Ein Film gegen die Ohnmacht

Das Kino Passerelle in Wattwil zeigt morgen Donnerstagabend den Dokumentarfilm «Dem Himmel zu nah» in Anwesenheit der Regisseurin Annina Furrer. Im Film geht es um Suizid. Direkt, schonungslos, ergreifend.

Sascha Erni
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Der Film «Dem Himmel zu nah» erzählt die Geschichte Annina Furrers. Mit der Kamera begibt sich die Autorin auf Spurensuche durch ihre Familiengeschichte. Bild: PD/Pegasusfilm)

Der Film «Dem Himmel zu nah» erzählt die Geschichte Annina Furrers. Mit der Kamera begibt sich die Autorin auf Spurensuche durch ihre Familiengeschichte. Bild: PD/Pegasusfilm)

Als das «Toggenburger Tagblatt» mit Regisseurin Annina Furrer spricht, sitzt sie am Greifensee im Kanton Zürich. Es gehe ihr heute gut, sagt sie. Aber rückblickend auf die Geschichten ihrer Geschwister werde sie die Trauer ein Leben lang begleiten. 2009 nahm sich ihr Adoptivbruder Marius das Leben. Jahre zuvor hatte sich schon ihre jüngere Schwester getötet. Mit «Dem Himmel zu nah» wollte die Berner Filmemacherin dem Unfassbaren irgendwie Sinn geben, wie sie sagt.

Morgen Abend wird «Dem Himmel zu nah» im Wattwiler Kino Passerelle gezeigt. Annina Furrer wird dabei sein, um anschliessend zusammen mit Pfarrerin Barbara Stehle von der Fachstelle «Trauer nach Suizid» das Gespräch mit dem Publikum zu suchen. Der Anlass sei ihr ein wichtiges Anliegen, auch im Hinblick auf den kommenden Welt-Suizidpräventionstag von Montag, 10. September, so Furrer. «Es geht weiter, es gibt Wege, über solche schrecklichen Erfahrungen hinwegzukommen. Zu einem gewissen Grad», ist sie überzeugt.

Jeder trauert anders

«Dann hat er das gemacht, was für ihn am besten ist. Und jetzt mache ich das, was für mich am besten ist», sagt Annina Furrer in einer der ersten Szenen ihres Dokumentarfilms. Sie spricht mit ihrem leiblichen Bruder Jonas, der sich in der Szene fragt: Ist ein solcher Film wirklich eine gute Idee? «Mein Freundeskreis und meine Familie machten sich damals grosse Sorgen um mich», erzählt Furrer. Nicht, weil ihnen das Thema unangenehm gewesen sei, wie sie betont. Aber aus dem eigenen Schicksal einen Kinofilm zu machen – ist das nicht zu viel, zu belastend?

Annina Furrer, Filmautorin,TV- Redaktorin und Regisseurin.

Annina Furrer, Filmautorin,
TV- Redaktorin und Regisseurin.

Das Gegenteil war der Fall. «Dem Himmel zu nah» entstand aus der Not heraus, erklärt Furrer. Bereits zwei Monate nach Marius’ Tod machte sie erste Filmaufnahmen. Wohl unbewusst auch als Therapie, wie sie heute ausführt. «Ich war in einer grossen Krise, konnte fast nicht mehr arbeiten», erklärt die Dokumentarfilmerin. Dass sie das Thema Selbstmord und Trauer angegangen sei, habe also nichts mit Mut zu tun gehabt. «Ich war ohnmächtig. Ich musste etwas machen, um mich selbst zu retten.»

Filme für Formate wie «Reporter» oder «Dok»

Annina Furrer ist Filmautorin, Regisseurin und TV-Redaktorin. Aufgewachsen ist Annina Furrer in der Stadt Bern. Heute lebt sie in Zürich, wo sie mit ihrem Lebenspartner im Jahr 2005 die Produktionsfirma Pegasusfilm GmbH gegründet hat. Seit 1997 dreht Furrer Dokumentarfilme, unter anderem auch für die Formate «Reporter» und «Dok» des Schweizer Fernsehen SRF. «Dem Himmel zu nah» ist ihr erster Kinodokumentarfilm. Zurzeit arbeitet Annina Furrer an ihrem nächsten Projekt. Entstehen soll ein Fernsehfilm mit dem Arbeitstitel «Heimliche Liebe». In der Dokumentation geht es über die Liebe, die Treue und die Untreue. (rb)

Jeder gehe anders mit einem solchen Schicksalsschlag um. Das zeigt sich auch im Film, am Beispiel ihres Vaters. Die gesamte Familie trat vor die Kamera, er aber konnte nicht über den Tod seines Adoptivsohns sprechen. «Sein Tod hat eine sehr persönliche Tiefendimension für mich. Das lässt sich nicht mit Worten darstellen», zitiert der Film aus einer E-Mail des Vaters, während er Kontrabass spielt.

Oft ist mehr als die Hälfte des Publikums betroffen

Als sie zu Filmen begonnen hat, wusste Annina Furrer noch nicht, ob etwas daraus werden würde. Es dauerte fast drei Jahre, bis die Finanzierung des Projekts stand. 2015 waren die Arbeiten abgeschlossen, seither wird «Dem Himmel zu nah» immer wieder an Podien und Veranstaltungen gezeigt. Nicht selten ist Annina Furrer ebenfalls anwesend. Solche Anlässe sind wichtig, wie sie sagt. Oft sei mehr als die Hälfte der Zuschauerinnen und Zuschauer im Saal direkt betroffen. Jedes Jahr nehmen sich in der Schweiz über 1'200 Menschen das Leben. «Es gibt in fast allen Familien jemanden, der sich im Kreis dreht.

Da stellt sich schnell die Frage, wie viel Einfluss wir als Angehörige überhaupt auf unsere Liebsten haben.» Annina Furrer hat für sich erkannt: «Ich habe nicht so viel Einfluss. Ich kann nur da sein, aber das ist schon sehr viel wert.» «Dem Himmel zu nah» ist ein direkter, schonungsloser Film. Gleichzeitig ist er aber auch wunderschön, ohne dabei kitschig zu werden. Die Dokumentation rückt das eigene Weltbild zurecht, gibt Perspektiven. Zum Schluss des Gesprächs sagt Annina Furrer, dass sie hoffe, Angehörigen mit dem Film auch etwas Mut machen zu können.

Hinweis

Der Autorenabend mit Regisseurin Annina Furrer und Pfarrerin Barbara Stehle von der Fachstelle «Trauer nach Suizid» Ostschweiz findet morgen Donnerstagabend, 6. September, ab 19.30 Uhr im Kino Passerelle in Wattwil statt. Ein Anlass gemeinsam mit der Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg. Mehr zum Film via Website www.demhimmelzunah.ch