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Hemberger Salomon sagt über König Salomon: «In seinem Tempel sangen keine Vögel»

In Salomonstempel oberhalb von Hemberg gibt es kein Gotteshaus, dafür eine grandiose Aussicht und eine einzigartige Naturlandschaft.

Urs M. Hemm
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Bei dieser Aussicht von Inauens Haus aus auf den Alpstein und die Churfirsten kann man Salomon Grobs Begeisterung für den Ort gut verstehen. (Bild Urs M. Hemm)

Bei dieser Aussicht von Inauens Haus aus auf den Alpstein und die Churfirsten kann man Salomon Grobs Begeisterung für den Ort gut verstehen. (Bild Urs M. Hemm)

«Wo finden wir denn hier den Tempel?» Dies ist eine Frage, die Barbara und Toni Inauen oft beantworten müssen. «Die Besucher lesen ‹Salomonstempel› und erwarten hier einen Tempel, also ein Gebäude vorzufinden», sagt Toni Inauen, der mit seiner Frau und drei Kindern ein Bauernhaus in Salomonstempel bewohnt. Neben dem grossen Ferienhaus der Stadt Brugg (AG) ist ihr Haus das einzige Gebäude auf der kleinen Anhöhe im Grenzgebiet der Gemeinden Hemberg, Ebnat-Kappel und Wattwil. Inauens Haus liegt auf Hemberger Boden.

So ist es denn auch nicht überraschend, dass es ein Hemberger, der reformierte Pfarrer Karl Schlumpf (Pfarrer in Hemberg von 1903 bis 1956) war, der die Geschichte zur Namensgebung von Salomonstempel niederschrieb. Bald wird klar, dass es keine Beschreibung für ein Gebäude ist, sondern eine Würdigung der einzigartigen Naturlandschaft.

Das Haus von Barbara und Toni Inauen beherrscht den Hügelkamm. (Bild: Urs M. Hemm)

Das Haus von Barbara und Toni Inauen beherrscht den Hügelkamm. (Bild: Urs M. Hemm)

Von Samons Groben Tempel zum Ferienheim

Um das Jahr 1830 erbaute ein Bauer namens Salomon Grob auf der Anhöhe ein Haus. Dieser soll einst zum reformierten Pfarrer Christian Friedrich Kranich (Pfarrer in Hemberg von 1818 bis 1849) gesagt haben: «Hier oben ist Salomons Tempel, ein Gescheiterer als König Salomon hat ihn gemacht. Die Säulen seines Tempels waren tot, die meinen sind lebendig, es sind die Wettertannen. [...] In seinem Tempel gab es keine Erdbeeren, keine Heidelbeeren und Preiselbeeren wie hier, dort sangen keine Vögel, aber hier preisen Amseln, Drosseln, Finken und Meisen den Herrn. [...]. Daher nannte man das Haus und die Liegenschaft «Samons Groben Tempel», woraus Salomonstempel wurde.

Das Haus, in dem Salomon Grob lebte, wurde im Jahr 1908 von Pfarrer Karl Schlumpf in ein Erholungsheim für Frauen und Töchter umgebaut und ging 1930 in den Besitz der katholischen Kirche über. Im Jahr 1946 kaufte die Stiftung Ferienversorgung der Stadt Brugg das Kurhaus, welche es bis heute als Ferienhaus nutzt.

Das Ferienheim der Stadt Brugg AG im Salomonstempel. (Bild: Urs M. Hemm)

Das Ferienheim der Stadt Brugg AG im Salomonstempel. (Bild: Urs M. Hemm)

Die schöne Naturlandschaft, insbesondere die Hochmoore in Salomonstempel und dem benachbarten Chellen, locken viele Besucher in die Gegend. Für den Erhalt dieser einzigartigen Moorlandschaften – sie sind als Hochmoor von nationaler Bedeutung klassifiziert – setzen sich seit langem lokale und kantonale Behörden, vor allem aber auch Pro Natura ein.

