Fischen
Vom «Pfannenfischer» zum Artenschützer: In 75 Jahren Fischereiverein Mitteltoggenburg hat sich die Rolle des Fischers verändert

1946 wurde der Fischereiverein Mitteltoggenburg gegründet. Heute ist vieles anders als damals. Die Bachforellen kämpfen ums Überleben und den Fischern ist weniger wichtig, mit vollem Rucksack nach Hause zu kommen. Ein Blick zurück und in die Gegenwart.

Katharina Meier
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Der Juli 2006 war heiss und legte die Bäche trocken. Die noch lebenden Forellen mussten abgefischt und gerettet werden.

Der Juli 2006 war heiss und legte die Bäche trocken. Die noch lebenden Forellen mussten abgefischt und gerettet werden.

Bild: PD

Reiche Fabrikanten und Industrielle stehen am Bach, mit Stumpen im Mund und Angel in der Hand, der Rucksack ist prall gefüllt mit Bachforellen. Tempi passati. Seit 1946, dem Gründungsjahr des Fischereivereins Mitteltoggenburg, hat sich viel verändert.

Gleich geblieben ist hingegen, dass der Verein die Bäche pachtet, welche zwischen Wattwil und Kirchberg linksseitig in die Thur fliessen. Dazugekommen ist der Altbach in Kirchberg, der für die derzeit 40 Fischer und eine Fischerin ab der Kantonsgrenze zum Thurgau tabu ist. Zwei Bäche sind für die Aufzucht von kleinsten Fischen, sogenannten Brütlingen, reserviert.

Insgesamt werden jährlich 30'000 Brütlinge in die Bäche mit einer Strecke von rund 120 km übersiedelt. Die Zahl scheint gross. Eine stattliche Bachforellendame legt aber über 1000 Eier in die Laichgrube. Früher war dieses Übersiedeln, der sogenannte Besatz, eine vom Kanton verfügte Pflicht. Sie ist schon länger gefallen und einem vom Kanton erarbeiteten Bewirtschaftungskonzept gewichen.

Keine Obergrenze, tieferes Mindestmass

In den Gründerjahren des Vereins gab es für die Fischer auch beim Fischen selbst keine Obergrenze. Heute dürfen pro Tag maximal sechs Bachforellen an Land gezogen werden. Auch hatte damals ein Fisch lediglich eine Grösse von 22 Zentimetern aufzuweisen, ehe er im Rucksack und später in der Pfanne landen durfte. Heute sind es 25 Zentimeter, an speziellen Bachabschnitten sogar 32 Zentimeter. Ein weiterer Unterschied von früher zu heute: Früher wimmelte es von Fischen: Der Höhepunkt wurde 1968 registriert, als in der Saison, die von Mitte März bis Ende September dauert, 2154 Fische, darunter auch Regenbogenforellen, am Silk von Mitgliedern des FVMT zappelten.

Seit 75 Jahren geniessen die Mitglieder des Fischervereins Mitteltoggenburg ihr Hobby an den Seitenbächen der Thur.
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Ihr Hobby führt die Fischerinnen und Fischer des FVMT mitunter an spektakuläre Orte.
Die Natur intensiv beobachten zu können, ist eines der Privilegien des Fischers.

Seit 75 Jahren geniessen die Mitglieder des Fischervereins Mitteltoggenburg ihr Hobby an den Seitenbächen der Thur.

Bild: PD

Widerhaken sind verboten, Wissen ist gefragt

Heute liegt die jährliche Fangzahl zwischen 350 und 400 Stück, wobei das Fangen mit Widerhaken aus tierschützerischen Gründen verboten ist. Aus dem gleichen Grund ist seit 2009 der Sachkunde-Nachweis (Sana) Pflicht und der Mitgliederbeitrag hat sich verfünffacht.

