TOGGENBURG
Starfotograf Hannes Schmid will mit Sänger Seven Instrumente aus Schweizer Estrichen nach Kambodscha verschiffen

Der Starfotograf Hannes Schmid hütete als Bub Geissen im Schatten der Churfirsten. Aktuell sammelt er zusammen mit dem Luzerner Musiker Seven Instrumente für Kinder in Kambodscha. Auf dem Areal seines Hilfswerks nördlich der Hauptstadt Phnom Penh soll das erste Tonstudio und Kulturzentrum des Landes entstehen. Inspiration dazu waren auch die Strukturen von Toggenburger Dörfern.

Pablo Rohner
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Der Musiker Seven (links) und der aus dem Toggenburg stammende Fotograf und Künstler Hannes Schmid testen gespendete Instrumente.

Der Musiker Seven (links) und der aus dem Toggenburg stammende Fotograf und Künstler Hannes Schmid testen gespendete Instrumente.

Bild: Pablo Rohner

Eine Gestalt im Nebel, auf einem zerklüfteten Berg, schwarz-weiss. Flüchtig betrachtet könnte man meinen, es handle sich um ein altes Bild, aufgenommen in einer kargen Berggegend. Das wäre auch nicht abwegig bei dem Urheber: Hannes Schmid, der internationale Starfotograf, ist im Toggenburg aufgewachsen. Als Bub hütete er Geissen auf dem Selun, seine Eltern hatten eine Bäckerei in Unterwasser.

Der Geissenbub erfindet den «Marlboro-Mann»

Trotzdem seien sie arm gewesen. «Weil wir reformiert waren, haben wir fast kein Brot verkauft», sagt Schmid und lacht. Die Leute hätten beim katholischen Beck im Nachbardorf gekauft, «auch wenn sein Brot miserabel war». Von seiner Jugend erzählt Schmid am Rand der Pressekonferenz, an der er am Mittwoch das Hilfsprojekt «Ein Container voller Musik» vorstellte.

Aus dem Hirten wurde ein Elektriker und Schmid wanderte nach Südafrika aus, wo er mit dem Fotografieren begann. Die Anfänge einer internationalen Karriere. Später wurden Schmids Bilder unter anderem in Modemagazinen wie «Vogue» oder «Cosmopolitan» gedruckt. Er fotografierte Rockstars von ABBA bis Uriah Heep und Frank Zappa, manchen brachte er im Toggenburg das Skifahren bei. Ins kollektive Gedächtnis der westlichen Konsumgesellschaft eingebrannt haben sich seine Inszenierungen des rauchenden Cowboys als «Marlboro-Mann» für Werbeplakate der Zigarettenmarke.

Von Toggenburger Dörfern inspiriert

Die Gestalt im Nebel auf dem Foto läuft über einen Berg aus Abfall. Entstanden ist das Bild vor ein paar Jahren auf einer Müllhalde in Kambodscha. Im südostasiatischen Land an der Grenze zu Vietnam hat Schmid mit seinem Hilfswerk Smiling Gecko ein 140 Hektar grosses Areal aufgebaut, auf dem junge Kambodschanerinnen und Kambodschaner leben, die Schule besuchen und ein Handwerk lernen können.

Schülerinnen und Schüler in der Smiling Gecko Farm auf dem Weg zum Unterricht.

Schülerinnen und Schüler in der Smiling Gecko Farm auf dem Weg zum Unterricht.

Bild: Dominic Kobelt

Zu der Anlage, die Schmid «Cluster» nennt, gehören Bauernhöfe, eine Fischzucht, eine Hühnerzucht, eine Schreinerei, ein Schlachthof und – das Herzstück – zwei Schulen, in denen Hunderte Kinder unterrichtet werden. Der Bau einer Universität ist geplant. Die Betriebe produzieren für das Projekt selbst und für den Markt. «Wir versorgen uns zu 80 Prozent selbst», sagt Hannes Schmid. Die Struktur des «Clusters», in der viele kleine Betriebe mit den Ressourcen der Umgebung arbeiten und voneinander profitieren, sei auch von seinen Erinnerungen an die Dörfer im Toggenburg inspiriert.

Aus dem Estrich nach Kambodscha

Um bei den Kindern auch Kreativität und die Freude an der Musik zu fördern, spannt Schmid nun mit dem Luzerner Soulmusiker Seven zusammen. Mit ihrem Projekt «Ein Container voller Musik» wollen die beiden Musikinstrumente, die in Schweizer Estrichen verstauben, sammeln und nach Kambodscha bringen. Abgegeben werden können die Instrumente in den Geschäften der Firma Musik Hug. Deren Instrumentenbauer setzen die Gitarren, Akkordeons und Schlagzeuge wo nötig instand, bevor sie nach Kambodscha verschifft werden.

Getroffen haben sich Schmid und Seven am Rand eines Konzerts im Hallenstadion. Sie verabredeten sich zu einem Kaffee, daraus wurde ein dreistündiges Gespräch. Schmid erzählte dem Musiker, wie er mit Kindern aus der Schule von Smiling Gecko einen Song habe aufnehmen wollen und realisierte, dass es im ganzen Land kein Tonstudio gibt. Da sei ihnen die Idee gekommen, eines zu bauen.

«Geistiges Grundnahrungsmittel»

Im Rahmen von «Ein Container voller Musik» soll auf dem Gelände von Smiling Gecko das erste Kulturzentrum des Landes entstehen, das «House of Culture and Music». Neben dem Tonstudio wird das vom renommierten Westschweizer Architekturbüro Oï gezeichnete Gebäude eine Musikschule, Bühnen, Proberäume und eine Werkstatt für die Instrumente beherbergen.

Hannes Schmid selbst kennt die Erfahrung, dass sich durch ein Instrument, in seinem Fall die Kamera, neue Welten auftun können. Dass ein Kind die Möglichkeit bekommt, sich in die Welt der Kunst und Kultur zu begeben, hält er für genauso wichtig, wie Lesen und Schreiben zu lernen. Seven pflichtet bei:

«Das ist geistiges Grundnahrungsmittel.»

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