«Hier in Mosnang hatte sich ja kaum was geändert» – Theatermacher Volker Ranisch über die Coronakrise und sein neustes Projekt «Via Mala»

Volker Ranisch inszeniert in der Taamühle das Stück «Via Mala». Ein «Heimspiel», sagt er. Seit den 90er-Jahren wohnt er im Weiler Rick. Das Toggenburg entdeckte er beim Pendeln zwischen Zürich und Berlin.

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Schauspieler Volker Ranisch mit seinen Appenzeller Spitzhauben im Garten seines Anwesens.

Schauspieler Volker Ranisch mit seinen Appenzeller Spitzhauben im Garten seines Anwesens.

Bild: PD

(pd/lis) In der Kulisse der Taamühle in Bütschwil inszeniert Schauspieler Volker Ranisch zusammen mit Gian Rupf im September das Stück «Via Mala». Dieses Theatererlebnis entsteht in Zusammenarbeit mit Kultur Mosnang. Warum er in Mosnang heimisch geworden ist und warum er diese Geschichte auf die Bühne bringt, erzählt Volker Ranisch im Interview.

Sie leben in einem abgeschiedenen Anwesen in Mosnang. Wie kommt es, dass Sie eine ländliche Gemeinde als Wohnsitz gewählt haben?

Volker Ranisch: Seit Mitte der 90er-Jahre pendle ich beruflich viel zwischen Berlin und Zürich. In der Schweiz wurde ich schnell zum begeisterten Wanderer. Die Heuschober hier stehen oft an den schönsten Plätzen, wie ich fand, und ich glaubte, so etwas zu einem Refugium umfunktionieren zu können. Damals wurden Immobilien in Zeitungsinseraten annonciert und in der Pestalozzibibliothek konnte man die lokalen Blätter gratis lesen. Irgendwann entdeckte ich das Inserat des Scacci-Häuschens im Weiler Rick. Ich stürzte mich in das Abenteuer des Ausbaus und so manche Filmgage steckt in den Wänden und Böden. Jetzt wohnen dort zwei meiner Freunde und ich lebe im Hause der verstorbenen Malerin Annette Clodt. Ich fühle mich wohl mit meinen Nachbarn und den Tieren und den vielen kleinen Unaufgeregtheiten, die das Landleben mit sich bringt.

Nach Ihrem Schauspielstudium hatten Sie Engagements an Theatern in Berlin, Hamburg und Zürich, auch im Fernsehen waren Sie zu sehen. Später haben Sie das Ring Theater gegründet. Was war Ihr Beweggrund?

Das Ring Theater habe ich «geerbt». André Steger, der befreundete Regisseur aus dem Scacci-Häuschen, hatte es 1989 in Zürich gegründet. Ich lebte in der DDR und kannte die Schweiz nicht einmal von einer Postkarte. Zehn Jahre später haben wir in Zürich erste gemeinsame Theaterprojekte realisiert. Hauptsächlich war ich in Berlin engagiert, hatte jedoch Blut geleckt, und wollte eigene Ideen entwickeln. Erst mit Ende 40 glaubte ich, mein eigenes Ding machen zu können. Zu dieser Zeit war das Ring Theater in eine Art Dornröschenschlaf versunken. Steger übertrug mir das Recht, den Namen für meine Projekte zu nutzen. Aus dem Ring Theater Zürich wurde das Ring Theater Mosnang. Die meisten der Produktionen sind in Zusammenarbeit mit dem Chössi-Theater entstanden und sind von hier aus auf Gastspielen von Südtirol über Brüssel und Berlin bis an die Ost- und Nordsee gewandert.

Die Theater-Branche ist von der Coronakrise hart getroffen. Wie bewältigen Sie diese Zeit?

Im Wesen war meine Reaktion der typische emotionale Verlauf auf einen Verlust: Ungläubigkeit, Wut, Trauer, Resignation, Akzeptanz. Hier in Mosnang hatte sich ja kaum was geändert. Und trotzdem war alles anders. Ich akzeptiere und beginne in Kategorien von heute und früher zu denken.

Mit dem Bündner Schauspieler Gian Rupf inszenieren Sie den Roman «Via Mala» von John Knittel. Sie bringen den Stoff in einer eigenen Art auf die Bühne. Warum gerade dieses Stück?

Ich war bisher zurückhaltend mit Schweizer Themen. Da muss ich schon einen besonderen Bezug dazu haben. Der Roman «Via Mala» ist zwar nicht Weltliteratur, aber Knittel war ein Weltbürger, ein Freigeist und seine Werke wurden weltweit verlegt. Die Szenerie spielt in einer Schlucht im Bündnerland, in der die Bewohner ihre eigenen Gesetze machen, gedeckt von einem korrupten Gemeindepräsidenten. Chur mutiert zur Weltstadt, deren Bürger um den Wert ihrer Aktien zittern. Und am Horizont glühen die Silhouetten der grossen Metropolen eines krisengeschüttelten Europas. Knittel hat wunderbare Figuren geschaffen, welche die ganze Bandbreite des menschlichen Seins widerspiegeln: Da werden Opfer zu Tätern, Ankläger zu Angeklagten, es gibt Trinker, Millionäre, die um ihr Vermögen bangen und adelige Frauen, die glauben, ihr Christentum mit Stricknadeln praktizieren zu müssen, in dem sie für die Armen Wollsocken lismen. Im Wesen ist das ein waschechter Kriminalfall, den es aufzuklären gilt.

Das Familiendrama wird als Kriminalfall aus zwei Perspektiven erzählt. Erzählen Sie etwas aus seinem Innenleben?

Lauretz, der Sägemüller, er ist verschwunden. Zwei Ermittler sind dem Verschwinden auf der Spur. Geschichten, über die wir heute noch staunen dürfen, lachen und auch ein wenig mitleiden, weil uns dabei sicher einiges bekannt vorkommen wird. Die Kulisse der Taamühle bietet dafür einen «Originalschauplatz» in nächster Nähe, dazu kommt die Zusammenarbeit mit dem Verein Kultur Mosnang– ein Heimspiel im wahrsten Sinne des Wortes. Und im Anschluss geht auch diese Inszenierung von hier aus hinaus in die Welt. (pd/lis)

«Via Mala», Taamühle, Sonntag, 13. September, 17 Uhr; Donnerstag, 17. September, 19.30 Uhr; Freitag, 18. September, 19.30 Uhr; Sonntag, 20. September, 17 Uhr. Tickets: www.kulturmosnang.ch
«Via Mala», im Chössi-Theater, Samstag, 14, November, 20.15 Uhr. Tickets: www.choessi.ch

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