem Strassen-Rennrad.»

Am zweiten Halbtag ging es auf der Runde Lanterswil-Rossrüti-Braunau-Lanterswil besser, bei den Startübungen liess sich eine weitere Steigerung erkennen. Das war’s mit der Vorbereitung auf die sportartenfremde Schweizer Meisterschaft. Die ebenfalls durch Marcello Albasini geformte Schweizer Meisterin Marlen Reusser trainiert wöchentlich 20 Stunden auf dem Rad. So viel bringt Aschwanden im ganzen Leben nicht zusammen.

«Das Resultat darf sich sehen lassen», lobten Nicola Spirig oder Michael Albasini die Leistung der Aussenseiterin. Schon in ihrer Jugend erwies sie sich als polysportives Talent. Bei den Junioren des FC Bütschwil war sie Captain der Mannschaft, bei Dorf-Läufen rannte sie schneller als Kader-Athletinnen. «Wir hätten Rahel gerne bei uns behalten», erzählt Marlis Göldi, die langjährige Trainerin von Selina Büchel.

Steht ein Sportartenwechsel bevor?

Ob sich die in Deutschland, Schweden, Frankreich, Österreich und der Schweiz aktiv gewesene Ball-Virtuosin mit abgeschlossenen Psychologie-Master-Studium vermehrt aufs Radfahren konzentrieren wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Die berufliche Ausrichtung, die Chancen auf eine Olympia-Teilnahme in Paris 2024 im Tischtennis, der Aufwand und die Förderung als leistungsorientierte Radsportlerin dürfte bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen. «Ich weiss noch nicht, was ich mache», erklärt die Amateurin nach dem Ausflug zu den Radprofis.

Aktuell spielt Aschwanden bei Wädenswil im Nationalliga A-Frauenteam und für Wil mit den Männern in der NLC Tischtennis. «Aus meiner Sicht sollten wir Rahel einem spezifischen Radsport-Leistungstest unterziehen und sie müsste einzelne nationale Strassenrennen absolvieren», sagt Marcello Albasini.

«Sie verfügt über Potenzial und lernt schnell.»

Und innerhalb des Micarna-Teams verfüge sie mit Sohn Michael, Stefan Küng, Ralph Näf und Nicola Spirig über erstklassige Zugpferde.

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