Denn den Hochmooren Salomonstempel und Chellen wurde in früheren Zeiten nicht immer in dem Masse Sorge getragen wie heute. Während des Zweiten Weltkrieges – Holz als Brennstoff war knapp – wurde als Ersatz hier oben Torf gestochen. Tatsächlich wurde das Hochmoor Salomonstempel bereits auf der Siegfriedkarte aus dem Jahr 1879 als Abbaustelle für Torf bezeichnet und bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts ausgebeutet und stark geschädigt.

Regeneration durch Stauen des Regenwassers

Pro Natura St.Gallen-Appenzell war sich des schlechten Zustandes des Moores bewusst und konnte im Jahr 1999 zwei Parzellen mit einer Gesamtfläche von 3,7 Hektar erwerben. Die erklärten Ziele von Pro Natura waren und sind es bis heute, den durch den Torfabbau geschädigten Wasserhaushalt wieder herzustellen und die Regeneration des Hochmoores zu fördern. Schliesslich sollte sich auf den wieder vernässten Moorbereichen eine typische Hochmoorvegetation etablieren können.

In einem Bericht von Pro Natura aus dem Jahr 2007 wird der Botaniker Werner Lüdi zitiert, der im Buch «Moore der Schweiz» aus dem Jahr 1946 schrieb: «Das Hochmoor Salomonstempel ist eine Ruine eines grossen Moores, das durch Abzugsgräben und Torfstiche schwerstens beschädigt ist.» Damals habe das Moor noch eine Mächtigkeit von 340 Zentimetern über der wasserstauenden Lehmschicht besessen, im Jahr 2007 waren es gerade noch 220 Zentimeter. Dieser Rückgang sei auf die Austrocknung des Moores zurückzuführen und in der Folge habe die eindringende Luft einen Abbauprozess in Gang gesetzt, der den Torfboden zersetze.

Riet im Salomonstempel. Die Terrassierung durch den Torfabbau ist gut sichtbar. (Bild: Urs M. Hemm)

Riet im Salomonstempel. Die Terrassierung durch den Torfabbau ist gut sichtbar. (Bild: Urs M. Hemm)

In den Jahren 2007 bis 2010 wurde das Aufwertungsprojekt Salomonstempel in zwei Etappen schliesslich umgesetzt. Bereits ab 2004 wurde vorbereitend damit begonnen, die starke Verbuschung des Moores zu reduzieren und Bäume zu entfernen, um die Lichtverhältnisse für nachwachsende Pflanzen zu verbessern.

In einer ersten Etappe wurden schliesslich an vorher bestimmten Stellen Spundwände in den ehemaligen Entwässerungsgräben bis in den mineralischen Untergrund gerammt und vollständig überdeckt. Diese Spundwände sollen das Wasser knapp an der Bodenoberfläche stauen.

In einer zweiten Etappe wurden diese Massnahmen optimiert. Zudem wurde vertrockneter Torf abgetragen und zum Auffüllen von Gräben weiter verwendet. Durch diese Massnahmen wird das Moor wieder besser durchnässt und die Torfzersetzung sowie die Verbuschung können gestoppt werden. Dadurch und durch die besseren Lichtverhältnisse haben sich Pflanzen wie Torfmoose wieder ausgebreitet.

Besuchergruppen im Moor – aber nicht zu viele

Barbara und Toni Inauen sind mit ihren Kindern die einzigen ständigen Bewohner in Salomonstempel. (Bild: Urs M. Hemm)

Barbara und Toni Inauen sind mit ihren Kindern die einzigen ständigen Bewohner in Salomonstempel. (Bild: Urs M. Hemm)

Barbara und Toni Inauen können seit der Umsetzung des Pro-Natura-Projekts vermehrt besondere Besuchergruppen im Moor beobachten, welche sich über den Fortschritt der Regeneration des Moores informieren und die moorspezifische Flora und Fauna beobachten. «Es ist ein grosses Gebiet, sodass sich die Besucher gut verteilen. Dennoch. Meines Erachtens müssten es nicht mehr sein, denn andere Besucher schätzen es, einfach die Aussicht, die Natur und die Ruhe hier oben zu geniessen», sagt Barbara Inauen.