Für den 25-jährigen Halfpipe-Freestyler Jan Scherrer aus Ebnat-Kappel beginnt in den USA seine zehnte Weltcup-Saison

An seiner Zielsetzung hat sich wenig verändert: Qualifikation überstehen und im Final voll angreifen.

Urs Huwyler
Drucken
Teilen
Der Toggenburger Jan Scherrer in der Halfpipe von Copper Mountain. Ab dem 12. Dezember findet an diesem Ort der Weltcupauftakt statt.

Der Toggenburger Jan Scherrer in der Halfpipe von Copper Mountain. Ab dem 12. Dezember findet an diesem Ort der Weltcupauftakt statt.

Bild: PD

Irgendwie erinnert bei den Freestylern vieles an den Silvester-Klassiker «Dinner for One». Was sagt in jener Kult-Sendung Miss Sophie zum Butler? «The same procedure as every year, James.» Wird Snowboarder Jan Scherrer aus Ebnat-Kappel wie jedes Jahr vor dem Weltcup-Start auf seine Ziele angesprochen, kann er nichts anderes sagen als: «Qualifikation überstehen und im Final voll angreifen», bestätigt der derzeit in Copper Mountain weilende WM- und Olympia-Neunte von 2018.

Bei den meisten seiner Konkurrenten töne es ähnlich. Das Überstehen der Qualifikation wird selbst für Olympia-Medaillengewinner selten zum Selbstläufer. Einzig Half-Piper vom Format eines Scotty James (AUS) oder Shaun White (USA) müssen sich nicht um eine unfreiwillige Ruhepause am Finaltag sorgen. Mit «Soweit bin ich noch nicht, aber ich arbeite daran» lässt sich die Ausgangslage von Jan Scherrer zusammenfassen.

«Bis es keinen Schnee mehr gibt»

Wäre der Schweizer Nachwuchssportler des Jahres – 2012 zusammen mit Skirennfahrerin Wendy Holdener – vor zehn Jahren in Saas Fee mit dem Können von heute in den Weltcup eingestiegen, hätte es statt zu Platz 34 wohl aufs Podest gereicht. Schlapphosen, Partys, Tag- statt Nachruhe – das war einmal. Inzwischen bringen risikolose, technisch sauber ausgeführte Runs kaum mehr eine einstellige Platzierung.

«Das Niveau steigt von Winter zu Winter zu Saison. Ich muss schon in der Qualifikation schwierige Tricks einbauen, um auf eine entsprechende Note zu kommen. Eine durchschnittliche Leistung reicht nicht mehr fürs Weiterkommen», ist das polysportiv veranlagte Bewegungstalent überzeugt. Ob Fussball, Volleyball, Tennis, Skateboarden oder Berglaufen, Jan Scherrer fühlt sich nicht nur in der Halfpipe wohl.

«The Same procedure as every year» gilt auch für die Frage, wann die Flugshow über dem «U» die menschenmögliche Akrobatik-Grenze erreicht hat. Irgendwann dürfte es bei einem dreifachen Rückwärtssalto mit einer, zwei oder vielleicht drei Drehungen zu Ende sein. «Die Spirale dreht sich erst dann nicht mehr weiter nach oben, wenn es keinen Schnee mehr gibt», glaubt der SC Speer-Klubkollege von Langläufer Beda Klee.

Wenn ein Sprung sitzt, wird die Geschwindigkeit erhöht

Bis es soweit ist, wird der frühere Doppelstarter (Halfpipe/Slopestyle) noch x-mal mit einem erhöhten Adrenalinspiegel Anlauf nehmen. Auf dem Trampolin kann der neue Trick gelingen, bei der Premiere im Schnee wird es eine andere Anspannung sein. «Der schrittweise Aufbau eines Runs ist Voraussetzung. Erst wenn ein Sprung sitzt, wird die Schwierigkeit erhöht. Das bringt eine gewisse Sicherheit. Das Risiko lässt sich vermindern, aber nie ausschalten. Wir betreiben einen Risikosport», ist sich Jan Scherrer bewusst.

Deshalb wagen die Stars der Szene ihre neusten akrobatischen Kreationen einzig bei idealen Voraussetzungen. Die mentale und athletische Verfassung, die Infrastruktur, das Selbstvertrauen, die optimale Anfahrtsgeschwindigkeit, das Wetter, das Umfeld und die Beschaffenheit und Grösse der Pipe sind Faktoren, welche stimmen müssen. Wer im Kopf nicht bereit ist, sollte nichts wagen. Stürze sind im besten Fall nur schmerzhaft.

Saison ohne internationale Titelkämpfe

Es gibt weltweit wenige Orte, welche die Infrastruktur-Bedingungen erfüllen. Laax und Saas Fee gehören dazu. Beide Halfpipes werden von Jeremy Carpenter gebaut. In Saas Fee trifft sich im Herbst nahezu die gesamte Weltelite zum Training. «Es dürften die gleichen Leute vorne klassiert sein wie in den Vorjahren. Neulinge, die durchstarten könnten, waren keine auszumachen», fasst Jan Scherrer seine Beobachtungen zusammen.

Er kam verletzungsfrei durch die Vorbereitungsmonate und steigt zuversichtlich in die am 12. Dezember in Copper Mountain (USA) beginnende Weltcupsaison. Nach dem Final fliegt das Team direkt nach China. In Secret Garden gelang Jan Scherrer vor einem Jahr, nach zuvor zweiten Rängen im kanadischen Stoneham (2014) und Arosa (2011), der bisher einzige Weltcupsieg. Dazu kamen zehn weitere Klassierungen unter den besten Zehn.

Der FIS-Weltcup erhebt sich im Winter 2019/2020 bei den Freestylern nicht über allem. Weil keine Titelkämpfe anstehen, rücken die ursprünglichen, coolen, trendigen Boarder-Contests in den Fokus. «Beispielsweise wird das US Open aufgewertet. Der Weltcup ist für jeden Sportler wichtig und jene Resultate werden in der Öffentlichkeit wahrgenommen, aber unter den Boardern gibt es Events mit einem ebenso hohen Stellenwert», sagt Jan Scherrer. Das eine tun, das andere nicht lassen. «The same procedure as every year».

Aktuelle Nachrichten