Heimbewohner fliehen nach Hawaii: Wie ein Wattwiler Altersheim den Sandstrand in die Cafeteria brachte

Das Alters- und Pflegeheim Risi in Wattwil hat einen abenteuerlichen Film produziert – inklusive brennendem Flugzeug.

Tobias Söldi
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Heimleiter Georg Raguth (vorne) stösst in Hawaii auf die gelungene Flucht an.

Heimleiter Georg Raguth (vorne) stösst in Hawaii auf die gelungene Flucht an.

Screenshots: Alters- und Pflegeheim Risi / Youtube

Geheime Treffen in kahlen Büros, eine nächtliche Fluchtaktion, waghalsige Fallschirmsprünge aus einem abstürzenden Flugzeug: Die Geschichte hat alles, was man von einem James-Bond-Film erwartet. Nur spielt für einmal nicht der britische Geheimagent die Hauptrolle, sondern eine Gruppe mindestens ebenso abenteuerlustiger betagter Damen und Herren aus dem Alters- und Pflegeheim (APH) Risi in Wattwil.

Auf dem Weg in die Freiheit: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion fliehen die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Heim in Wattwil.

Auf dem Weg in die Freiheit: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion fliehen die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Heim in Wattwil.

Gemeinsam wagen sie die Flucht aus der Coronakrise, wie der Fernsehsender TVR am Wochenende in seinem Nachrichtenbeitrag «Skandal im APH Risi» aufgedeckt hat. Am Ende findet die Aussenkorrespondentin die Entflohenen tiefenentspannt auf Liegestühlen an einem Strand in Hawaii, in der Hand einen Drink, um den Hals eine Blumenkette.

Idee entstand während der Kaffeepause

Doch der Schein trügt: Alles ist erfunden. Natürlich weilen die Bewohnerinnen und Bewohner des APH Risi noch immer in Wattwil. Der Sandstrand befindet sich in Wirklichkeit in der Cafeteria des Heims, das Meer ist eigentlich eine nüchterne grüne Stoffwand und die investigativen Reporter des erfundenen Fernsehsenders TVR sind Mitarbeitende des Heims.

Heimleiter Georg Raguth erzählt:

«Die Idee dazu hatten wir während einer Kaffeepause.»
Georg Raguth, Leiter des Alters- und Pflegeheim Risi.

Georg Raguth, Leiter des Alters- und Pflegeheim Risi.

Ralph Ribi

Schnell nahm das Projekt Fahrt auf. Die Hawaii-Utensilien waren noch von der Fasnacht übrig, das Surfbrett lehnte man aus, den Sand liess man sich liefern, die heimeigene Spiegelreflexkamera wurde zur Filmkamera. Und so versuchten sich während der vergangenen Woche rund 35 Heimbewohnerinnen und -bewohner sowie Teile des Personals als Schauspieler, Kameramänner und Drehbuchautoren.

Überzeugungsarbeit brauchte es keine, die Bewohnerinnen und Bewohner waren schnell für das Filmprojekt zu haben – und wohl auch froh über die Abwechslung. «Viele sind sogar gerne vor der Kamera gestanden», berichtet der Heimleiter.

«Wir haben während des Drehens viel gelacht – trotz Sicherheitsvorkehrungen und Schutzmasken.»

Das technische Know-how brachte Faik Shakiri ein, der Leiter Verpflegung. «Er hat in vielen Nachtschichten den Film geschnitten und zusammengestellt», erzählt Raguth. Und Shakiri sagt: «Ich habe gestaunt, wie die Leute mitgemacht und ihre Ideen eingebracht haben.»

Auf viel Resonanz gestossen

Das Resultat hat nicht nur den Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims Freude bereitet, sondern auch in der Öffentlichkeit. Auf Youtube ist das Video bereits über 8000-mal aufgerufen worden. «Damit haben wir wirklich nicht gerechnet», sagt der Heimleiter. Das Video habe man doch in erster Linie für sich selbst gedreht.

Ob es einen Teil zwei gibt – das Leben auf Hawaii – lässt Raguth offen. «Kommt drauf an, wie lange das Heim noch geschlossen bleibt.» Überraschen würde es nicht, ist das APH Risi doch während der Coronakrise nicht zum ersten Mal mit einem kreativen Projekt aufgefallen. Die Idee der «Besucherbox», die trotz Einschränkungen Besuche ermöglicht, stammt ebenfalls aus Wattwil.

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