REGION: Ein Leben im Mode-Märchen

Ramona Bonbizin und Chris Kradolfer verdienen ihren Lebensunterhalt mit einem Blog. Das Paar erzählt von Schwierigkeiten und Missverständnissen.

Jonas Manser
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Bloggen, das bedeutet mehr als bloss Schreiben. Videos und Bilder gehören ebenfalls dazu. Ramona Bonbizin steht dafür vor der Kamera, Chris Kradolfer dahinter. (Bild: Ralph Ribi)

Bloggen, das bedeutet mehr als bloss Schreiben. Videos und Bilder gehören ebenfalls dazu. Ramona Bonbizin steht dafür vor der Kamera, Chris Kradolfer dahinter. (Bild: Ralph Ribi)

Jonas Manser

jonas.manser@wilerzeitung.ch

Zeitschriften waren einmal. Nun geben Blogs den Ton in der Beauty-, Mode- und Lifestyle-Welt an. So scheint es zumindest. Fashion-Blogs schossen vor einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Marken entdeckten die Online-Tagebücher sogenannter «Influencer» und Trendsetter als neuen Werbekanal, um ihre Produkte zu vermarkten.

Ein persönlicher Blog ist schnell aufgeschaltet: Jeder Nutzer kann über alles und jeden schreiben. Der freie Zugang hat jedoch einen starken Wettbewerb zur Folge. Wie auch in herkömmlichen Medien, gehört Glaubhaftigkeit zu den wichtigsten Werten in der Branche. Den erarbeiteten Status zu bewahren, erfordert viel Fleiss und Arbeit. Ramona Bonbizin und Chris Kradolfer aus Wil betreiben hauptberuflich den Mode-Blog «Fashionpaper». Bonbizin übernimmt das Schreiben und ist das Gesicht des Unternehmens, während Kradolfer vorwiegend im Hintergrund tätig ist.
 

Ein Jahrzehnt Arbeit und Fleiss

Zum erfolgreichen Blogger wird man normalerweise nicht über Nacht. Im Fall des «Fashionpaper» entwickelte sich der Blog über eine Zeitspanne von zehn Jahren. «Anfänglich war es ein Hobby. Über die Zeit wurde daraus immer mehr», sagt Bonbizin. Es sei ein langer Lernprozess gewesen. Sie hätten den Umgang sowohl mit Auftraggebern als auch mit Lesern lernen müssen. Die Anforderungen der Firmen wurden immer grösser. Schreiben alleine reichte nicht mehr aus: «Wir schiessen selber Bilder und produzieren auch Videos. Ausserdem machen wir uns die verschiedenen Social-Media-Plattformen zunutze.»

Ramona Bonbizin schloss ursprünglich eine Verkaufslehre im Modebereich ab. Nach einigen Jahren wurde sie arbeitslos und fand sich 2006 in einer schwierigen Lage wieder: Sie hatte Mühe, eine neue Arbeitsstelle zu finden. Zu dieser Zeit schlug ihr Partner und zukünftiger Ehemann Chris Kradolfer vor, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Zusammen gründeten sie ein Unternehmen, das nach Mass geschneiderte Hemden verkaufte. Bonbizin befasste sich tief gehend mit Modetrends und wollte dieses Wissen öffentlich zugänglich machen. Dies war der Startpunkt des Blogs. «EinOnline-Business hatte für uns grosse Vorteile. Wir konnten das meiste selber in die Hand nehmen und so, trotz wenig Kapital, ein Geschäft gründen. Wir wollten und haben auch keine Kredite dafür aufnehmen müssen », sagt Bonbizin. Der Markt für massgeschneiderte Hemden sei schnell übersättigt gewesen, gleichzeitig kam der Blog immer mehr ins Rollen, sagt das zukünftige Ehepaar. Heute verdienen sie ihren Lebensunterhalt ausschliesslich mit dem Betreiben des Blogs.

«Mit dem VW Golf auf Mallorcaunterwegs» heisst ein Bericht auf dem Fashion- und Lifestyle-Blog. Nicht besonders schwer zu erraten, steht das Auto im Mittelpunkt des Blog-Eintrags. Professionelle Bilder und ein fünfminütiges Video komplementieren den Text. Ein Abschnitt des «Tagebucheintrags» von Bonbizin befasst sich auffällig genau mit dem Auto. «Wir verfolgen in unserem Blog grundsätzlich zwei Ansätze: Zum einen haben wir einen ganz klar kommerziellen Teil, zum anderen ist es uns wichtig, eine Geschichte zu erzählen. Unsere eigene, vom Auftraggeber unabhängige Meinung ist der Grund, wieso Leserinnen und Leser unseren Blog besuchen», sagt Chris Kradolfer. «Es ist wichtig, dass die Leser des Blogs wissen, dass wir ihnen keine Scheinwelt vorgaukeln.»
 

Durchhaltewille und Persönlichkeit

«Viele sind der Meinung, dass wir in einer Art Märchenwelt leben würden», sagt die 34-jährige «Fashionista». Dies sei nicht der Fall: «Bloggen ist ein Business. Wie bei jedem Neuunternehmen mussten auch wir harte Zeiten durchleben. Die Arbeitszeiten sind um einiges länger als die eines Festangestellten», sagt Kradolfer. Sie hätten mehr Zeit im Büro als zu Hause verbracht und sich deshalb entschieden, Arbeits- und Lebensraum zu kombinieren. Seit diesem Sommer leben sie in Wil. «Man muss die Arbeit wirklich gerne tun, sonst hält man es nicht lange aus.» Ihr Lohn am Ende des Monats falle nicht immer gleich hoch aus. Daher gelte die Devise: Erst ausgeben, wenn das Geld auf dem Konto ist. Was braucht man, um erfolgreicher Trendsetter in der Blogosphäre zu werden? «Man muss immer man selbst bleiben und die eigene Meinung vertreten. Ausserdem braucht es einen starken Durchhaltewillen», sind sich die beiden einig.