Frauenstreik
Postenlauf in Wattwil macht auf die Rechte der Frauen aufmerksam

Unter dem Motto «sichtbar ungleich» haben sich am Samstagnachmittag rund 40 Personen für einen Postenlauf durch Wattwil zusammengefunden. Bekannteste Teilnehmerin war Barbara Gysi, SP Nationalrätin und Vizepräsidentin der SP Schweiz.

Christiana Sutter
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Die Gruppe spaziert in Wattwil von Posten zu Posten, hier auf dem Weg hoch zur Risi.

Die Gruppe spaziert in Wattwil von Posten zu Posten, hier auf dem Weg hoch zur Risi.

Bild: Christiana Sutter

Am 14. Juni vor 30 Jahren fand der erste Schweizer Frauenstreik statt. Das Motto damals: «Wenn Frau will, steht alles still». Vor zwei Jahren organisierten die SP Frauen und weitere Organisatorinnen den St.Galler Frauenstreik.

Letztes Jahr, coronabedingt, richteten die Frauen einen Sternmarsch in der Stadt aus. In diesen Tagen, vom 12. bis 14. Juni, sind feministische Aktionen in der Stadt und auf dem Land geplant. Am Samstag fand ein Postenlauf in Wattwil statt.

Gratisarbeit in der Betreuung soll Vergangenheit sein

Die Gruppe spazierte von Posten zu Posten. An jedem Posten referierte eine oder mehrere Rednerinnen über ein Thema, das die Ungleichheit der Frauen in der Schweiz reflektierte. Die erste Rednerin war Christelle Wick, Museumskuratorin des Toggenburger Museums. Ihr Thema: Frauen in der Öffentlichkeit.

Für diese Ausführungen begab sich die Gruppe zur Susanne-Müller-Strasse in Wattwil, eine der wenigen Strassen im Toggenburg, die einer Frau gewidmet sind. Christelle Wick erläuterte einige Episoden aus dem Leben der Susanne Müller. Diese verfasste im 19. Jahrhundert ein Kochbuch mit dem Namen «Das fleissige Hausmütterchen». «Sie war wohl die Vorgängerin von Betty Bossi», bemerkte Christelle Wick.

Die Theologin und Autorin Ina Praetorius informierte über die Care-Arbeit.

Die Theologin und Autorin Ina Praetorius informierte über die Care-Arbeit.

Bild: Christiana Sutter

Der zweite Posten befand sich beim Alters- und Pflegeheim und der Kita in der Risi. Ina Praetorius, feministische Theologin und Autorin, beschrieb die Care-Arbeit.

«Vor der Pandemie war Care-Arbeit erklärungsbedürftig – jetzt ist es wohl allen klar.»

Diese Arbeit wird mehrheitlich von Frauen ausgeführt, denn die Frauen übernehmen den grössten Teil der Kinderbetreuung daheim und in der Kita. Diese Arbeiten sind nicht anerkannt und schlecht bezahlt. «Care-Arbeiterinnen sind die Nachfolgerinnen der Sklavinnen», sagte Ina Praetorius. Ihr Aufruf: Schluss mit Gratisarbeit.

Frauen sollen frech bleiben

Mirta Sauer, die zweite Rednerin in der Risi, informierte die Gruppe über die Frauenlöhne – Lohngleichheit statt Ungleichheit. Die Frauenlöhne in der Schweiz sind um rund 500 Franken tiefer als der Durchschnittslohn.

«Frauen verdienen sogar in klassischen Frauenberufen weniger als die Männer.»

Mirta Sauer hat zu diesem Thema und dem Frauenstreik Männerkommentare aus einer Schweizer Boulevardzeitung dieser Woche zitiert. Diese Kommentare lösten bei den Teilnehmerinnen Unverständnis und Kopfschütteln aus. Zum Schluss ihrer Ausführungen gab Mirta Sauer den Teilnehmerinnen auf den Weg mit: «Bleibt frech!»

Nationalrätin Barbara Gysi referierte beim Gemeindehaus Wattwil.

Nationalrätin Barbara Gysi referierte beim Gemeindehaus Wattwil.

Bild: Christiana Sutter

Barbara Gysi, SP Nationalrätin und Vizepräsidentin der SP Schweiz, referierte beim Gemeindehaus Wattwil als erstes Thema über die Frauen in der Politik. «Noch immer gibt es in der Schweiz zu wenige Frauen in der Politik», sagte sie, «eine Ausnahme ist der Kanton Neuenburg.» Dort liegt der Frauenanteil im Kantonsrat bei 58 Prozent. Schaut man in den Ständerat, gibt es 26 Frauen (Total 46 Sitze) und im Nationalrat haben 42 Frauen (Total 200) Einsitz in den Räten.

«Es braucht die Geschlechterquote, freiwillig wird den Frauen kein Platz gemacht.»

Rentenalter soll nicht erhöht werden, weder für Frauen noch für Männer

Das zweite Thema ist topaktuell, beschloss doch der Nationalrat diese Woche das Frauenrentenalter auf 65 Jahre zu erhöhen. Barbara Gysi erläuterte, dass ein Drittel aller Frauen nur die AHV im Rentenalter erhalten, «11 Prozent der Frauen benötigen Ergänzungsleistungen».

Die SP fordert, dass es keine Erhöhung des Rentenalters geben soll, «auch das der Männer nicht». Weiter soll die Betreuungsarbeit in der 2. Säule abgedeckt werden. Zum Schluss ihrer Rede sagt Barbara Gysi: «Das Geld ist da – nehmen wir es.»

Frauen sollen besser gegen Gewalt geschützt werden

Über Gewalt gegen Frauen und Missbrauch informierte Andrea Scheck. Sie appelliert an die Gesellschaft: Frauen verdienen besseren Schutz. 2019 gab es 20'000 Fälle häuslicher Gewalt. Über 70 Prozent der Opfer waren Frauen, die Täter zu 75 Prozent Männer.

Der letzte Posten in Wattwil war das Dorfschulhaus. Dort löste die Inschrift auf der Fassade «Vollbringe diese Verwandlung – an meinen Söhnen» zu reden und zu denken. Die Abschlussrede und der Ausklang waren vor dem Toggenburger Museum in Lichtensteig.

Die Inschrift an der Fassade des Dorfschulhauses in Wattwil gab zu reden.

Die Inschrift an der Fassade des Dorfschulhauses in Wattwil gab zu reden.

Bild: Christiana Sutter

Für den Montag sind in St.Gallen weitere feministische Aktionen geplant. Am Abend gibt es einen Sternmarsch mit einer Kundgebung um 19 Uhr in der Marktgasse.

Weitere Informationen: www.frauenstreik-sg.ch