Es war ein Toggenburger, der den St.Galler Broderbrunnen gestaltet hat

Zur kürzlich eröffneten Jugendstil-Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum in der Stadt St.Gallen gehört unter anderem eine Broderbrunnen-Figur des Bildhauers August Bösch. Dieser ist im 19. Jahrhundert im Toggenburg aufgewachsen.

Anina Rütsche
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So präsentiert sich der Broderbrunnen in St.Gallen heutzutage. Die Figuren wirken alt, sind es aber nicht. Es handelt sich nicht um die Originale von 1896, sondern um Kopien, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegossen wurden. (Bild: Anina Rütsche)

So präsentiert sich der Broderbrunnen in St.Gallen heutzutage. Die Figuren wirken alt, sind es aber nicht. Es handelt sich nicht um die Originale von 1896, sondern um Kopien, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegossen wurden. (Bild: Anina Rütsche)

Zwar ist er nicht ganz so bekannt wie der Dom, doch auch der Broderbrunnen gehört zu den Wahrzeichen St.Gallens. Bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern lässt sein Anblick unvermittelt Heimatgefühle aufkommen. Klar, denn schon seit Generationen steht das imposante Werk an seinem Platz am Oberen Graben und erinnert an den Moment, als im Jahr 1895 zum ersten Mal Wasser aus dem Bodensee in die St.Galler Haushalte hinauf geleitet wurde.

Was aber kaum jemand weiss: Hinter diesem durch und durch städtischen Wahrzeichen mit den drei Nymphen steckt eine grosse Portion Toggenburg. Der Bildhauer August Bösch, der einst mit der Erstellung der Figuren und des Beckens beauftragt wurde, ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ebnat aufgewachsen.

Der Bildhauer August Bösch

August Bösch (1857-1911) war einer der wenigen Künstler aus dem Kanton St.Gallen, die sich national einen Namen machten. Bösch ist in Ebnat aufgewachsen und besuchte aufgrund seines Gehörverlustes die damalige Taubstummenanstalt in St.Gallen. Nach einer Steinhauerlehre in Zürich, die von 1873 bis 1875 dauerte, besuchte er den Zeichen- und Modellierunterricht an der Kantonsschule und am Polytechnikum. Später studierte er an Kunstschulen in München und Paris.

Ab Mitte der 1880er-Jahre war August Bösch in Zürich als Steinbildhauer tätig. Als sein bekanntestes Werk gilt der im Jugendstil gestaltete Broderbrunnen in St.Gallen von 1896. Ab 1901 hielt sich August Bösch längere Zeit in Rom auf. Er gehörte dort zum Kreis der Deutschrömer, einer zeitgenössischen Gruppierung von Kunstschaffenden und Autoren.

Lesetipp: «Der Bildhauer August Bösch – ein Deutschrömer Künstler aus dem Toggenburg» von Daniel Studer, 2004, ISBN 3-9520597-4-9. (pd/aru)

Viele Hinweise auf bäuerliche Herkunft

Das und vieles mehr erfährt, wer den erst vor wenigen Wochen eröffneten Jugendstil-Raum des Historischen und Völkerkundemuseums in St.Gallen besucht. «Betrachtet man Böschs gesamtes Schaffen, tauchen immer wieder Hinweise auf das bäuerliche Umfeld auf, dem er entstammt», sagt Daniel Studer, der als Museumsdirektor und Kunsthistoriker tätig ist und den neuen Teil der Ausstellung verantwortet.

Der Toggenburger Senn, erschaffen von august Bösch. (Bild: PD)

Der Toggenburger Senn, erschaffen von august Bösch. (Bild: PD)

Studer kennt sich bestens aus, denn er hat sich vor einiger Zeit detailliert mit dem Bösch auseinandergesetzt und eine Publikation zum Thema herausgegeben. Darin blättert er nun und fördert Erstaunliches zutage: Auf Seite acht prangt das Abbild eines Toggenburger Sennen aus Marmor, geschaffen vor 1884 vom noch nicht 30-jährigen Bösch, den es zu jener Zeit bereits in die Welt hinaus gezogen hatte, nach München und Paris. Später folgten Stationen in Florenz und Zürich, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Toggenburger zu einem Vertreter der Deutschrömer in der italienischen Hauptstadt. «Auch wenn August Bösch nicht zu den ganz grossen Vertretern dieser Künstlergruppierung gehört, nimmt er unter den Schweizer Deutschrömern eine wichtige Stellung ein», hebt Daniel Studer hervor.

Die Epoche des Jugendstils

Die internationale Epoche des Jugendstils lässt sich von 1895 bis 1920 datieren. Der Ausdruck geht auf die 1895 in München gegründete Kulturzeitschrift namens «Jugend» zurück, die in Kunst und Architektur eine Gegenbewegung zum rückwärtsgewandten Historismus forderte. Typisch für den Jugendstil sind die lineare und florale Formensprache sowie die Betonung von Flächen.

