Heimhaushälterin und Seelsorgerin

Das ehemalige Männerheim Felsengrund wurde 28 Jahre lang vom Ehepaar Brügger geführt. Dora Brügger aus Stein erzählt über ihr Leben und ihr Wirken im Heim.

Flurina Lüchinger
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Fünf der Porträtierten mit dem Buch «Von Mistgabeln und Nächstenliebe». Dora Brügger ist die zweite von links. (Bild: PD)

Fünf der Porträtierten mit dem Buch «Von Mistgabeln und Nächstenliebe». Dora Brügger ist die zweite von links. (Bild: PD)

«Da erstickt man doch an den Bergen», dachte Dora Brügger, als sie und ihr Mann angefragt wurden, das damalige Männerheim Felsengrund in Stein zu übernehmen. Nun lebt sie seit fünfzig Jahren im Toggenburg. Aufgewachsen ist sie in Flaach, im Zürcher Unterland, mit zwei Geschwistern. Mittlerweile hat sie zehn Grosskinder und acht Urgrosskinder.

Die heute 85-jährige Frau hat schon mit sechzehn in Flaach die Sonntagsschule geleitet. Ein Jahr später kam vom Blauen Kreuz eine Anfrage, ob sie im Hoffnungsbund leiten würde. Ein Hoffnungsbund ist eine Kinder- und Jugendgruppe, in der primär über den Alkoholkonsum aufgeklärt wird, aber auch Gemeinschaft erlebt und der Glaube gestärkt wird. «Man muss die Kinder faszinieren», nur so schafft man es, bis zu 100 Kinder betreuen zu können meint Dora Brügger. Ihr Vater war jedoch nicht sehr erfreut über dieses Engagement. Er musste sich von da an Sprüche anhören, wenn er sich ein Feierabendbier oder ein Schnäpsli gönnen wollte.

Eine neue Herausforderung für das Paar

Paul Brügger, ihr Mann, der vor zwei Jahren verstorben ist, lernte sie kennen, weil er der Pöstler ihres Dorfes war. 1954 haben sie geheiratet. Wegen des darauffolgenden Umzugs nach Winterthur, hat ihre Schwester den Hoffnungsbund in Flaach übernommen. In Winterthur kamen ihre ersten zwei Kinder zur Welt. Über Bülach, wo der dritte Sohn geboren wurde, und über Wiedlisbach kamen sie nach Stein im Toggenburg.

Dora Brügger hat einen grossen Teil ihres Lebens den Hoffnungsbunden gewidmet. In jedem Dorf, in dem sie gewohnt hat, hat sie einen geleitet. In Wiedlisbach hat ihr Mann genug bekommen von seiner Stelle bei der Post. Er sehnte sich nach einer Arbeit mit Menschen. Als das Paar an einer Bezirksversammlung des Hoffnungsbundes angesprochen wurde, ob es nicht das Männerheim Felsengrund übernehmen wolle, merkte Paul Brügger, dass er für diese Aufgabe bestimmt war. Doch Dora hatte Zweifel. Sie wollte nicht weg, kannte sie doch das Toggenburg nur aus Erzählungen über die Skiferien ihrer Nachbarn, und sie wusste nicht, ob sie dieser Aufgabe gewachsen sei.

«Eine gute Rösti ist ausreichend»

Nach einem Gespräch mit dem Präsidenten des Felsengrundes, nach der Vollendung eines Anbaus am Heim, in dem eine Familie gut Platz zum Wohnen fand, und nach einem Besuch im Heim selber willigte Dora ein. Der Präsident habe beim Gespräch auf die Frage, was man denn können müsse, um das Heim zu leiten, geantwortet, dass es schon reiche, wenn sie eine gute Rösti kochen könne.

Zuständig im Felsengrund war sie für den Haushalt des Heimes. Am liebsten hat sie in der Küche gestanden und gekocht. Nach zweieinhalb Jahren hat sich Brügger weitergebildet, um Haushaltslehrtöchter aufnehmen zu können. Das Abschlussdiplom zeigt sie noch heute stolz. Zehn junge Frauen haben bei ihr ihre Ausbildung gemacht.

«Als ich da war, habe ich nicht mehr gezweifelt»

28 Jahre lang haben die Brüggers das Heim geleitet. Dora Brügger sagt, dass sie von dem Moment an, als sie im Heim angekommen ist, nicht mehr gezweifelt hat, ob sie das Richtige tut. Zu ihrer Tätigkeit und ihrem Können als Haushälterin kam hinzu, dass sie für die Bewohner die Seelsorgerin war. Für viele Männer war es unglaublich wichtig, dass ihnen jemand zuhört. Und dies hat Dora Brügger immer getan. Auch mitten in der Nacht. Ebenfalls wichtig war, dass die Bewohner in die Arbeit eingespannt wurden. Sie haben mitgeholfen, wo es nötig war, und diese Tätigkeiten haben ihnen mehr Halt gegeben.

Finanziert wurde das Heim einerseits durch die Miete der Bewohner, acht Franken pro Tag, und andererseits durch Spenden an das Blaue Kreuz. Nach ihrer Pensionierung haben die Brüggers 20 Jahre lang in der Laad in Nesslau gewohnt. Vor knapp einem Jahr wurde Dora Brügger nun vom Blauen Kreuz angefragt, ob sie sich als eine der Porträtierten im Buch «Von Mistgabeln und Nächstenliebe» erscheinen möchte. Sie hat nach kurzer Skepsis eingewilligt und nun kann man im Büchlein einige Anekdoten über ihr Wirken lesen.