«Es ist die richtige Entscheidung»: Weil die Inhaberin schwer krank ist, schliesst Ende März die letzte Metzgerei im Neckertal

Mit der Metzgerei Götzl in Brunnadern schliesst der letzte Metzgereibetrieb im Neckertal.

Urs M. Hemm
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Die Liegenschaft mit der Metzgerei an Dorfstrasse 31 und 33 in Brunnadern konnte verkauft werden. Was künftig damit geschieht, ist indes ungewiss.

Die Liegenschaft mit der Metzgerei an Dorfstrasse 31 und 33 in Brunnadern konnte verkauft werden. Was künftig damit geschieht, ist indes ungewiss.

Bild: Urs M. Hemm

«Es war eine schwierige, aber unter den gegebenen Umständen sicherlich die richtige Entscheidung», sagt Claudia Jud-Götzl. Dabei habe sich die Schliessung des Metzgereibetriebs an der Dorfstrasse in Brunnadern bereits seit längerem abgezeichnet. Schliesslich beschleunigte aber die schwere Erkrankung von Geschäftsinhaberin Annemarie Götzl den Prozess. «Als die Diagnose gestellt wurde und Annemarie vor rund einem halben Jahr für längere Zeit ins Spital musste, hat sich die ganze Familie zusammengesetzt und über die Zukunft der Metzgerei und der dazugehörenden Liegenschaften gesprochen», sagt Claudia Jud-Götzl.

Am Ende seien sie vor zwei Möglichkeiten gestanden: Entweder sie warten zu, bis die Situation keinen anderen Ausweg mehr zulässt, als den Betrieb zu schliessen. Oder sie reagieren jetzt und können in Ruhe, ohne Druck und Zwang, eine praktikable Lösung suchen und mit allem sauber abschliessen. «Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden und werden die Metzgerei Götzl auf Ende März schliessen. Zudem konnten wir einen Käufer für die ganze Liegenschaft finden, so dass wir einen klaren Schlussstrich ziehen können.»

Klare Verhältnisse für die Angestellten schaffen

«Es wäre sicherlich eine Lösung gewesen, dass mein 25-jähriger Sohn, der auch gelernter Metzger ist, den Betrieb und die Mitarbeitenden übernimmt. Tatsache ist aber, dass der Betrieb – die Gebäude, aber auch die Maschinen – in die Jahre gekommen sind und dass grössere Investitionen fällig wären. Denn sobald der Betrieb in neue Hände überginge, würden neue Auflagen erlassen, deren Umsetzung schnell hohe fünfstellige Beträge bedeuten würden. Das wollten wir einem jungen Menschen in seinem Alter nicht zumuten», sagt Claudia Jud-Götzl.

Claudia Jud-Götzl bereut den Entschluss nicht.

Claudia Jud-Götzl bereut den Entschluss nicht.

Bild: Urs M. Hemm

«Es geht letzten Endes ja nicht nur um uns. Wir haben auch zwei junge Mitarbeiter, für die wir Verantwortung haben», begründet Claudia Jud-Götzl die Entscheidung. Auch die hätten es verdient, dass klare Verhältnisse bestehen, dass sie ihre Zukunft planen können. Zudem beschäftigte die Metzgerei eine Lernende, für die die Situation speziell schwierig war. «Zum Glück fanden wir aber einen Betrieb in der näheren Umgebung, der die junge Frau – selbstverständlich in Absprache mit ihr und ihren Eltern – noch Ende des vergangenen Jahres nahtlos übernommen hat, damit sie ihre Ausbildung erfolgreich beenden kann.»

Abstriche an der Qualität kamen nie in Frage

Zwar sei es dem Betrieb in den vergangenen zwei Jahren wirtschaftlich gut ergangen. Ansonsten sei die Situation, vor allem für kleine Betriebe, wirtschaftlich sehr schwierig geworden.

«Viele Restaurants, die wir belieferten, haben mittlerweile geschlossen. Und die Engros-Kunden, die uns noch geblieben sind, versuchen den Preis bei jeder Gelegenheit zu drücken.»

Irgendwann sei aber der Punkt erreicht, an dem niedrigere Preise nur noch auf Kosten der Qualität möglich sind. So unterstehen beispielsweise die Bratwürste der Metzgerei Götzl dem IGP-Label, das die Rezeptur und den Anteil an Kalbfleisch genau vorgibt.

«Auf die Anfrage eines Kunden habe ich dann alles noch einmal genau kalkuliert. Es kam heraus, dass mit dem Preis, den der Kunde bezahlen wollte, noch nicht einmal die Produktionskosten gedeckt gewesen wären», sagt Claudia Jud-Götzl. Darauf hätten sie sich nicht eingelassen und dem Kunden abgesagt. Denn Qualität sei ihrem Vater, Willi Götzl, der im Jahr 2018 verstorben war, immer an oberster Stelle gestanden.

Der Betrieb im Zentrum von Brunnadern wird Ende März eingestellt.

Der Betrieb im Zentrum von Brunnadern wird Ende März eingestellt.

Bild: Urs M. Hemm

«Wir hätten vielleicht noch ein paar Jahre weiterarbeiten können. Dann aber wären wir vermutlich gezwungen gewesen, zu schliessen. Jetzt können wir es aus freien Stücken machen – was für alle Beteiligten die beste Lösung ist.»

Ereignisse, welche die Metzgerei Götzl prägten

  • 1974 Willi Götzl kauft die Liegenschaft an der Dorfstrasse in Brunnadern. Die Eröffnung feiert die Metzgerei Götzl im April.
  • 1985 Das neue Schlachthaus wird gebaut. Es dient als Ersatz für das alte, das direkt neben dem Friedhof bei der Kirche stand.
  • 1990er-Jahre Die 90er gehen als die «fetten Jahre» in die Geschichte der Metzgerei Götzl ein. Dank guter Kontakte kann die Metzgerei unter anderem die Bergbahnen Lenzerheide beliefern.
  • 2013 Aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen beschliesst Willi Götzl die Metzgerei aufzugeben.
  • 2014 In letzter Sekunde wird ein Nachfolger gefunden, der aber nach zwei Jahren den Betrieb wieder verlässt.
  • 2020 Die Metzgerei Götzl schliesst auf Ende März endgültig ihre Türen.