Er war Co-Präsident von Bio Ostschweiz: Toggenburger Bauer muss Bio-Label wegen Herbizid-Einsatz gegen Unkraut abgeben

Das Landwirt-Paar Kurt Müller und Brigitta Schönbächler muss seinen Hof wieder konventionell bewirtschaften. Unkräuter trieben sie nahe an ein Burnout.

Fabio Giger
Merken
Drucken
Teilen
Kurt Müller und Brigitta Schönbächler vermarkten und vertreiben ihre Produkte selbst. Derzeit kommen sie mit der Auslieferung kaum nach.

Kurt Müller und Brigitta Schönbächler vermarkten und vertreiben ihre Produkte selbst. Derzeit kommen sie mit der Auslieferung kaum nach.

Bild: Fabio Giger

Eigentlich ist Bio in. Derzeit hängt auf 7217 Bauernhöfen ein Knospe-Zertifikat von Bio Suisse an der Scheunenwand. Seit 2010 setzen im Schnitt jährlich 160 Betriebe mehr auf Bio – Tendenz steigend. Was gerne verschwiegen wird: Zahlreiche Betriebe geben die Bio-Produktion wieder auf. 2018 waren es deren 124, wie Bio Suisse auf Anfrage schreibt.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Betriebsaufgabe, gesundheitliche Probleme oder das Alter. Auch das Landwirtepaar Kurt Müller und Brigitta Schönbächler aus Krinau musste vor vier Jahren konsterniert feststellen:

«Bio passt nicht mehr auf unseren Betrieb.»

Sie lösten den Knospe-Vertrag mit Bio Suisse auf und kehrten zur konventionellen Landwirtschaft zurück – nach zwei Jahrzehnten Bio-Produktion. Den Entscheid fällten die Landwirte nicht ganz freiwillig.

Unkrautbekämpfung in jeder freien Minute

Müller und Schönbächler leben vom Direktverkauf von Kalb- und Rindfleisch. Sie mästen die Jungtiere ausschliesslich mit Milch der hofeigenen Kühe, die den Sommer über an den steilen Hängen neben dem Hof weiden. Für Maschinen unbefahrbar. Fürs Vieh gerade so begehbar.

Umrandet sind die Weiden von dichten Wäldern. Von da entspringen die stacheligen Eindringlinge, die den Landwirten das Leben schwer machen: Die Sträucher der wilden Brombeere. Sie verunkrauteten weite Teile der elf Hektaren grossen Standweiden. «Jahrelang konnten wir den Befall an den Waldrändern händisch eindämmen», erzählt Müller.

Der Bauernhof Chrinäuli ist umgeben von steilen Hängen, die von wilden Brombeer-Sträucher (vorne) stark verunkrautet sind.

Der Bauernhof Chrinäuli ist umgeben von steilen Hängen, die von wilden Brombeer-Sträucher (vorne) stark verunkrautet sind.

Bild: Fabio Giger

Weil sich die Sträucher aber über Wurzelausläufer weiterverbreiten, wuchsen sie unkontrolliert in die Hänge rein. Vor einigen Jahren verbrachte Müller jede freie Minute mit dem Mähen von Brombeersträuchern. Nicht mit grossen Maschinen, sondern mit der Sense oder einem kleinen Handmäher. Ein in der biologischen Landwirtschaft zugelassenes Herbizid zur Bekämpfung gibt es nicht.

Das Bio-Aus schmerzte Müller

Das Landwirtepaar stand dem Burnout nahe, so gross wurde der Druck des Unkrauts. «Wir sahen uns gezwungen, die Brombeeren und andere Unkräuter mit einem synthetischen Spritzmittel zu vernichten», berichtet Müller.

Mittlerweile haben die Landwirte die Verunkrautung im Griff: Auf den Standweiden findet man nur noch am Waldrand entlang dichte Brombeer-Felder.

Mittlerweile haben die Landwirte die Verunkrautung im Griff: Auf den Standweiden findet man nur noch am Waldrand entlang dichte Brombeer-Felder.

Bild: Fabio Giger

Ein Schritt, der gleichbedeutend war mit dem Bio-Ende auf ihrem Hof: Das eingesetzte Herbizid ist mit den Knospe-Richtlinien nicht vereinbar. Das Aus hat Kurt Müller geschmerzt. Von 1996 bis 2015 war er Delegierter bei Bio Suisse, neun Jahre lang Co-Präsident von Bio Ostschweiz. Müller:

«Für mich war das eine Herzensangelegenheit. Bio finde ich noch immer eine gute Sache, aber es passt einfach nicht auf unseren Betrieb.»

Andere Biobauern, die vor ähnlichen Problemen stehen, stellen Hilfsarbeiter aus Rumänien ein, weiss Müller. Die meist jungen Männer machen den ganzen Tag nichts anderes als Unkraut zu vernichten. Pro Arbeitskraft zahlen die Biobauern im Jahr ungefähr 25'000 Franken.

