Mit der Postkutsche über den Gotthardpass

Am Sonntag fährt Sandro Scherrer mit seiner Postkutsche zum 20. Mal von Dietfurt über den Gotthardpass nach Airolo. Zugleich ist dies der 10. Jahrestag dieses besonderen Ereignisses.

Anna Gasser
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Alt trifft auf neu. Postauto und Postkutsche unterwegs vom Urnerboden auf den Klausen-Pass. (Bild: PD)

Alt trifft auf neu. Postauto und Postkutsche unterwegs vom Urnerboden auf den Klausen-Pass. (Bild: PD)

Es sei eine klassische Schnapsidee gewesen, so Sandro Scherrer. Beeindruckt vom Gotthard-Post-Bild von Rudolf Koller, und als Erfüllung eines Traums, schafften sich Scherrers im Jahr 2007 eine originalgetreu nachgebaute Postkutsche an. 60 Franken musste Scherrer für die PTT-Pläne der Kutsche bezahlen.

Ursprünglich wollte Sandro Scherrer nur Postkutschenfahrten in der Region durchführen. Am Fest anlässlich der Lieferung sagte der 42-Jährige dann, mit 50 fahre er über den Gotthard. Die Idee nahm Gestalt an und Gattin Idas Lebensmotto «Das Leben ist zu kurz für irgendwann» gab den Ausschlag für die Planung der Reise. Tatsächlich fuhr die Postkutsche bereits 2008 das erste Mal über den Gotthard-Pass.

Zwischen Hospental und Hospiz gibt es ein Lied

Nach intensiver Planung fand im Jahr 2009 die erste offizielle Fahrt mit zahlenden Gästen statt. Ida Scherrer fährt anlässlich des Doppeljubiläums das erste Mal mit. Bis anhin war sie während der Postkutschenreise für die Führung des Landwirtschaftsbetriebes in Dietfurt zuständig.

Ausser den Scheibenbremsen ist alles stilecht: Die Kutsche, die Kleidung von Postillion und Kutscher – bestehend aus einer alten Postuniform –, das nachgebaute Pferdegeschirr. Auch ein originales Posthorn wird geblasen und sogar das Lied «Der letzte Postillion» von Friedrich Schneeberger wird von Scherrer auf der Fahrt zwischen Hospental und Gotthard Hospiz zum Besten gegeben.

Die Vorbereitungen für die Passüberquerung beginnen jeweils schon im Januar, wenn die Übernachtungen reserviert, die Warteliste mit den Anmeldungen koordiniert sowie die Helfer organisiert werden müssen. Die letzten zwei Jahre wurde die Reise je dreimal durchgeführt, um die lange Warteliste abzubauen.

Vor Anfang Juli beginnen Scherrers und die Crew dann, das Gepäck zu richten, Futterwaren zu laden, Ersatzhufeisen und diverses Material zu sichten. In den letzten Tagen vor der Reise geht es vor allem darum, «den Adrenalinspiegel tief zu halten». Die Vorfreude sei bei allen Beteiligten regelmässig gross, so Scherrer.

Auch für Fondue- und Grillfahrten werden die Pferde eingespannt, deshalb sind sie gut trainiert und an den Strassenverkehr gewöhnt. Zudem werden mit der Postkutsche auch Tages- und Zweitagesreisen ins Appenzellerland durchgeführt, was zu einer optimalen Vorbereitung der Pferde beiträgt.

Viermal wird auf der Reise übernachtet

Die Helfer sind mit der Pferdebetreuung gefordert: Am Ziel werden die Tiere jeweils ausgespannt, geputzt, gefüttert und getränkt, die Pferdegeschirre und die Kutsche werden poliert sowie die mobilen Stallungen mit Pferdeanhänger vor Ort aufgestellt. Die fünf Pferde kennen die Übernachtungsart und sind deshalb auch an fremden Orten ruhig. Sogar eine Nachtwache wird organisiert, denn die Pferde werden auch nachts gefüttert.

Die vier geübten Helfer sind ein eingespieltes Team: Der «Kondukteur» – einer der Scherrer-Söhne – und der «Postillion» Sandro Scherrer sitzen auf dem Kutscherbock, ein Beifahrer mit Traktor und Anhänger und ein Auto fahren mit. Mit letzterem reisen die Gäste von Airolo nach Dietfurt zurück.

Die Postkutsche bietet Platz für acht Passagiere. Der älteste mitgereiste Gast war 86 Jahre alt. Die Reise beginnt am Sonntagmorgen mit einem Aperitif in Dietfurt und führt quer durch die Kantone St. Gallen, Glarus, Uri und Tessin. Übernachtet wird in Netstal, Urnerboden, Altdorf und Andermatt.

Die Fahrt in Zahlen

- Leistung der Kutsche: 5 PS
- Helfer: 4
- Passagiere: 8
- Distanz pro Tag: 40 km
- Distanz total: 190 km
- Steigung: 3400 Höhenmeter
- Gefälle: 2900 Höhenmeter
- Geschwindigkeit Schritt: 6 km/h
- Geschwindigkeit Trab: 12 km/h

Die Route führt von Dietfurt über den Ricken nach Benken, Netstal, Glarus, Urnerboden, Klausen, anschliessend über den Gotthard bis Airolo. Die Postkutsche durchfährt Lichtensteig morgen Sonntag um 9.10 Uhr, Wattwil um 9.30 Uhr. (aga)

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