Menschen mit Behinderungen sollen Teil des Alltags sein

Menschen mit einer Behinderung haben es nach wie vor nicht immer leicht in unserer Gesellschaft. Im Toggenburg versuchen Gemeinden und Institutionen, Hürden abzubauen − sowohl im öffentlichen Raum als auch in den Köpfen.

Emilie Jörgensen
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Dank Auffahrrampen wie dieser haben alle einen hindernisfreien Zugang zu den Spielgeräten auf dem «Spielplatz für Alle» in Unterwasser. (Bild: Emilie Jörgensen)

Dank Auffahrrampen wie dieser haben alle einen hindernisfreien Zugang zu den Spielgeräten auf dem «Spielplatz für Alle» in Unterwasser. (Bild: Emilie Jörgensen)

In den letzen 15 Jahren sei stark auf die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen, seien es psychische oder physische, hingearbeitet worden. Dies sei ein guter Fortschritt, denn früher habe man dazu tendiert, diese Menschen vor der Öffentlichkeit abzuschirmen, in dem man sie in Heime versetzte, die sehr abgelegen waren, sagt Rudolf Betschart, Abteilungsleiter des Erwachsenenwohnbereiches im Johanneum.

«In den Städten gibt es bezüglich der Behindertenfreundlichkeit weniger Akzeptanz. Dies könnte sein, weil man zeitlich unter Druck steht und nicht die Geduld hat.» Ein Problem, das im Toggenburg nicht vorhanden scheint. Die Verantwortlichen des Johanneums in Neu St.Johann merken, dass Menschen mit einer Behinderung hier schon immer Teil des Alltags waren. Folglich werden sie in den Ladengeschäften begleitet, geführt und mit der nötigen Geduld bedient. Dass die Menschen lieber helfen, statt sich aufzuregen, darüber freut sich Rudolf Betschart sehr.

Die Toggenburger Topografie ist keine ideale Voraussetzung

«Bei den behindertenfreundlichen Ferien- und Freizeitangeboten gibt es sicherlich noch Luft nach oben», sagt Christian Gressbach, Geschäftsführer von Toggenburg Tourismus. «Man sollte jedoch bedenken, dass dies oft mit Umständen verbunden ist. Das Gebiet Toggenburg hat rein von der Topografie nicht die idealsten Voraussetzungen für einen hindernisfreien Aufenthalt», ergänzt er.

Trotzdem geben sich die verschiedenen Akteure Mühe und konnten in den letzten Jahren einige Angebote entwickeln. Alleine mit dem Projekt «Ferien für Alle», in dem barrierefreie Ferien- und Freizeitvorschläge angeboten werden, wie zum Beispiel der «Spielplatz für Alle» in Unterwasser, wird auf die Thematik grossen Wert gelegt.

«Mit diesem Projekt sind wir vielen Menschen schon ein Stück entgegen gekommen. Natürlich müssen wir uns als Ferienregion fortlaufend Gedanken darüber machen, wie wir unsere Gäste auch in Zukunft zufriedenstellen können. Allerdings muss auch eine Nachfrage vorhanden sein. Im Toggenburg scheint es diese punktuell zu geben. Da sind wir sicher einen Schritt vor vielen anderen Destinationen», sagt Christian Gressbach.

Auch die Gemeinden engagieren sich

Die Toggenburger Gemeinden sind bestrebt, auch ihren Einwohnern mit Handicap ein breites Angebot an Freizeitmöglichkeiten und Lebensqualität zu bieten. «In unserer Gemeinde sind wir interessiert, dass sich Menschen mit einer Behinderung wohlfühlen und sich möglichst selbstständig bewegen können. So verfügt unsere Gemeinde zum Beispiel über öffentliche behindertengerechte Toiletten, welche entsprechend signalisiert sind», sagt Mario Schönenberger, Mitarbeiter der Ratskanzlei der Gemeinde Mosnang.

Auch Roman Habrik, Gemeindepräsident von Kirchberg kommt dem Anliegen verantwortungsvoll entgegen. «In Kirchberg ist das Bewusstsein im Gemeinderat und in der Gemeindeverwaltung für die Bedürfnisse der Behinderten hoch. Die Bauverwaltung zieht bei allen Baugesuchen für Mehrfamilienhäuser mit sechs oder mehr Wohnungen die Behindertenorganisation Procap bei.»

Es geht um mehr als nur Rollstuhlgängigkeit

Allerdings stellt sich die Frage, ob mit Behindertenfreundlichkeit nur Rollstuhlgängigkeit gemeint ist. «Behindertengerecht ist für uns nicht nur das. Es geht vielmehr auch um Menschen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen», sagt Cornel Schmid, Ratsschreiber der Gemeinde Hemberg. Dieser Meinung stimmt Rudolf Betschart zu. «Wenn ich an Behindertenfreundlichkeit denke, kommt mir zuerst in den Sinn, wie mir Leute auf der Strasse begegnen, wenn ich mit Behinderten unterwegs bin. Wird man ausgegrenzt oder wird man als normaler Teil der Gesellschaft angesehen, der einfach dazugehört?»

Dass Behindertenfreundlichkeit auch mit Rollstuhlgängigkeit zu tun hat, kommt ihm erst später in den Sinn, denn der soziale Kontakt werde immer noch sehr unterschätzt. Dass öffentliche Gebäude rollstuhlgängig sein müssen, sei das Eine. Wichtig sei aber auch, dass die Integration behinderter Menschen gelebt wird, ergänzt Betschart. Viele Bewohner des Johanneums sind alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Es kann vorkommen, dass sich jemand verirrt und am falschen Bahnhof landet. Den Nachhauseweg würden sie aber immer finden, denn der soziale Kontakt funktioniere gut, sagt Rudolf Betschart.

Mehr Integration in der Gesellschaft wird gewünscht

Eine grössere Herausforderung stellt der Winter dar. «Solange es geht, sind unsere Bewohner unbegleitet, denn es ist ihre Freiheit», ergänzt er. «Bei vereisten Trottoirs geraten allerdings Rollstuhlfahrer und auch ältere Menschen oft an ihre Grenzen», sagt Rudolf Betschart. Hier wäre es wichtig, nicht nur die Strassen, sondern auch die Trottoirs eisfrei zu halten und genügend zu salzen.

Wo es noch an der Umsetzung fehle, sei bei einer echten Teilhabe und anerkannten Vielfalt in der Gesellschaft. Sappho Wieser, Leiterin der Beratungsstelle Wattwil der Pro Infirmis St. Gallen-Appenzell stellt fest, dass es für Menschen mit Behinderung oft schwierig ist, am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilzunehmen. Mit einer Behinderung stellen sich zusätzliche Hürden in allen Lebensbereichen. «Damit eine wirkliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung gelingt, ist es unabdingbar, die Betroffenen als Experten miteinzubeziehen, um gemeinsame Lösungen zu suchen.»