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Regierung und Polizei reflektieren Neonazi-Treffen in Unterwasser von 2016

Regierungspräsident Fredy Fässler hat während seines Präsidialjahres Fragen zu Themen gestellt, die ihm fremd sind. Die achte und letzte Veranstaltung moderierte er im Obertoggenburg.
Cecilia Hess-Lombriser
Das Podium zu Extremismus und Radikalisierung: Esther Luder Müller, Rolf Züllig, Fredy Fässler, Bruno Zanga (von links). (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Das Podium zu Extremismus und Radikalisierung: Esther Luder Müller, Rolf Züllig, Fredy Fässler, Bruno Zanga (von links). (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

«Das Fremde fordert mich heraus», hat Fredy Fässler zu Beginn seines Jahres als Regierungspräsident und seiner Reise durch den Kanton gestanden. Er hat sich direkt oder indirekt dem Fremden gestellt, weil er zur Erkenntnis gekommen ist, dass es Gespräche braucht, die Auseinandersetzung und die Achtung voreinander. Am Donnerstagabend war die Bevölkerung ins Hotel Hirschen in Wildhaus zum Thema «Extremismus und Radikalisierung: Wieso wird jemand so radikal?» eingeladen. Wäre Christoph Thurnherr nicht mit einer Berufsschulklasse aus Wattwil an den Anlass gekommen, hätten die übrigen Teilnehmenden an einem Tisch Platz gehabt.

Das Fremde hat verschiedene Gesichter

Es war an einem Wochenende im Oktober 2016, als sich rund 6000 Neonazis in der Tennishalle Unterwasser zu einem Konzert mit nationalsozialistischer Musik versammelten. Es wurde zum Medienereignis. «Das hat mich sehr beschäftigt», bekannte Fredy Fässler zu Beginn der Veranstaltung. Dieses Ereignis war auch der Grund, warum er sich mit seinem letzten Thema ins Obertoggenburg begab. Er erzählte von diesem Fremden, das er nicht versteht und von anderen Themen, die ihm fremd waren oder fremd geblieben sind.

Auf der anderen Seite drückte er seinen Respekt darüber aus, wie Asylsuchende 2015 in der Zivilschutzanlage in Alt St. Johann aufgenommen worden waren, und wie sich die Bevölkerung während der befristeten Zeit von sechs Monaten eingegeben und Brücken geschlagen hatte. «Wenn die Leute wissen, worum es geht, kann es gelingen, dem Fremden ins Auge zu schauen», meint er.

Achtsam sein und Unterstützung holen

Um in das Thema des Abends einzusteigen, hatte der Regierungspräsident Esther Luder Müller eingeladen, ein Input-Referat zu halten. Sie ist Leiterin der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes St. Gallen. Die Mitglieder der Vierergruppe arbeiten dort, wo sie gerufen werden; lösungsorientiert, transparent und handelnd. Sie beraten und unterstützen die Schulen – möglichst präventiv.

Wenn es zur Eskalation kommt, ist in erster Linie die Polizei gefragt. «Früh erkennen – früh intervenieren», war die Botschaft der Fachfrau. Der Weg bis zum Extremismus oder zum Radikalismus sei ein Prozess und er werde von Anzeichen begleitet. Genau um diese Anzeichen ging es an diesem Abend. Achtsam sein, das Umfeld ansprechen, Unterstützung holen, sich vernetzen. «Die Frühintervention geht auch die Gesellschaft an, nicht nur die Fachleute», sagte Esther Luder. Schüler hätten meistens ein gutes Sensorium, man müsse ihnen jedoch zuhören. Glücklicherweise sei die Gewalt bisher an Schulen im Kanton St. Gallen ein kleines Thema.

Polizei will auch eine Anlaufstelle sein

Am anschliessenden Podium liessen sich Rolf Züllig, Gemeindepräsident Wildhaus-Alt St. Johann und Bruno Zanga, Kommandant der Kantonspolizei, befragen. Züllig erzählte von seinen Erfahrungen mit jenem Neonazi-Treffen und «beklemmenden Gefühl». Er habe die Situation als bedrohlich empfunden. Zanga seinerseits war damals in den Ferien und erfuhr erst aus der Zeitung von diesem Ereignis. Er erklärte die Schritte, welche die Polizei damals unternommen hatte und die Entscheidung, die Veranstaltung nicht aufzulösen, nachdem schon 1000 Leute anwesend gewesen seien. «Wir haben den Anlass schliesslich begleitet und nicht interveniert. So ist alles geordnet abgelaufen.»

Fredy Fässler fragte den Kommandanten der Kantonspolizei, was zu tun sei, wenn einen ein ungutes Gefühl beschleiche? «Wohin soll man gehen?» Es gelte ja, wachsam zu sein, aber auch vorsichtig. Zanga, der täglich mit Gewalt konfrontiert ist, informierte, dass die Kapo eine spezielle Abteilung aufbaue, die sich mit der Gewalt beschäftige. Zukünftig müsse die Polizei auch eine niederschwellige Anlaufstelle anbieten, bevor etwas passiert sei. Es gehe darum, dass jemand hinschaue und abkläre. «Der Bedarf ist da», sagte er.

Extremisten gibt es links und rechts

Rolf Züllig hat festgestellt, dass das Ereignis sensibilisiert hat. «Fehlentwicklungen in der Gesellschaft gehen alle an», sagte auch er. Man könne aus jedem Ereignis lernen, meinte Fredy Fässler, doch eine 100-prozentige Sicherheit gebe es nicht. Bruno Zanga informierte, wie Dschihad-Rückkehrer im Kanton begleitet werden, sagte, dass der Extremist bereit sei, Gewalt anzuwenden, egal ob er rechts oder links oder religiös positioniert. Bei den Radikalen sei dies nicht unbedingt der Fall.

Eine grosse Rolle spiele die Gruppendynamik als Grund für die Radikalisierung. Im Internet könne sich jemand auch alleine radikalisieren. Die Diskussionsrunde führte schliesslich noch ins Fussballstadion und den dortigen Gewaltausbrüchen.

«Mit den konsequenten Strafen haben wir es in der Ostschweiz gut im Griff», stellte Bruno Zanga fest. Die Pyro-Aktionen seien allerdings fast unmöglich zu verhindern. «Wir machen jedoch immer darauf aufmerksam, wie gefährlich sie sind und Menschenleben gefährden.»

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