Ein Video zeigt sexuelle Handlungen eines Minderjährigen mit einem Huhn: Weil ein Asylbewerber den Film verschickt hat, steht er vor dem Kreisgericht Toggenburg

Das Kreisgericht in Lichtensteig musste entscheiden, ob ein Asylbewerber sich sexueller Handlungen mit Minderjährigen schuldig gemacht hat. Die Verteidigerin forderte einen Freispruch.

Martin Knoepfel
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Vom Facebook-Messenger-Account eines eritreischen Asylbewerbers ist ein Porno-Video versandt worden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um das abgebildete Smartphone.

Vom Facebook-Messenger-Account eines eritreischen Asylbewerbers ist ein Porno-Video versandt worden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um das abgebildete Smartphone.

Jenny Kane / AP

Der Angeklagte hat Blue-Jeans und ein gestreiftes langärmliges Hemd an. Die Haare trägt er im Afro-Look. Neben dem Angeklagten und seiner Verteidigerin ist auch eine Dolmetscherin aufgeboten worden.

Sie wird vor allem für die Befragung des Angeklagten und für das Übersetzen des Urteils sowie der Kurzbegründung benötigt. Der Grund: Der Angeklagte ist ein eritreischer Asylbewerber. Seine Muttersprache ist Tigrinya.

Rekurs gegen Ablehnung des Asylgesuchs

Der Mann hat Jahrgang 1994 und ist seit 2015 in der Schweiz. Er wohnt im Obertoggenburg. Sein Asylgesuch ist abgelehnt worden, ein Rekurs ist noch hängig. In Eritrea ist er laut eigener Aussage mit sechs Geschwistern aufgewachsen und Automechaniker gewesen. Hier ist er arbeitslos und lebt von der Sozialhilfe. Seine Geschwister lebten in Eritrea und in Äthiopien, antwortet er auf die Frage des Einzelrichters.

In der Befragung sagt er weiter, dass er einen vierjährigen Sohn habe, den er nie gesehen habe und der bei der Kindsmutter im Sudan lebe. Finanziell könne er diese nicht unterstützen. Den Kontakt halte er per Telefon aufrecht.

Sein Ziel sei, sich hier zu integrieren und Arbeit als Automechaniker zu finden. Der Mann ist in der Schweiz nicht vorbestraft.

Porno-Video via Messenger versandt

Am 2. Februar 2019 um 8.37 Uhr wurde ein Video via Facebook-Messenger versandt: Das Video kommt vom Mobiltelefon des Angeklagten. Empfänger ist ein anderer Eritreer, M. A., der im Aargau lebt. Gleichentags um 8.44 Uhr kommt aus den USA die Meldung, dass ein Porno-Video an M. A. geschickt worden sei.

Das Video zeigt, wie ein Knabe, jünger als 16 Jahre, mit einem Huhn Geschlechtsverkehr hat. Der Staatsanwalt, der nicht zum Prozess kommt, wirft dem Angeklagten deshalb sexuelle Handlungen mit Kindern oder die Inkaufnahme solcher Handlungen vor.

Nein zu Landesverweis und Ja zu Kontaktverbot

Als Strafe beantragt der Staatsanwalt gegen den Angeklagten eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 30 Franken. Die Probezeit solle zwei Jahre, das gesetzliche Minimum, dauern. Zudem soll der Angeklagte 180 Franken Busse bezahlen. Bussen sind unbedingt.

Hingegen möchte der Staatsanwalt von einem Landesverweis gegen den Angeklagten absehen, da es sich um einen schweren persönlichen Härtefall handle und die öffentlichen Interessen am Landesverweis nicht gegenüber den privaten Interessen des Angeklagten überwögen. Hingegen will der Staatsanwalt dem Angeklagten ein lebenslanges Verbot regelmässiger Kontakte mit Minderjährigen auferlegen.

Verteidigerin: Video ist weit verbreitet

In der Befragung sagt der Angeklagte, offenbar habe M. A. das Video selber an sich weitergeleitet. Er habe M. A. an jenem Morgen das Smartphone überlassen, um Bilder herunterzuladen. Der Richter weist allerdings darauf hin, dass diese Aussage im Widerspruch steht zu Aussagen in früheren Befragungen. Der Angeklagte bestreitet mehrmals, etwas mit dem Porno-Video zu tun zu haben.

In die gleiche Kerbe schlägt die Verteidigerin. Sie beantragt einen Freispruch in allen Anklagepunkten. Sie sagt, das Video kopiere sich selber. Es sei weit verbreitet. Sie habe es auch schon in anderen Fällen gesehen.

M.A. habe zudem bestätigt, dass er an jenem Morgen das Smartphone des Angeklagten benutzt habe, um sich selber Videos zu senden. Ihr Mandant sei selber erschrocken, als er das Video gesehen habe. M.A. habe seither den Kontakt zu ihrem Mandanten abgebrochen, sagt die Anwältin. M. A. ist im Verfahren offenbar Auskunftsperson, das heisst, eine Strafuntersuchung gegen ihn ist nicht ausgeschlossen.

Richter hat Zweifel

Nach kurzer Beratung spricht der Richter den Angeklagten frei. Der Landesverweis und das Kontaktverbot sind damit kein Thema mehr. Die Verfahrenskosten von gut 7000 Franken und das Honorar der Verteidigerin von gut 5000 Franken zahlt der Kanton.

Es gebe Zweifel an der Schuld des Angeklagten, die nicht überwunden werden könnten, sagt der Richter in der Kurzbegründung des Urteils. Der Untersuchungsrichter sei zu Beginn davon ausgegangen, dass sich der Angeklagte am 29. Januar 2019 mit dem Smartphone im Obertoggenburg eingeloggt habe. Der Tatzeitpunkt sei aber der 2. Februar 2019 um 8.37 Uhr, als der Angeklagte im Aargau weilt.

Weiter habe M.A. den Zugriff auf den Facebook-Messenger-Account des Angeklagten bestätigt. Schliesslich falle ins Gewicht, dass man keine illegalen Inhalte auf dem Smartphone des Angeklagten gefunden habe, sagt der Richter.

Die Erleichterung ist dem Eritreer ins Gesicht geschrieben. Vor dem Gerichtssaal umarmt er die Verteidigerin kurz und lächelt dabei über das ganze Gesicht.