Neuer Besitzer statt Entsorgung: Der Bücherretter eröffnet in Ebnat-Kappel den Bücherstollen

Andreas Spöcker rettet Bücher vor der Entsorgung. Damit diese einen neuen Besitzer finden, eröffnet er am Samstag in Ebnat-Kappel den Bücherstollen.

Ruben Schönenberger
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Andreas Spöcker hat die Kellerräume an der Berglistrasse eingerichtet wie eine Buchhandlung. (Bild: Mareycke Frehner)

Andreas Spöcker hat die Kellerräume an der Berglistrasse eingerichtet wie eine Buchhandlung. (Bild: Mareycke Frehner)

In den Räumen an der Ebnat-Kappler Berglistrasse sieht alles aus wie in einer Buchhandlung: In den Regalen stehen die Werke verschiedener Autoren in alphabetischer Reihenfolge. In der Mitte des ersten Raums türmt sich eine Buchauslage, die aktuelle Empfehlungen vermittelt. Im zweiten Raum findet sich eine Leseecke für Kinder und im dritten werden einer temporären Ausstellung gleich Bücher zur Region und ihrer Sprache präsentiert.

Auch Bücher mit regionalem Bezug finden sich im Bücherstollen. (Bild: Mareycke Frehner)

Auch Bücher mit regionalem Bezug finden sich im Bücherstollen. (Bild: Mareycke Frehner)

Doch der Bücherstollen ist keine Buchhandlung. Zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Wer hier ein Buch mitnimmt, zahlt dafür, was er will. Ums Verkaufen geht es Betreiber Andreas Spöcker nicht. Vielmehr will er Bücher wieder unter die Leute bringen, die andernorts nicht mehr erwünscht waren. Bücher, die er vor der Vernichtung gerettet hat. Der Bücherstollen ist der erste öffentlich zugängliche Ort des «Bücherretters», wie sich Spöcker selbst nennt.

Die Idee zum Bücherretten kam ihm indes eher zufällig. Als der Pfarreibeauftragte 2016 die Chance erhielt, aus einer Fachbibliothek in Aarau vor deren Auflösung einige Bücher zu ergattern, erkundigte er sich nach dem Schicksal der restlichen Werke. 4000 bis 5000 andere Bücher waren noch zu haben, ihnen drohte der Schredder. «Das konnte ich nicht zulassen», sagt Spöcker. Er sicherte sich so viele Bücher, wie irgendwie möglich war, und lagerte diese bei sich ein.

Viele mit dem gleichen Problem

Im Nachhinein merkte er, dass viele Leute nicht wissen, was sie mit Büchern anfangen sollen, die sie zwar loswerden, aber nicht entsorgen möchten. Er schrieb darüber auf seiner Website und erhält seither Anfragen. «Ich habe kein bisschen dafür geworben», sagt er heute. Trotzdem hat er schon über 150 Rettungsaktionen durchgeführt.

Wenn es ein Buch durch den Sortierprozess schafft, landet es vielleicht in den Regalen des Bücherstollens. (Bild: Mareycke Frehner)

Wenn es ein Buch durch den Sortierprozess schafft, landet es vielleicht in den Regalen des Bücherstollens. (Bild: Mareycke Frehner)

Nachdem er von einer Rettung zurückgekehrt ist, durchlaufen die Bücher einen mehrstufigen Sortierprozess. Dabei prüft er jedes Buch einzeln. Was er verwenden kann, weiss er aus Erfahrung. «Ich habe mit 19 oder 20 Jahren begonnen, Bücher zu sammeln», sagt Spöcker.

«Wenn Sie mir einen Stapel Bücher geben, kann ich innert kürzester Zeit entscheiden, was ich in meine Sammlung aufnehme, was ich weitergeben kann und was entsorgt werden sollte.»

Wenn er etwas weitergeben kann, dann kommen auch Institutionen wie Alterszentren oder Kinderheime gratis in den Genuss einer Ladung Bücher. Ein Teil soll nun über den Bücherstollen Abnehmer finden. Dieser öffnet zum ersten Mal am Samstag, 9. März, seine Tore.

Spöcker ist gar kein Vielleser

«Ich hoffe, dass sich hier ein Kanal auftut, über den ich die Bücher, die für eine breite Bevölkerungsschicht interessant sind, einfach in Umlauf bringen kann», sagt Spöcker zu seiner Motivation. Dazu zählt er vor allem Krimis, aber auch Bücher zur Sprach- und Ahnenforschung, insbesondere mit einer regionalen Komponente. «Ich wünsche mir, dass die Leute Freude daran haben und mit vollen Taschen aus dem Stollen gehen», sagt er. Warum er selber Freude an Büchern hat, kann er gar nicht so genau sagen. Es sei die Haptik, der Geruch, vielleicht die Aura von Büchern. Seine Leidenschaft beschreibt er so:

«Ich habe mich schon immer gerne mit Büchern umgeben.»

Dabei sei er gar kein Vielleser, zumindest nicht mehr.

Der Stollen ist gut gefüllt. Damit weitere Bücher Platz finden, hofft Andreas Spöcker auf viele Abnehmer der aktuellen Auslage. (Bild: Mareycke Frehner)

Der Stollen ist gut gefüllt. Damit weitere Bücher Platz finden, hofft Andreas Spöcker auf viele Abnehmer der aktuellen Auslage. (Bild: Mareycke Frehner)

Retten aus Idealismus

Ein konkretes Ziel beim Bücherretten hat er nicht. «Es ist für mich einfach aufregend, an Türen zu klingeln und nicht zu wissen, wer öffnet und welche Bücher mir die Personen mitgeben möchten», sagt er. Die Leute seien unglaublich dankbar und ihm mache es Spass. Er gibt aber zu:

«Es ist aber schon auch ein gewisser Idealismus.»

Wenn eine grosse Büchersammlung aufzulösen wäre und er dafür noch einen zusätzlichen Lagerraum mieten müsste, dann würde er das tun, solange die Sammlung nicht belanglos sei. «Ich könnte gar nicht Nein sagen, da fühle ich mich fast verpflichtet», beschreibt Spöcker. Auch bei der Verwendung des Gewinns aus dem Bücherstollen zeigt sich, dass Spöcker uneigennützig handelt. Was er mit dem Bücherstollen einnimmt, kommt herzensbilder.ch zu. Diese Organisation schenkt Familien von schwerkranken, behinderten oder viel zu früh geborenen Kindern ein kostenloses Fotoshooting. «Das mache ich jetzt mal zwei Jahre so, dann schaue ich weiter.»

Damit der Bücherstollen bestehen bleiben kann, hofft Spöcker auf Unterstützung.

«Ich wünsche mir ein paar so Bücherverrückte, wie ich es bin, die Freude daran haben, in und an diesem Bücherstollen mitzuhelfen.»

Jeden zweiten Monat geöffnet

Der Bücherstollen ist etwa jeden zweiten Monat an einem Samstag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Die genauen Öffnungszeiten finden sich auf www.bücherstollen.ch oder der Facebook-Seite. Für Schulklassen und andere Gruppen öffnet Andreas Spöcker den Bücherstollen auch zu anderen Zeiten.

Wer selber Bücher abzugeben hat, kann zwar mit Spöcker das Gespräch suchen, er bittet aber darum, nicht einfach mit den abzugebenden Büchern beim Bücherstollen vorbeizuschauen. Die Warteliste sei lang. (rus)