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Ein doppelter Gewinn: Dank der Toggenburgerbahn wurde Wil zum Knoten

Heute ist völlig klar, dass Wil ein bedeutender Knoten im öffentlichen Verkehr der Region ist. Doch vor dem Bau der Toggenburgerbahn hätte diese Funktion auch andernorts zu liegen kommen können. Die Regierung bevorzugte beispielsweise Flawil.

Anton Heer
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Der Knotenbahnhof Wil war Standortvorteil oder gar Bedingung für das Getreidesilo oder das Gaswerk. Die Gleisanlagen um 1962, kurz nach dem Neubau des Bahnhofgebäudes.

Der Knotenbahnhof Wil war Standortvorteil oder gar Bedingung für das Getreidesilo oder das Gaswerk. Die Gleisanlagen um 1962, kurz nach dem Neubau des Bahnhofgebäudes.

Bild: PD

Gefeiert wird 2020 das 150-Jahr-Jubiläum der Eisenbahnverbindung Wil-Ebnat. Die Toggenburgerbahn vermittelte der Stadt Wil fast unbemerkt noch zwei Errungenschaften: Der Bahnhof Wil wurde 1870 zum Knotenbahnhof aufgewertet und in Wil etablierten sich die Brückenbauwerkstätten B.Gubser & Comp.

Beide Errungenschaften sind unter Würdigung der damaligen verkehrspolitischen Gegebenheiten keine Selbstverständlichkeit. Für die Initianten der Toggenburgerbahn standen anfänglich die Anschlusspunkte Flawil und allenfalls Uzwil zur Debatte.

Bautechnisch war Wil im Vorteil

Verkehrspolitisch gab der Regierungsrat Flawil den Vorzug, bautechnisch war jedoch Wil klar im Vorteil. Der 1870 erfolgte Anschluss ins Toggenburg schuf sodann für Wil eine Vorzugsstellung, die den späteren Anschluss der Mittel-Thurgau-Bahn gleich vorwegnahm.

Der Verkehrsknoten erwies sich, im Nachhinein folgerichtig, als langfristige Standortförderung erster Güte. Nicht überraschen werden zudem die Strassenbahnprojekte mit dem Ziel Bahnhof Wil oder die längst vergessenen Hörnlibahn-Visionen mit Wil als Ausgangspunkt.

Eisenbahnbrücken als Meisterprüfung

Die Toggenburgerbahn wurde durch das Berner Unternehmen Baugesellschaft Wieland, Gubser & Comp. geplant und gebaut. Beat Gubser, der Brückenbau-Ingenieur und Bürger von Walenstadt, und Oberst Richard Wieland, der einstige Telegrafeninspektor in St.Gallen, kannten zweifellos die Region und dürften auch ihre Beziehungsnetze gepflegt haben.

Beat Gubser dank Jubiläum besser kennengelernt

Jubiläen bringen immer wieder überraschende neue Erkenntnisse und Bekanntschaften. Ein Verwandter des Brückenbau-Ingenieurs Beat Gubser stellte freundlicherweise ein Foto Gubsers aus dem Jahr 1870 zur Verfügung. Ebenfalls geklärt hat sich dabei Gubsers Rolle bei der Entwicklung unkonventioneller Alpenbahnsysteme. Die beiden Erbauer der Toggenburgerbahn, Wieland und Gubser, waren Gutachter für das um 1864 vom Berner Nationalrat Seiler vorgeschlagene System einer «aerohydrostatischen Waage». Seilers System nahm vor über 150 Jahren Elemente der modernen Swiss-Metro-Idee vorweg.
Jubiläen bringen immer wieder überraschende neue Erkenntnisse und Bekanntschaften. Ein Verwandter des Brückenbau-Ingenieurs Beat Gubser stellte freundlicherweise ein Foto Gubsers aus dem Jahr 1870 zur Verfügung. Ebenfalls geklärt hat sich dabei Gubsers Rolle bei der Entwicklung unkonventioneller Alpenbahnsysteme. Die beiden Erbauer der Toggenburgerbahn, Wieland und Gubser, waren Gutachter für das um 1864 vom Berner Nationalrat Seiler vorgeschlagene System einer «aerohydrostatischen Waage». Seilers System nahm vor über 150 Jahren Elemente der modernen Swiss-Metro-Idee vorweg.

Gubser bestand mit dem Bau der Eisenbrücken zwischen Wil und Ebnat die Bewährungsprobe. Er blieb in Wil und etablierte dort die Brückenbauwerkstätten Beat Gubser & Comp.

Der Name von Gubser blieb mit zahlreichen Brückenbauten in der Region und sogar im fernen Österreich-Ungarn verbunden. Zur langen Liste seiner Konstruktionen zählen Passerellen, mehrere Thurbrücken und die Brücken der Bischofszeller-Bahn. Eindrücklichstes Bauwerk dürfte neben der Guggenlochbrücke der Toggenburgerbahn die eigenwillige Aarebrücke der Bözbergbahn bei Brugg sein. Dass von den Werkstätten in Wil kaum weitere und nachhaltigere Spuren bekannt sind, muss wohl mit dem frühen Tod Gubsers im Jahr 1882 zusammenhängen.

Letzter Ausstellungsort: Wil

Die Ausstellung zum Jubiläum 150 Jahre Toggenburgerbahn ist bis Sonntag, 27. September, in Bazenheid zu sehen. Dann wandert sie zur letzten Station und steht bis zum 11. Oktober im Stadtsaal-Pärkli in Wil.