Eine Raupe und ein Leuchtkäfer tanzen im Lichtensteiger Gofechössi den Tanz des gemeinsamen Lebens

Lowtech Magic nahm das Publikum am Samstag im Gofechössi mit auf eine Reise in den Mikrokosmos. Eine Reise mit Stationen beim Streiten, Versöhnen und Verstehen, bei Mut, Neugier, Freundschaft und dem Staunen über kleine Wunder.

Cecilia Hess-Lombriser
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Lowtech Magic, von Cornelia Hanselmann (im Bild) gegründet, regt die Fantasie an. So auch am Samstag im Gofechössi.

Lowtech Magic, von Cornelia Hanselmann (im Bild) gegründet, regt die Fantasie an. So auch am Samstag im Gofechössi.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser (Lichtensteig, 21. November 2020)

«Kein Theater ohne Kinder. Kinder haben genauso wie Erwachsene das Recht auf Kunst, das Recht auf Theater, und zwar auf Theater mit Qualität. Gerade in der heutigen multimedialen Zeit ist das Theater als Liveerlebnis umso wichtiger. Theater ist auch eine Schule der Wahrnehmung, es schärft den Blick, verfeinert das Gehör und spitzt die Aufmerksamkeit der Sinne.»

Das schreibt Georg Biedermann, Künstlerische Leitung Kinder- und Jugendtheater TAK, Theater Liechtenstein, auf der Website des Gofechössi in Lichtensteig. Damit trifft er genau das, was die Kinder am Samstagabend im locker gestuhlten Chössi-Theater erleben durften. Lowtech Magic entführte mit wenigen Requisiten und viel Sinnlichem in eine magische kleine Welt.

Der eine träumt, die andere frisst

«Mampf» heisst das knapp einstündige Spiel von Cornelia Hanselmann und Louise Schaap unter der Regie von Ruth Huber. Mampf hat etwas mit Essen zu tun. Das versteht jedes Kind. Mampf ist mit einer Tätigkeit verbunden, mit einem Geräusch. Kein Problem, solange der Mampfende alleine ist und niemanden stört oder gar jemandem etwas wegisst.

Im Stück für Familien mit Kindern ab vier Jahren ist es genau genommen ein Wegfressen. Es gibt eine übermütige, lebensfrohe und gefrässige Raupe und einen zurückgezogenen Leuchtkäfer, der seine Ruhe haben will und gerne träumt. Vom Fliegen bis zum Mond etwa. Dummerweise haben die beiden das gleiche Blatt ausgesucht. Der Leuchtkäfer ist hier zu Hause, doch die Raupe frisst diesem Zuhause gierig und unersättlich Loch um Loch heraus. Immer Grössere. Das birgt Konfliktpotenzial. Das Blatt ist ein riesengrosser Papierbogen und mit diesem stellen die beiden tanzenden Spielerinnen allerlei an.

Eindrückliches, vielseitiges Einfrauorchester

Papier knistert und raschelt, wenn es bewegt und bearbeitet wird. Das ist im Stück eines der Geräusche. Alle anderen Geräusche, ob es sich um das Mampfen, Händereiben, Jammern, Stöhnen, Rülpsen oder um den Ausdruck von Emotionen handelt, produziert Fatima Dunn als Musikerin. Einerseits spielend und brummend auf ihrem Cello, andererseits singt sie von der Nacht im Wald, das voller Leben ist, aber auch von Träumen, von Mut und von Freundschaft.

Dunn leistet die grosse Arbeit, muss konzentriert sein, die elektronische Anlage mit dem Fuss betätigen, in einen Apfel beissen, um die mampfenden Geräusche ins Mikrofon zu schicken, dem sie ein Rülpsen hinterherschiebt. Sie verstärkt den Charakter der beiden Insekten mit ihrer Stimme. Die beiden Krabbeltiere bewegen sich geräuschlos und stumm. Sie tanzen, klettern herum, verstecken sich, fressen, schlafen, sind eigenwillig unterwegs, reagieren wütend, nähern sich einander an, finden sich und heben miteinander ab.

Louise Schaap, Cornelia Hanselmann und Fatima Dunn (von links) verzauberten mit «Mampf» im Gofechössi.

Louise Schaap, Cornelia Hanselmann und Fatima Dunn (von links) verzauberten mit «Mampf» im Gofechössi.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser (Lichtensteig, 21. November 2020)

Das Publikum ging im Chössi mit. Ein Publikum aus Erwachsenen und Kindern. Ein aufmerksames Publikum. Kinder staunten, Kinder lachten, Kinder tauchten in diese Fantasiewelt ein, die ihnen noch nahe steht; die sie sich durch solche Aufführungen bewahren und inspirieren lassen können. «Theater ist auch eine Schule der Wahrnehmung, es schärft den Blick, verfeinert das Gehör und spitzt die Aufmerksamkeit der Sinne.» Wie wahr.

Erlebnisreiche Einführung für Kinder

Vorgängig hatten einige Kinder die Einladung angenommen, sich im Probelokal des Chössi-Theaters, im Gebäude des Bahnhofs Lichtensteig, in das Stück und das Thema der Vorstellung einführen zu lassen. «Gofeschtond» nennt sich diese Zeit.

Vorgängig zu den Vorstellungen des Gofechössis werden die Kinder in der «Gofestond» sinnlich darauf vorbereitet.

Vorgängig zu den Vorstellungen des Gofechössis werden die Kinder in der «Gofestond» sinnlich darauf vorbereitet.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser (Lichtensteig, 21. November 2020)

Susanne Roth, die Künstlerische Leiterin des Gofechössi, leitet diese Einführung jeweils. Als Tanz- und Theaterpädagogin nimmt sie die Kinder in ein eigenes Erleben mit. Tanz und Musik gehören dazu. Eine weitere wertvolle Erfahrung für die Kinder. So vorbereitet, sind sie gespannt auf die Vorstellung, sind danach aufmerksam und konzentriert.

Der Wandel zum Schmetterling

Zu «Mampf» gehören die Themen Streiten, Versöhnung, Verstehen, Mut, Neugier, Freundschaft und das Staunen über kleine Wunder. Aufeinander zugehen, sich kennen lernen, Gemeinsamkeiten finden, einander beistehen und gemeinsam Stürme überstehen sind Themen des Lebens. Um diese wissen bereits die Kinder. Und manchmal ist alles halb so schlimm, wie es zunächst scheint. Davon erzählt das Stück «Mampf».

Und schliesslich wird aus der gefrässigen Raupe ein Schmetterling und der Leuchtkäfer sieht seine Aufgabe darin, dem neuen Geschöpf bei der Entwicklung zu helfen. Gemeinsam wagen sie den Abflug, den Tanz des gemeinsamen Lebens.