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Eine Ganterschwilerin schafft mit 56 den zweiten Lehrabschluss

Doris Bettineschi aus Ganterschwil hat als Pharmaassistentin eine sogenannte Lehre für Erwachsene absolviert und so ihre Stelle gesichert.
Cecilia Hess-Lombriser
Doris Bettineschi hat mit 56 die Ausbildung zur Pharma-Assistentin abgeschlossen. (Bild: Michel Canonica)

Doris Bettineschi hat mit 56 die Ausbildung zur Pharma-Assistentin abgeschlossen. (Bild: Michel Canonica)

Ihr Herz klopft heftig, als die beiden Prüfungsexpertinnen in der Amavita-Apotheke in Uznach auftauchen. Doris Bettineschi steht kurz vor der praktischen Prüfung als Pharmaassistentin. Sobald die Begrüssung vorbei ist, entspannt sie sich wieder. In den kommenden zwei Stunden hat die 56-Jährige Verkaufsgespräche zu führen, eine Mischung im Labor herzustellen und administrative Arbeiten zu erledigen.

Sie bearbeitet ein Rezept mit mehreren verschriebenen Medikamenten, findet im Verkaufsgespräch eine Lösung für das Hühnerauge und gibt Tipps, wie es in Zukunft vermieden werden kann. Um Altersflecken geht es in einer weiteren Beratung. Schliesslich passt sie Kompressionsstrümpfe an und berät, wie sie anzuziehen und zu pflegen sind.

Als Laborarbeit stellt sie eine Kochsalzlösung her, beantwortet Fragen der prüfenden Apothekerin und verarbeitet eine Betäubungsmittel-Retoure gemäss Vorschrift. Die zweite Apothekerin begleitet das Prüfungsgespann auf Schritt und Tritt und notiert, was sie hört und beobachtet. Das war im Mai dieses Jahres. Die schriftliche Prüfung dauerte drei Stunden. Dazu kamen ein Vortrag und zwei längere Texte.

Entscheidung nach Fragen und Zweifeln

Unterdessen hat Doris Bettineschi ihr Diplom als Pharmaassistentin im Sack. «Ich bin stolz auf mich und realisiere erst nach und nach, was ich aus eigenen Kräften geschafft habe», erzählt sie an einem ihrer freien Tage bei sich zu Hause in Ganterschwil. Das Schicksal hat sie zu einer beherzten Entscheidung gedrängt.

«Einfach war dies jedoch nicht, da gab es viele Fragen und Zweifel», gesteht sie. Als junge Frau hatte Doris Bettineschi die Ausbildung als Detailhandelsfachfrau Parfümerie in St.Gallen absolviert. Danach wechselte sie nach Uznach in ein Pharma-Unternehmen, das zusätzlich je eine Apotheke und eine Drogerie betrieb. In der Apotheke war sie für den Bereich Parfümerie und Kosmetik zuständig, bekam am Rande jedoch auch einiges von der Apotheke mit.

Ihre Arbeitskollegen unterstützten die 56-Jährige bei ihrer Ausbildung. (Bild: Michel Canonica)

Ihre Arbeitskollegen unterstützten die 56-Jährige bei ihrer Ausbildung. (Bild: Michel Canonica)

Als die Apotheke 2016 verkauft und die Parfümerie verkleinert werden sollte, wurde Doris Bettineschi angeboten, die Ausbildung als Pharmaassistentin nachzuholen, um die Anstellung in der Apotheke behalten zu können. «Diese Situation forderte mich heraus. Ich war es nicht gewohnt, eine Stelle zu suchen und dann sollte ich plötzlich auch wieder zur Schule gehen», erinnert sich die spontane, aufgestellte Frau mit italienischen Wurzeln an ihre persönliche Auseinandersetzung. «Weil ich Vorkenntnisse und eine lange Erfahrung im Verkauf hatte, stieg ich schulisch in das zweite Lehrjahr ein. Ich brauchte nur die Hauptfächer zu besuchen und arbeitete sonst wie gewohnt weiter in Teilzeit», erzählt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Unterstützung des Geschäfts

Sie absolviert die Lehre für Erwachsene gemäss Artikel 32 der Verordnung über die Berufsbildung. «Nach dem ersten Jahr, das für mich effektiv das zweite Lehrjahr war, fiel ich in eine Krise. Ich sah einen Riesenberg vor mir, zweifelte daran, den ganzen Stoff je in meinen Kopf bringen zu können, wachte nachts mit Herzklopfen auf und wusste nicht weiter», gesteht sie offen.

Ihr Mann, auch Italiener, und ihre Kinder seien ihr in dieser Phase eine wertvolle Stütze gewesen. «Sie haben mich von Arbeiten entlastet und mich ermutigt.» Im Geschäft sei sie ebenfalls unterstützt worden und schliesslich habe sie sich selber eine Strategie zurechtgelegt und herausgefunden, unter welchen Umständen sie am besten lernen konnte. Sie habe einen Lernplan gemacht, sich Zwischenziele gesteckt und konsequent gelernt.

Kräutermischen gehört zum Beruf. (Bild: Michel Canonica)

Kräutermischen gehört zum Beruf. (Bild: Michel Canonica)

«Ich musste mehr büffeln, als meine jungen Berufsschulkolleginnen und auch die Prüfungszeit war für mich immer etwas knapp, aber schliesslich habe ich es geschafft. Mir wurde gesagt, dass die Lehre als Pharmaassistentinnen eine der anspruchsvollsten ist.»

Ein Gewinn für beide Seiten

Eine weitere Lösung gab ihr zusätzlich Sicherheit. Sie entschied sich, die Berufsschule an zwei Tagen zu besuchen. An einem Tag die Lektionen des ersten Lehrjahres und an einem anderen Tag jene des dritten Jahres. «Obwohl die Schulzeit bezahlt gewesen wäre, wollte ich dies nicht, um keinen zusätzlichen Druck zu bekommen», erzählt sie. «Ich wollte es für mich tun, selber bestimmen», begründet sie.

Ein Zeichen, dass sie das gesetzte Ziel unbedingt erreichen wollte. Heute ist die frisch diplomierte Pharmaassistentin froh, dass sie die Chance vom Arbeitgeber bekommen hat, denn sie verkaufe gerne, arbeite gerne, habe eine gute Kundenbindung und sei in einem guten Team inte­griert, in dem sie viel Wertschätzung erfahre. «Weder in der Schule noch in der Apotheke hatte oder habe ich Schwierigkeiten mit den jungen Kolleginnen. Ich werde respektiert, um Rat gefragt und wir können auch miteinander lachen.»

Sie habe von verschiedenen Menschen zu spüren bekommen, dass sie ihr zutrauen, dass sie die späte Ausbildung schaffe. Lustig sei gewesen, wenn sie in der Berufsschule von anderen Schülerinnen und Schülern mit «Grüezi» begrüsst worden sei, in der Annahme, sie sei eine Lehrerin, amüsiert sie sich. Die Lehre hat ihr Auftrieb gegeben. Dachte sie vorher noch über eine Frühpensionierung nach, ist sie inzwischen unsicher geworden. Sie geht ganz in ihrem Beruf auf und ist damit auch ein Gewinn für ihren Arbeitgeber.

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