Ehemaliger Kanti-Wattwil-Schüler und heutiger Nahost-Korrespondent beim SRF referiert in Wattwil: «Überstülpte Nationalstaaten zerfallen»

Die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge in Nahost erklärte SRF-Korrespondent Pascal Weber in der BWZT-Aula in Wattwil. Seine Prognosen für die Zukunft sind eher düster.

Patricia Wichser
Drucken
Teilen
Die Situation zwischen den USA und dem Iran war ein Schwerpunkt im Vortrag von Pascal Weber. (Bild: Patricia Wichser)

Die Situation zwischen den USA und dem Iran war ein Schwerpunkt im Vortrag von Pascal Weber. (Bild: Patricia Wichser)

«Nahost – Welt ohne Frieden?» so hiess der Referatstitel des SRF-Nahost-Korrespondenten Pascal Weber vergangenen Mittwochabend im Berufs-und Weiterbuldungszentrum Toggenburg (BWZT) in Wattwil. Eingeladen hatte das Kulturforum Sonntagsgesellschaft Wattwil und das Thema interessierte: Die Aula des BWZT Wattwil war ausgebucht.

Pascal Weber zeigte Hintergründe und Zusammenhänge auf, welche zur heutigen Situation im Libanon, Iran, Irak und Saudi-Arabien führten. Seine Einschätzung, ob es wirklich mittelfristig zu einer Friedenslösung kommt, ist wenig enthusiastisch. Obwohl: Das Fragezeichen in seinem Referatstitel lässt hoffen. In der Geschichte ist nichts unmöglich, wenn man an den Mauerfall in Deutschland und den Zerfall der Sowjetunion denkt.

Zweiter Arabischer Frühling kommt

Die Neuauflage des Arabischen Frühlings steht an, die gesellschaftliche Revolution ist im Gang. Einen Unterschied gibt es von 2011 zu 2019: Beim ersten Arabischen Frühling waren die Menschen vom Wunsch nach Würde und Freiheit getrieben – 2019 gehen die Menschen gedrängt vom Wunsch nach Essen und wirtschaftlichem Auskommen auf die Strassen.

Im Irak sind 20 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. In vielen Ländern fehlen die Infrastruktur und die staatliche Dienstleistung. Die Situation wird für die Elite gefährlicher, denn die Protestierenden möchten nicht nur einen alternden Autokraten stürzen, sondern das System einreissen. Sie haben aus der Revolution 2011 gelernt. Dazu kommt, dass die jungen Menschen den religiösen Klientelismus (an Gruppeninteressen orientierte Politik) satthaben und gemeinsam protestieren. Sie lassen sich nicht mehr einschüchtern.

Schmerzhafte Prozesse und gefallene Staaten

Pascal Weber nennt zur Herleitung drei elementare Geschehnisse im Jahr 1979, welche nicht unterschätzt werden dürfen: Iranische Revolution mit der Rückkehr von Ayatollah Khomeini, Stürmung der grossen saudischen Moschee in Mekka durch eine Gruppe Islamisten und damit später ein folgenschwerer Pakt des Saudischen Königshauses, Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Der Referent zeigt die schmerzhaften Prozesse klar auf: Es zerfallen ganze Staaten wie Syrien, welches selbst, wenn Assad wieder an die Macht kommt, zu einem «failed state» gehören wird, ein gefallener Staat, welcher fernab von einer Staatlichkeit ist. Die Gründe des Zerfalls: Es handelte sich um «überstülpte Nationalstaaten» nach der Unabhängigkeit, was bedeutet, dass die politische Elite eine Moderne einführen wollte, welche sich jedoch nicht festigte. Die Staaten nehmen keine Aufgaben wahr, wie Infrastruktur oder Altersvorsorge, es gibt keine Rechtssicherheit, keine geregelte Macht oder Machtwechsel.

Zur Person

Pascal Weber, geboren 1973, ist in Ernetschwil und Eschenbach aufgewachsen. Von 1988 bis 1993 besuchte er die Kantonsschule in Wattwil (Typus B mit Latein). 1993 ist er als freier Mitarbeiter bei der «Linth-Zeitung» in Rapperswil in den Journalismus gerutscht. Seit 1999 arbeitet er bei SRF, seit 2010 als Nahost-Korrespondent. An der Universität Zürich studierte er Geschichte und Politikwissenschaft und schloss 2004 sein Studium mit Lizenziat ab. Pascal Weber ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt im Libanon. (pwi)

Beim Kapitel «Iran – Unruhestifter oder Opfer?» kam auch Pascal Weber nicht um die Rolle der USA und des US-Präsidenten Donald Trump herum. Trump will keinen neuen Krieg, dafür möchte er den Iran aber mit dem maximalen wirtschaftlichen Druck in die Knie zwingen, was jedoch nur mit gleichzeitiger militärischer Bereitschaft der USA erfolgreich wäre. Die Reaktion darauf: Zur Machtdemonstration trafen die Iraner Öl-Tanker in einem Sabotage-Akt oder nahmen Öl-Anlagen in Saudi-Arabien ins Kreuzfeuer.

Das gefährliche Spiel geht weiter

Die schwierige Beziehung zwischen Iran und den USA hat ihren Anfang weit zurück: der militärische Sturz von Irans Premierminister Mossadegh 1953, durch die CIA unter dem Befehl der USA und Grossbritannien. «Dies machte die islamische Revolution unter Khomeini erst möglich», ist Pascal Weber überzeugt. 1979 folgte das Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft in Teheran, welches 400 Tage andauerte. Zwei Traumata, welche bis heute wirken.

Ein weiteres Kapitel war die Einflussnahme Irans auf Syrien, welche Pascal Weber grösser einschätzt als jene von Russland auf Syrien. «Iran ist der grosse Gewinner im Syrienkrieg», stellt Pascal Weber fest. Bei den nächsten Wahlen im Iran werden die Mullahs als Sieger hervorgehen. Hassan Rohani, Präsident der Islamischen Republik Iran, hat keine Chance, weil er das Atomabkommen mit Barack Obama durchsetzte und abschloss, später von Trump um dieses betrogen wurde. Iran reichert aktuell schneller und mehr Uran an, erzeugt Gegendruck auf die USA, um wieder in Verhandlung zu treten und Forderungen zu stellen. Das «tit for tat», «wie Du mir so ich Dir», zwischen den beiden Ländern wird weitergehen. Das sind keine guten Aussichten.