Im Gegenzug kriegen sie saubere, unkrautfreie Wiesen und können im Bio-Programm verbleiben. Da lockt ein guter Milchpreis: Pro Liter Biomilch gibt’s im Schnitt 21 Rappen mehr als bei konventioneller Milch.

Knospe-Siegel nur zweitrangig

Für Müller und Schönbächler, die ihre Milch nicht in eine Molkerei oder Käserei abliefern, sondern damit Kälber mästen, lohnen sich Hilfsarbeiter nicht. Ob das Knospe-Siegel auf der Verpackung steht oder nicht ist für ihre Kunden nur zweitrangig.

Das Knospe-Label, wie es auf den Produkten, die unter den Richtlinien von Bio Suisse produziert wurden, zu finden ist.

Das Knospe-Label, wie es auf den Produkten, die unter den Richtlinien von Bio Suisse produziert wurden, zu finden ist.

Bild: Bio Suisse

Wichtiger ist der regionale Bezug. Müller: «Weil wir unser Fleisch direkt vermarkten, konnten wir jeden unserer Kunden über die Produktionsumstellung informieren und sind auf viel Verständnis gestossen.»

Die Würste, Steaks, Plätzli und Lebern ihrer Tiere verkaufen die Landwirte vorwiegend an Haushalte im Raum Zürich. «Wir haben uns über 20 Jahre ein Netzwerk von 150 Kunden aufgebaut», erklärt Schönbächler. Normalerweise liefert Müller einmal im Monat das Fleisch aus – bis vor die Haustüre. Den persönlichen Kontakt zu pflegen ist Teil vom Geschäft. Müller:

«Die Kinder warten jeweils, bis ‹der Mann mit dem weissen Bart, der die guten Hamburger bringt› vorbeikommt»

Weniger Fleisch wegen veganer Welle

Doch Anfang Jahr war den Landwirten nicht zum Scherzen zumute: Die Bestellungen blieben aus. Brigitta Schönbächler erinnert sich: «Im Januar hatten wir das Gefühl, die vegane Welle bricht aus und im Februar entbrannte die Diskussion ums Kunst-Fleisch. Beide Monate brachen die Aufträge drastisch ein.»

In einem Brief an ihre Kunden erklärten sie, dass die Viehhaltung im Toggenburg der Landschaftspflege dient. Man müsse kein schlechtes Gewissen haben, hie und da ein Stück Fleisch zu essen. Doch die Bestellungen blieben aus.

In zweieinhalb Monate konnten nur zwei Tiere geschlachtet werden. Die Landwirte kamen ins Grübeln, überlegten die Direktvermarktung aufzugeben und für andere Absatzkanäle zu produzieren.

Kein Zwischenhandel, billigeres Fleisch

Die Tiere werden in der Metzgerei Fischbacher in Lütisburg geschlachtet. Das Fleisch wird von Brigitta Schönbächler im hofeigenen Verpackungsraum portioniert und vakuumiert.

Die Tiere werden in der Metzgerei Fischbacher in Lütisburg geschlachtet. Das Fleisch wird von Brigitta Schönbächler im hofeigenen Verpackungsraum portioniert und vakuumiert.

Bild: Fabio Giger

Das wäre aber gar nicht so einfach. Der Fleischmarkt ist – so wie alle anderen Landwirtschaftszweige – stark industrialisiert. Die Fleischstücke ihrer Tiere müssten strikten Normen zum Alter, zur Fleischigkeit und Fettigkeit entsprechen. Sonst drohen hohe Preisabzüge.

Zudem verdienen sie gut an der Direktvermarktung. Müller spricht von rund einem Drittel mehr, als wenn sie ihre Produkte über den Grossverteiler verkaufen würden. «Weil wir so den Zwischenhandel umgehen, ist das Fleisch auch für den Kunden billiger», erklärt Brigitta Schönbächler.

Dank Corona sind Auftragsbücher voll

Jetzt, während der Corona-Krise, laufen die Bestellungen über die Webseite www.burehof-krinau.ch aber wieder heiss, die Planänderungen wurden begraben. «Kurz nach dem Lockdown konnten wir uns vor Aufträgen kaum mehr retten», sagt Schönbächler.

Derzeit wird in der Metzgerei Fischbacher in Lütisburg das vierte Kalb im April zerlegt – zu Normalzeiten lässt das Landwirtepaar nur zwei Tiere pro Monat schlachten. Am Freitag geht Müller bereits das dritte Mal innert 30 Tagen auf Tour. «Wenn das so weiter geht, habe ich bald keine Tiere mehr im Stall», sagt er mit einem Augenzwinkern. Ob diese Welle wohl nachhaltig ist?