Geschichte
Die mögliche Herkunft des Seluners: War er aus einer Appenzeller «Irrenanstalt» entwichen?

Die kürzlich in Neu St.Johann erfolgte Beisetzung der sterblichen Überreste von Johannes Seluner liess wieder einmal über die nie geklärte Herkunft des «Wilden Mannes» werweissen. Zu den verschiedenen Mutmassungen gehört auch eine Appenzeller Variante: War der «Wilde Mann» ein aus der Walzenhauser «Irrenanstalt» entwichener Insasse?

Peter Eggenberger
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Der in den Churfirsten lebende, später «Seluner» genannte Mann versucht, den Sennen zu entkommen.

Der in den Churfirsten lebende, später «Seluner» genannte Mann versucht, den Sennen zu entkommen.

Illustration: Ernst Bänziger

Im Jahr 1844 überwältigten Sennen aus Alt St.Johann im Gebiet des Churfirstengipfels Selun einen wilden Mann. Dessen Herkunft liess sich nie klären, was zu verschiedensten Vermutungen führte. Entfloh er der damaligen Walzenhauser «Irrenanstalt» – das abwertende Wort ist längst nicht mehr gebräuchlich –, wie es im Buch «Läse ond lache» erzählt wird? 1834 wurde die Anstalt von Dr. med. Bartholome Leuch eröffnet. Es war die erste derartige Einrichtung im ländlichen Gebiet zwischen Bodensee und Säntis.

Geisteskranke wurden versorgt

Vielfach waren es in der Folge wohlhabende Leute aus der ganzen Ostschweiz, die in der weit abseits des Dorfzentrums gelegenen Anstalt geisteskranke Angehörige versorgten. So wurde Anfang der 1840er-Jahre ein taubstummer Bursche eingeliefert, der durch seine besondere Wildheit aufgefallen sei und sich sämtlichen Therapiebemühungen gewaltsam widersetzt habe.

Anlässlich eines Spaziergangs im Freien habe der Wilde die Flucht ergriffen. Hinter den wenig später aktenkundig gewordenen Lebensmittel-Diebstählen im Raum Trogen, Urnäsch und Schwägalp wurde der Flüchtige vermutet, dessen Spur sich aber bald verlor.

Sicherheit in den Churfirsten

Instinktiv mied der Wilde grössere Siedlungen, und am sichersten fühlte er sich im Alpbereich. Sein Zufluchtsort wurde die heute als Wildmannlisloch bekannte Höhle im Selungebiet. Den dortigen Sennen fiel schon bald das rasche Schwinden der Lebensmittelvorräte in den Hütten auf, und als auch die Kühe weniger Milch als üblich gaben, begann eine intensive Überwachung.

Ins Armenhaus eingeliefert

Auch am 9. September 1844 verliess der Wilde seine Höhle, näherte sich einer Kuh und wollte sich unter das Euter legen. Jetzt griffen die Älpler blitzschnell zu und brachten den sich mit aller Kraft wehrenden Mann ins Armenhaus von Alt St.Johann. Später wurde er ins Nesslauer Armenhaus verlegt.

Nach und nach legte der Seluner seine Wildheit ab. Er verstarb 1898, und es bleibt letztendlich offen, ob es sich beim wilden Mann um den entflohenen Geisteskranken aus dem Appenzellerland gehandelt haben könnte. Die sogenannte Walzenhauser «Irrenanstalt» existierte bis in die 1920er-Jahre, wurde dann als Kurhaus betrieben und dient seit 1965 als Tierpension.

Peter Eggenberger wurde 1939 in Walzenhausen geboren und arbeitet als Autor und Journalist. Sein Buch «Läse ond lache» erschien 2003 im Appenzeller Verlag.

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