Ennetbühl: Die Zeit des Stillstands ist vorbei

Es ist schon ein Jahr her, seit die neue Besitzerin des ehemaligen Gasthauses Sternen in Ennetbühl zum Tag der offenen Tür eingeladen hat. Nachdem das Haus über Jahre leergestanden hat, kehren hier wieder Gäste ein.

Olivia Hug
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Das «Sterne-Huus» im Ennetbühler Dorfkern. (Bild: Olivia Hug)

Das «Sterne-Huus» im Ennetbühler Dorfkern. (Bild: Olivia Hug)

Wie oft müssen die rostige Parkplatztafel und die verblasste Inschrift am ehemaligen Gasthof Sternen Durchreisende und Touristen in die Irre geführt haben. Anstatt eines heissen Kaffees oder eines erfrischenden Coupes erwartete die Gäste eine verschlossene Wirtshaustür.

Heute, nachdem das Gasthaus im Dorfzentrum rund sechs Jahre ungenutzt dagestanden hat, verweisen Wirtshausschild und die Inschrift an der weissen Hausfassade noch immer auf die einstige Nutzung, dafür blühen Blumen vor dem Hauseingang und im Garten stehen wieder geöffnete Sonnenschirme. Vor eineinhalb Jahren hat Gabriella Clerc das Haus gekauft, dessen Zukunft lange ungewiss war. Das Haus mitsamt seiner Geschichte, im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn. Nicht nur hängen viele Erinnerungen speziell der Einheimischen an dem Haus, auch ist ein grosser Teil des Inventars der Vorbesitzer irgendwo in den etlichen Räumen des Restaurants mit Hoteltrakt untergebracht.

Das Haus hat gewartet

Gerne führt Gabriella Clerc Gäste durch ihr neues Zuhause. Sie entschuldigt sich: «Ich bin ein bisschen chaotisch.» Was sie an Möbeln mitgebracht hat, trifft auf Bisheriges. Das Restaurant schaut noch aus wie früher, die Eckbänke und das grosse Buffet sind vertraut. Wo früher oft die Türe zum Saal geschlossen war, befindet sich jetzt ein grosser Aufenthaltsraum für Gäste ihres Bed and Breakfast.

Die Zürcherin, die in Schwamendingen aufgewachsen war und später in Wangen bei Dübendorf lebte, hegte schon lange den Wunsch, eine Gesundheitspraxis mit integriertem Gästehaus zu eröffnen. Lange Zeit hatte sie auf der Schwägalp ein Ferienhaus, das sie immer wieder in die Gegend brachte. Dass sie sich einmal fest hier niederlasse, war ihr klar. Zuerst aber war es eine Mietwohnung in Nesslau. «Wieder nach Zürich zu gehen, war keine Option», sagt sie. Als ihr Ferienhaus dann auf derselben Homepage zum Verkauf stand wie der «Sternen», war es um sie geschehen: «Als ob er auf mich gewartet hätte.»

Nur kleinere Arbeiten

Für ihre Ideen ist der «Sternen» perfekt. Hier kann sie in den vorhandenen Hotelzimmern Gäste beherbergen, während sie mit ihrer Familie in den Räumen über dem Restaurant wohnt. Im Erdgeschoss des Hoteltrakts ist genügend Platz für ihre Naturheilpraxis. In der ehemaligen Sauna mit Kneippbecken kann sie dereinst einen Wellnessraum gestalten. Nur Zeit dafür findet die vollbeschäftigte Naturheilpraktikerin neben Arbeit, Gästebetreuung, Muttersein und ihrem Pensum als Dozentin für Anatomie, Phytotherapie und Fussreflexmassage an der Naturheilschule in Rapperswil nicht gerade viel. Macht nichts, «das Haus wächst mit mir», es dürfe alles seine Zeit dauern.

Die Gäste müssen sich darauf einlassen, Teil der Entwicklung zu sein. Immerhin, das Dringendste hat Gabriella Clerc sofort in Angriff genommen. Das Dach war sanierungsbedürftig, es tröpfelte bei starkem Regen im obersten Stockwerk herein. Im Zuge des Dachbaus hat sie Solarpanels installieren lassen. Der Rest kann warten. «Es ist trocken und die Heizung funktioniert», sagt sie lachend. Hätte man den «Sternen» wieder als Restaurant eröffnen wollen, hätte man viel investieren müssen, denn alleine die Küche braucht eine Generalüberholung. So kann Gabriella Clerc jedoch das Frühstück für die Bed-and-Breakfast-Gäste zubereiten, während sie ihnen für den Znacht die benachbarte «Krone» empfiehlt.

Der schon seit jeher beliebteste Platz im Haus, das unter der neuen Besitzerin «Sterne-Huus» heisst, ist der Sitzplatz. Von hier geniesst man eine wunderschöne Aussicht auf Stockberg, Säntis, Churfirsten, Speer und Wolzen. Eine Aussicht, die sich auch den Gästen in den drei Doppelzimmern und im Einzelzimmer auftut. Der Aussenraum macht deutlich, dass Familien und Kinder im «Sterne-Huus» willkommen sind: hier das Trampolin, dort der Pingpongtisch, da eine grosse Spielwiese. Gabriella Clerc, ihr 17-jähriger Sohn und ihre 13-jährige Tochter teilen ihr Daheim mit den Gästen. «Bevor wir den Schritt hierher wagten, musste ich sicher sein, dass meine Kinder den Entscheid und den Betrieb mittragen», erzählt die Mutter, die einst Theologie studiert hatte.

Denen gefällt es gar sehr gut im abgelegenen Ennetbühl. Und auch für die Praxis sei der Standort kein Nachteil. Die Patienten würden gerne den Weg auf sich nehmen, um Ruhe im familiären Rahmen zu finden. «Hier kann ich eine Oase der Erholung schaffen», weiss die Naturheilpraktikerin. Sie war selber schwer an Borreliose erkrankt und hatte schlechte Perspektiven. Viel Zeit, Ruhe und die Heilkraft der Natur hatten sie Schritt für Schritt genesen lassen. Von der Krankheit spüren Gabriella Clercs Gäste heute nichts mehr, dafür umso mehr von ihrer Begeisterung für die Naturheilkunde und das «Sterne-Huus». Vieles wird sich in den kommenden Jahren tun. Die Zeit des Stillstands ist vorbei.