Fernunterricht während der Pandemie: Zürcher Professor lehrt aus dem Exil im Obertoggenburg

Als Lehrsaal dient dem Zürcher Professor Doktor Andri Gerber derzeit ein Ferienhaus in Unterwasser.

Christian Gauer
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Andri Gerbers Hörsaal ist geschrumpft. Er lehrt seine Studenten virtuell aus dem Ferienhaus.

Andri Gerbers Hörsaal ist geschrumpft. Er lehrt seine Studenten virtuell aus dem Ferienhaus.

Bild: PD

Der Bundesrat hat landesweit das öffentliche Leben reguliert und stützt sich dabei auf das Epidemiegesetz. Die ETH, als vom Bund finanzierte und höchste Lehranstalt, sieht sich in einer Vorbildfunktion. Schon früh informierte darum Präsident Joel Mesot. Noch bevor der Bund handelte, schickte er eine E-Mail an die ETH Mitarbeiter.

Überrascht sei Andri Gerber, Professor für Architektur, nicht gewesen, sagt er. Betroffen hätte den Doktor aber die Länge der Schliessung bis Ende Semester, das heisst bis Ende Juni. Er teile aber die Meinung des ETH Präsidenten. Die grösste Aufmerksamkeit müsse jetzt die Eindämmung der Verbreitung des Virus haben.

Gekleidet wie für einen Tag im Wald

Andri Gerber hat sich auf einen Gartenstuhl auf dem Sitzplatz gesetzt und sagt: «Alles digital.» So erfüllt er seinen Lehrauftrag. Er trägt einfache, robuste Kleidung, wie wenn er einen Tag als Waldarbeiter verbringen würde. Sonnenstrahlen fallen schräg ein und erwärmen den Nachmittag. Wegen der Schutzvorschriften findet die Begegnung mit ihm draussen statt.

Andri Gerber, Privatdozent für Architektur

Professor Doktor Andri Gerber ist Privatdozent für Architektur mit einem semesterbedingten Lehrauftrag an der ETH und er hat eine Professur für Städtebaugeschichte an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur. Die Lehraufträge führt er wegen der Covid-19-Pandemie aus Unterwasser aus. (cga)

Draussen, das ist jetzt für den Professor in Architektur die Enge des Tobels in Unterwasser, aus der sich die Wildhauser Thur seinen Weg bahnt. Zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern im Unterstufenalter hat er für die Zeit der Krise die Wohnung im Zürcher Niederdorf verlassen.

Der Umzug aufs Land entschleunigte seinen Alltag. Er fühle sich grossartig hier im Toggenburg und geniesse es auch, draussen zu arbeiten. Die Entspannung ist aus fünf Metern spürbar. Er merke, wie er runterkomme. «Die Rede von der Hektik in der Stadt entspricht nicht nur einem Klischee.»

Seminar über Städtebaugeschichte per Video

Im Feriendomizil bereitet der Professor für Architektur die Lektionen vor. Am Freitagmorgen können die Studenten an der Zürcherischen Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur per Videokonferenz an einem Seminar über Städtebaugeschichte teilnehmen.

Für die Studenten an der ETH stellt Andri Gerber eine Lesung über Architekturgeschichte, zum Beispiel Raumwahrnehmung und Ästhetik, auf eine Plattform. Dort können die Studenten die Lesung jederzeit abrufen. Die Arbeit geschieht dabei im Nebeneinander mit dem Homeschooling der eigenen Kinder.

So fühlt Andri Gerber eine neue Anspannung. Die Situation würde ihn 24 Stunden fordern.

«Die Fachbücher mischen sich mit dem Lernmaterial der Kinder.»

Er müsse aufpassen, dass er nicht das Falsche erwische. Sagt es und lacht. Die Medien auszuprobieren, sei aber spannend, und mache schliesslich auch Spass.

Mit Hotspot den drahtlosen Zugang sichern

Das Ferienhaus passt dabei perfekt zur Architektenfamilie. Es liegt im steil abfallenden Hang über dem Tobel der Wildhauser Thur und ist ein typisches Beispiel der Nachkriegsarchitektur. Das Haus trägt die Handschrift des Bündner Architekten Rudolf Olgiati.

Einen Anschluss ans Telefonnetz sucht man hier vergeblich. Andri Gerber muss übers Handy agieren. Mit einem Hotspot, der ihm den drahtlosen Zugang sichert. Ein technisches Problem, das er lösen kann.

Was er nicht lösen kann, ist das Problem mit dem Virus. Er ist aber auch beeindruckt von der Solidarität. Alle würden nun versuchen, die Kurve der Pandemie runter zu kriegen. So arbeitet er jeden Tag fern seiner gewohnten Umgebung. «Man kommt schon ein bisschen aus dem Rhythmus», sagt er.

Eigene Kinder sorgen für Abwechslung

Dass er genug Abwechslung hat, dafür sorgen die Kinder. Am Morgen und am Nachmittag verbringt er mit ihnen die Pause draussen. Die sozialen Kontakte zu den Studenten fehlen ihm.

Neben den Vorbereitungen der Lektionen arbeitet Andri Gerber an zwei weiteren wissenschaftlichen Büchern. Es fehlt ihm der Gang zur Bibliothek an der ETH, die geschlossen ist. Die alltäglichen Sachen geniessen, wenn es vorbei ist, das heisst für ihn, wieder freien Zugang zur Bibliothek zu haben.