Nur 178 gefangene Fische registrierte der FVMT im Jahr 2018. Dies habe seine Gründe, sagt Präsident Daniel Gübeli:

«2018 brachen die Vereinsmitglieder die Saison frühzeitig und freiwillig ab und verzichteten auf ihr Hobby.

Denn: Im Trockenjahr 2018 führten die Bäche kaum mehr Wasser, waren teilweise trockengelegt und die Bachforellen kämpften um ihr Überleben.

Extreme Wetterverhältnisse

Das Verständnis des Fischers zu seinem Hobby hat sich geändert vom klassischen «Pfannenfischer» hin zum Artenschützer. «Wir sehen uns immer mehr mit extremen Wetterverhältnissen konfrontiert», so Gübeli. Im Sommer häufen sich die Trockenperioden, im Winter spülen massive Hochwasser die Fischeier weg, welche die Bachforelle von Oktober bis Januar in einer eigens im Kiesbett geschlagenen Laichgrube abgelegt hatte. Zudem lässt der Klimawandel die Wassertemperatur kontinuierlich ansteigen. Die empfindliche Bachforelle hört ab 18 Grad Celsius auf zu fressen und stellt auf Überlebensmodus um. Bei 25 Grad Celsius überlebt sie kaum mehr.

In Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Fischerei wird ein mehrjähriges Monitoring durchgeführt, um die Wirksamkeit des Besatzes zu prüfen.

In Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Fischerei wird ein mehrjähriges Monitoring durchgeführt, um die Wirksamkeit des Besatzes zu prüfen.

Bild: PD

Artgerechte Aufzucht

Diesen Umständen entgegenzuwirken, ist und bleibt schwierig. Der Verein setzt deshalb vermehrt auf eine artgerechte Aufzucht. Dies beginnt bei den Brütlingen. Sie werden nicht von überall her zusammengekauft wie früher, sondern schlüpfen im kantonalen Fischereizentrum aus Eiern von Bachforellen aus dem Einzugsgebiet. Es werden nur so viele junge Fische wie nötig in die Gewässer gesetzt. Um die Eigenverlaichung zu beobachten und zu fördern, wird bei zwei Bächen seit Jahren auf den Besatz verzichtet.

In einem der zwei Aufzuchtbäche ist neuerdings auch der Brütlingsbesatz gestrichen. Die zurückgelassenen Elterntiere sollen für Nachwuchs sorgen. Derzeit untersucht der FVMT in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Fischerei, ob ein Besatz grundsätzlich sinnvoll sei. Ein mehrjähriges Monitoring bei einer speziell ausgeschiedenen Strecke soll Erkenntnisse bringen, ob die neu angesiedelten Fische im Bach überleben oder nicht und wie sich die Eigenverlaichung entwickelt.

«Wir sind privilegiert»

Übt der Fischer heute sein Hobby aus, liegt sein Fokus nicht mehr nur auf der Forelle. Wenn er vom Bodensee ins Toggenburg zurückkehrt, muss er die Stiefel desinfizieren, um zu vermeiden, dass er fremde Arten und Krankheiten einschleppen. Sieht er eine Bachverunreinigung, meldet er dies unverzüglich bei der Polizei. Bemerkt er eine unbewilligte Baustelle am oder im Bach oder gar einen Bagger, wird die zuständige Gemeinde informiert.

Wird das Bachbord als Müllhalde missbraucht, lässt dies den heutigen Fischer nicht kalt.

Das Bachbord als Müllhalde lässt den Fischer nicht kalt.

Das Bachbord als Müllhalde lässt den Fischer nicht kalt.

Bild: PD

Weniger wichtig ist ihm hingegen, wenn er einmal auch ohne Fang nach Hause zurückkehrt. Daniel Gübeli sagt:

«Wir sind trotzdem sehr privilegiert. Dies hat sich auch während der Pandemie gezeigt. Wir beobachten die Natur, entdecken Fauna und Flora, geniessen die Ruhe.

Wenn dann noch ein Fisch an Land gezogen werden kann: «Umso schöner.»

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