Lesetipp: «Sankt-Galler Jugendstil», Isabella Studer-Geisser und Daniel Studer, 2004, ISBN 3-9520597-3-0. (pd/aru)

Ein neues Verfahren, das sich auf die Dauer nicht bewährt hat

Dem Museumsdirektor ist es wichtig, in der Dauerausstellung einen möglichst umfassenden Eindruck der Stadt und Region zu vermitteln. «St.Gallen ist ganz klar eine Jugendstilstadt», hebt er hervor. Im neuen Ausstellungsraum wird diese kunstgeschichtliche Epoche, die etwa von 1895 bis 1920 gedauert hat und parallel zur Blütezeit der Stickerei verlief, erstmals in komprimierter Form präsentiert.

August Bösch zur Zeit der Entstehung des Broderbrunnens. (Bild: PD)

August Bösch zur Zeit der Entstehung des Broderbrunnens. (Bild: PD)

Zu sehen gibt es neben vielen historischen Fotos auch Alltagsgegenstände, Möbelstücke, Holzschnitte – und eine Originalfigur von Böschs Broderbrunnen, ein Bub, auf einem Delfin reitend. «Heute stehen auf dem Sockel am Oberen Graben ausschliesslich Kopien, klassische Bronzegüsse», erklärt Daniel Studer. Das habe damit zu tun, dass die Originale im Laufe der Zeit immer stärker verwittert seien. «Im Jahr 2000 waren sie derart beschädigt, dass man entschied, sie zu entfernen und durch Nachbildungen zu ersetzen.» Die restaurierte Original-Hauptgruppe mit den drei Nymphen und eine Knabenfigur befinden sich seither auf dem Gelände des Historischen und Völkerkundemuseums.

Kupferhaut auf Dauer nicht so robust wie angenommen

Der Grund für den schnellen Zerfall der Originale ist die Art ihrer Herstellung. Sie erfolge in der Galvanotechnik, die Ende des 19. Jahrhunderts populär war, sich jedoch langfristig nicht gegen den altbekannten Bronzeguss durchsetzen konnte. Bei der Galvanotechnik modellierte der Bildhauer die Figuren zunächst aus Gips. So machte es auch August Bösch, und im Frühling 1896 wurden seine Plastiken für den Broderbrunnen in einem elektrolytischen Bad mit einer Kupferschicht überzogen. Der Gipskern im Inneren blieb erhalten und bildete mit den darin enthaltenen Eisenarmierungen das tragende Gerüst der vergleichsweise dünnen Kupferhaut, die auf die Dauer nicht so robust war wie angenommen.

Daniel Studer, Museumsdirektor und Kunsthistoriker (Bild: Urs Bucher)

Daniel Studer, Museumsdirektor und Kunsthistoriker (Bild: Urs Bucher)

Wie Daniel Studers Buch «Der Bildhauer August Bösch – ein Deutschrömer aus dem Toggenburg» zu entnehmen ist, waren im Herbst 1896 alle Figuren fertiggestellt, die Einweihung folgte in jenem Jahr am 27. Oktober. «Alle Redner lobten das Werk und seinen Schöpfer und wiesen auf die sinnbildliche Bedeutung des Wasserdenkmals hin», schreibt Daniel Studer. Pfarrer Kambli, Mitglied des Kunstverein-Vorstands, habe der Bevölkerung den neuen Brunnen folgendermassen erklärt: «In edler Gestalt steigt die Wassernymphe des Bodensees empor, sich losringend von ihren mehr noch die herbe Naturgewalt des Wassers darstellenden Schwestern, und die herrliche Gruppe wird umspielt von Kindern und Fabelwesen und Wassertieren, in denen die feuchtfröhliche Natur des nassen Elements zur Anschauung kommt.»

Als es in der Stadt zum Kunststreit kam

Doch nicht alles, was mit dem Broderbrunnen zu tun hat, umfasst solch liebliche Worte wie die Rede anlässlich der Einweihung. «Im Gegenteil», sagt Daniel Studer. «Im Vorfeld der Erstellung hat es einen regelrechten Kunststreit gegeben.» Angefangen hatte alles, als der Kantonsrichter Hans Broder (1845 – 1891) der Stadt einen Betrag von 20000 Franken zur Verfügung stellte, die zum Bau eines monumentalen Brunnens eingesetzt werden sollte.

Um diesen zu realisieren, kam 1893 ein erster Kontakt zwischen Albert Pfeiffer, dem damaligen Vertreter der städtischen Bauverwaltung und dem damals bereits bekannten August Bösch zustande. Pfeiffer hatte schon konkrete Vorstellungen, wie der Brunnen aussehen sollte. Diese waren alles andere als bescheiden, denn laut Daniel Studer nahm er sich den repräsentativen Mende-Brunnen aus Leizpig zum Vorbild, der 1886 eingeweiht worden war. Anhand einer Fotografie aus Leipzig erstellte Bösch seinen ersten Entwurf.

Daraufhin mischten sich allerdings weitere Kunstverständige aus der Stadt ein, die sich beispielsweise an der «aufreizenden Darstellung» der Nymphen störten, zudem äusserten die Kritiker finanzielle Bedenken am Projekt. Es folgten zahlreiche Begutachtungen und Änderungen, sodass bis heute Legenden rund um die wirre Entstehungsgeschichte des Broderbrunnens kursieren. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei ein Museumsbesuch und die Lektüre von Daniel Studers reich bebilderter Publikation ans Herz gelegt.

Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen

Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen sind unter www.hmsg.ch zu finden. Kontakt: 0712420642, info@hvmsg.ch.