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Eine kreative Kombination

Nähen, lismen und Wörtli beibringen – Esther Legensteins Zeit als Lehrerin war eine bunte Mischung aus allem. Nach 22 Jahren wird sie diese Aufgaben nicht mehr ihren Schülern beibringen, denn diesen Sommer geht die Lehrerin in die Pension.
Emilie Jörgensen
Diesen Sommer verlässt Esther Legenstein ihr buntes Klassenzimmer in der grünen Umgebung. (Bild: Emilie Jörgensen)

Diesen Sommer verlässt Esther Legenstein ihr buntes Klassenzimmer in der grünen Umgebung. (Bild: Emilie Jörgensen)

«Ich wusste schon in der dritten Klasse, dass ich Handarbeitslehrerin werden will», sagt Esther Legenstein. «Und bis heute sage ich immer wieder, dass es ein Geschenk ist, dass ich mit 65 Jahren noch unterrichten darf», ergänzt sie. Die Inspiration zum Beruf kam von ihrer Mutter, die zu Hause immer die Kleider nähte. Damals sei es für Frauen eine gute Wahl gewesen, Handarbeit zu lernen, denn auch als Hausfrau konnte man von der Ausbildung profitieren. Den Beruf liebte Esther Legenstein vom ersten Tag an. Im Primarschulhaus oberes Neckertal unterrichtet die 65-Jährige nun schon seit 22 Jahren Handarbeit. Vor rund elf Jahren bildete sie sich zusätzlich zur Englischlehrerin aus.

Kein Sitzsack ohne grünen Reisverschluss

Die Handarbeitsstunden seien sehr streng, denn der Kopf müsse klar bleiben, um bei jedem Schüler auf die Bedürfnisse einzugehen. Esther Legenstein muss viel mitdenken, denn wenn ein Schüler für seinen Sitzsack einen grünen Reisverschluss, oder für die Latzhose einen roten Faden braucht, muss das Material in der Stunde vorhanden sein. «Es wäre sonst schade, wenn die Kinder mit ihrem Projekt blockiert wären», erklärt sie. Die Schülerinnen und Schüler der sechsten Klasse dürfen in der Handarbeit sogar selber entscheiden, welcher Arbeit sie sich widmen wollen.

Dies sei sehr wichtig. «Schliesslich müssen sie sich ja lange damit beschäftigen können», sagt Esther Legenstein und lacht. Für das vielfältige Unterrichtsmaterial fährt die Lehrerin auch mal nach Winterthur, Engelburg oder Ziegelbrücke. Hier merke sie besonders gut, dass sie in einer Stadt aufgewachsen ist. «Ich liebe das ruhige Leben auf dem Land. Die vielfältige Auswahl in der Stadt bleibt jedoch trotzdem am Besten», erklärt sie. Aufgewachsen ist Esther Legenstein in Winterthur. Die Ausbildung zur Handarbeitslehrerin hat sie nach der Oberstufe in Zürich gemacht. Nach dem Seminar unterrichtete sie zuerst während fünf Jahren in Kloten.

Später ging sie nach Thalwil, um dort während sieben Jahren in einem Kinderheim als Erzieherin zu arbeiten. Zwischendurch bildete sich Esther Legenstein zur Spielgruppenleiterin aus. Als sie ihr erstes Kind erwartete, merkte sie, dass sie aufs Land ziehen wollte. «Mir war es wichtig, dass meine Kinder nicht in diesen materiell überhäuften Quartieren in den Städten aufwachsen», erklärt sie. Per Zufall fand sie ihr neues Zuhause in Oberhelfenschwil, wo sie auch die Spielgruppe gründete. Als sie merkte, dass es in der Region einen Mangel an Handarbeitslehrerinnen gab, versuchte sie ihr Glück.

«Ich hatte nach 20 Jahren etwas Bedenken vor dem Einstieg. Ich war nicht sicher, ob es nach so langer Zeit gleich wieder funktionieren würde», erklärt sie. Die Schülerinnen und Schüler kommen aber gerne zu ihr in den Unterricht. Trotz buntem und kreativem Unterricht denkt Esther Legenstein am liebsten an die vielen Klassenlager und Theaterauftritte zurück. Es sei schön, mit den Kindern länger an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten und gemeinsame Ausflüge zu unternehmen.

Einen Neuanfang für die Kinder

Irgendwann hiess es dann, dass jedes Schulhaus eine Lehrperson braucht, die auch Englisch unterrichtet. Esther Legenstein machte eine Ausbildung zur Englischlehrerin und unterrichtet die Fremdsprache nun schon seit elf Jahren. «Als ich nur Handarbeit unterrichtete, war es immer mein Traum, auch einmal meine Schüler aufzufordern, ein Buch auf einer gewissen Seite aufzuschlagen», sagt Esther Legenstein.

Welches Fach sie am liebsten unterrichtet, kann sie nicht sagen. Für sie sei es jedoch eine wahnsinnig spannende Kombination. «Die Kinder, die in der Handarbeit zwei linke Hände haben, melden sich im Englischunterricht plötzlich», meint sie. Auch Kinder, die im Deutsch eher schwach sind, gehen gerne in den Englischunterricht, denn hier können sie nochmals von vorne beginnen. Durch ihre vielen Reisen, unter anderem in England, konnte sich die Lehrerin eine grosse Sammlung an Englischbüchern ergattern. Zu viele Wörtli auf einmal lernen zu müssen, bringe aber nichts. So auch Esther Legensteins Meinung.

Die Lernenden sollen lieber die Wörter, die sie bereits kennen, richtig gut lernen, bevor sie vergessen gehen. Soweit es geht, folgt die Lehrerin dem «learning by doing» Prinzip. Für das Pausenkiosk-Ämtli werden die Aufgaben auch immer auf Englisch vorgegeben. «Wenn man aber den Kindern gleich die Karotte mit dem Gemüseschäler hinstellt, verstehen sie es schnell», erklärt sie. Ihr Ziel sei immer gewesen, dass kein Kind frustriert nach Hause geht. Ihre Leidenschaft zum Lehren wird sie jedoch auch in Zukunft nicht in den Hintergrund stellen. Zuerst wird sie nach Indien gehen, um dort eine Nähschule für Slumfrauen zu besuchen. Den Rest wird sie, wie man so schön sagt, auf sich zukommen lassen.

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