Eltern und ihre Rolle als Vorbilder – Sich ständig im Spiegel betrachten

Der Erwachsenenbildner Urs Eisenbart referierte in Wattwil unter dem Motto «Man kann nicht Vorbild sein».

Sascha Erni
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Alles andere als trocken: Urs Eisenbarts Vortrag setzte auch auf den Einsatz von Spielsachen. (Bild: Sascha Erni)

Alles andere als trocken: Urs Eisenbarts Vortrag setzte auch auf den Einsatz von Spielsachen. (Bild: Sascha Erni)

«Ich hüte mich davor, Rezepte zu geben», betonte der St.Galler Erwachsenenbildner Urs Eisenbart zu Beginn am Donnerstagabend. Das hier vorne sei die schöne, reine Theorie. Aber die Praxis bestimme den Umgang damit, ergänzte der Coach und Supervisor.

Gut vierzig Interessenten trafen sich in der Aula das Berufs- und Weiterbildungszentrums Toggenburg (BWZT) in Wattwil zum jährlichen Referat der Elternbildung Toggenburg. «Das wird sicher kein reiner Folienvortrag», schmunzelte Beatrice Straub, Leiterin des Regionalen Didaktischen Zentrums RDZ, in ihrer Eröffnungsansprache. Sie sollte recht behalten. Urs Eisenbart hatte zwar einen Foliensatz ausgelegt, er passte sich aber flexibel an Publikumsfragen an.

Auch Kinder kooperieren gerne

In seinem Vortrag erläuterte Urs Eisenbart den Unterschied zwischen Führung und Erziehung über Beziehung und über Gehorsam. Das traditionelle Erziehungsmodell, das mit Belohnung und Bestrafung funktioniere, schaffe Distanz. Führe man jedoch über Beziehung, baue man Vertrauen und Klarheit auf.

Das bedinge aber, dass man sich auch seiner Vorbildrolle bewusst ist – und seine eigenen Werte und Grenzen gut kenne. Denn man befinde sich oft im Spannungsfeld zwischen der persönlichen Integrität und der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit, zwischen der Eigenverantwortung und der sozialen Verantwortung also. «Das ist ein lebenslanges Pendeln, wie auf einer Wippe», erklärte er.

Studien belegen ihm zufolge, dass Menschen tendenziell eher zur Kooperation neigen, statt Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. «Das gilt auch für Kinder», ergänzte er. Wir alle sollten aber lernen, unsere Integrität zu schützen. Besonders im Umgang mit Kindern sei dies wichtig. Denn sie würden nicht das machen, was wir sagen, sondern das kopieren, was wir auch tatsächlich tun.

Entsprechend sei es entscheidend, sich ständig wie in einem Spiegel zu betrachten und die eigenen Grenzen und Vorbildrolle ehrlich vor Augen zu halten. «Wenn mein Kind auf einen Baum klettert, habe ich dann Angst, dass es sich verletzen könnte, oder fürchte ich mich vor meiner Verantwortung?», fragte er in die Runde.

Persönliche Veranstaltung mit Ostschweizer Touch

Urs Eisenbarts lebhafter Vortrag lehnte sich zwar an der Lehre des kürzlich verstorbenen dänischen Pädagogen Jesper Juul an, er verzichtete aber auf ein trockenes, rein technisches Referat. Eisenbart strukturierte den Abend um zwei Flipboards und illustrierte die Konzepte mit verschiedenen Spielsachen.

Auch war das Publikum angehalten, bei Fragen ungeniert zu unterbrechen, zusätzlich lockerten informelle Diskussionsrunden die gut eineinhalbstündige Veranstaltung auf. Als Eisenbart seinen Vortrag pünktlich um 21 Uhr schloss, gingen die angeregten Gespräche unter den Zuschauern noch lange weiter.

In den Vorjahren hatte die Elternbildung Vortragende etwa aus Zürich und Deutschland eingeladen, Urs Eisenbart hingegen brachte letzten Donnerstag eine gewisse regional-familiäre Note ins BWZT. Die Veranstaltung fühlte sich entsprechend persönlicher an als in den Jahren zuvor, die Gespräche im Publikum entwickelten sich intensiver und gleichzeitig ungezwungener.