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«Du brauchst dich nicht zu fürchten vor der Macht»

Die Evangelische Kirchgemeinde Unteres Toggenburg feierte 500 Jahre Reformation auf ihre ganz eigene Weise. Nicht die Kirche stand im Zentrum, sondern der Mensch.
Peter Küpfer
Fürstabt Ulrich Rösch mit Herold Enya Willi (Trompete). (Bild: Peter Küpfer)

Fürstabt Ulrich Rösch mit Herold Enya Willi (Trompete). (Bild: Peter Küpfer)

Zumindest der Wettergott hatte offenbar eine protestantische Neigung. Am unsicheren, vergangenen Festsonntag liess er die Regenschleusen geschlossen und öffnete sie nur kurz und tropfenweise: Für die Festgemeinde war dies eine willkommene Himmelsdusche mitten auf der Wanderung auf dem stotzigen Weg von der Kapelle Tufertschwil hinunter zur Kirche Ganterschwil.

Dornenvoller Weg zur Ökumene

Den Anfang des sonntäglichen Festakts machte ein kurzer Eröffnungsgottesdienst in der Tufertschwiler Kapelle. Äusserlich und innerlich renoviert, steht sie da. Ähnlich trutzig wie der wesensverwandte Ganterschwiler Kirchenturm. Hier in der Kapelle Tufertschwil fanden in der Zeit der Reformation die ersten reformierten Gottesdienste statt.

Historikerin und Journalistin Katharina Meier. (Bild: Peter Küpfer)

Historikerin und Journalistin Katharina Meier. (Bild: Peter Küpfer)

Das und noch viel mehr Bemerkenswertes aus der Reformationszeit erläuterte Historikerin und Journalistin Katharina Meier. Sie hatte vom Kirchenvorstand der feiernden Kirchgemeinde den Auftrag erhalten, Bemerkenswertes der langen Geschichte der Reformation im Untertoggenburg in einer historischen Schrift darzustellen. «Eine höchst empfehlenswerte Nachttischlektüre», wie Kirchenratspräsident Enzo Fuschini am Schluss des Gottesdienstes in Ganterschwil meinte, wo den Besucherinnen und Besuchern Katharina Meiers Büchlein als Geschenk überreicht wurde.

Das Buch zur Geschichte

Katharina Meier: Kein Pfaffenspuk. Geschichte der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Unteres Toggenburg; Bazenheid, 2018; 64 Seiten. Herausgeberin: Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde Unteres Toggenburg.

Die prägnant ausgewählten und in originalem Dialekt vorgetragenen Episoden, welche Katharina Meier an diesem Festsonntag aus ihrer Schrift preisgab, bestätigten den schwierigen Verlauf. Sie zeigten, wie viele Hoffnungen die damals von argen Nöten drangsalierten Toggenburger an die neue Lehre knüpften. Und mit wie viel Opfermut und Entbehrung sie neue, mehr Freiheiten versprechende Wege suchten und fanden.

Etappen auf diesem Weg markieren der Loskauf von der als streng empfunden Herrschaft des St.Galler Fürstabts, die letztlich in der Schlacht von Kappel für viele tödlich endenden Kämpfe – auch für Zwingli selbst – der jahrelang unversöhnlich gespaltenen Kirchen und die im Toggenburg bald einsetzenden Vernunftlösungen. So überliessen die Lütisburger Katholiken den ersten Protestanten die Tufertschwiler Kapelle für ihre Gottesdienste.

Während langer Jahre nutzten die beiden Konfessionen die Kirchen von Bütschwil und Ganterschwil gemeinsam, bis die Umstände einen je eigenen Kirchenbau erlaubten. Schliesslich ergab sich erst in der jetzigen Zeit die nachhaltig entwickelnde Zusammenarbeit der beiden grossen christlichen Konfessionen.

Historische Begegnungen unterwegs

Auf dem Weg von der Tufertschwiler Kapelle hinunter zur Kirche Ganterschwil hatten die Organisatoren drei historische Begegnungen vorbereitet. So empfing unten am Neckerbrücklein kein geringerer als Abt Ulrich Rösch die Wandernden, gespielt von Balz Wielatt. Rösch hatte die Abgabe- und Gehorsamsschraube stark angezogen, was ihm nicht nur unter den Protestanten Feinde schaffte. Sein burgähnlicher Unterschlupf in Wil war auch das Zentrum seiner Toggenburger Regentschaft.

Der Zug der Kirchgänger auf dem Weg von der Kapelle Tufertschwil zur Kirche Ganterschwil. (Bild: Peter Küpfer)

Der Zug der Kirchgänger auf dem Weg von der Kapelle Tufertschwil zur Kirche Ganterschwil. (Bild: Peter Küpfer)

An der Dorfgrenze zu Ganterschwil empfing die Wandernden der Bauer Ueli, knorrig und stämmig, die Heugabel in der Hand, gespielt von Hugo Suter. Er bezeugte die Härten und Nöte, denen gerade auch die Toggenburger Bauernschaft während Jahrhunderten ausgesetzt war. Schon damals war ihm die stolze Ganterschwiler Bevölkerung, die ihm viel Tuch abkaufte, angenehm aufgefallen.

Schliesslich begegnete den Wandernden vor der Kirche Ganterschwil eine pfiffige Bedienstete, gespielt von Evelyne Schönenberger, aus dem 19.Jahrhundert, in biedermeierlicher Ausstattung. Sie lobte ihre Dienstherren, die alteingesessene Ganterschwiler Unternehmerfamilie Berlinger, deren Ansehen auch etwas auf sie selbst abfärbte, wie sie bekannte. Zudem war sie froh, dass sie ihre etwas erziehungsschwierige und gattenlos frühschwangere Tochter wenigstens für eine Zeit noch ins «Kinderheim» geben konnte, das die sozial aktive Unternehmerfamilie in Ganterschwil gestiftet hatte. Allerdings nicht unbedingt für diesen Fall.

Festlicher Gottesdienst in der Kirche Ganterschwil. (Bild: Peter Küpfer)

Festlicher Gottesdienst in der Kirche Ganterschwil. (Bild: Peter Küpfer)

Das Kirchenfest nahm seinen Abschluss und gleichzeitigen Höhepunkt in einem festlichen Gottesdienst in der Kirche Ganterschwil. Pfarrerin Brigitta Schmidt betonte, dass der Rückblick auf 500 Jahre gelebte Reformation nicht dazu anhalte, sich neu und nochmals von den katholischen Partnern abzusetzen. Ganz im Gegenteil. Sie hob hervor, dass die langen historischen Auseinandersetzungen über den Glauben beide Konfessionen zu mehr Reife, dann auch Annäherung geführt hätten, und lobte die aktive und tätige Ökumene, die gerade im unteren Toggenburg kirchlicher Alltag geworden sei.

Das bekräftigte auch die Durchführung des Festsonntags selbst, wurden doch zwei der auftretenden historischen Figuren von Katholiken dargestellt. Auch der den Gottesdienst durch stimmmächtige und überzeugende Auftritte bereichernde Sing-mit-Chor, unter der Leitung von Esther Wild Bislin, mit textuell und musikalisch anregenden Ausschnitten aus Roman Bislins jüngst uraufgeführter Pop-Kantate, ist ein ökumenischer Chor. Er sang unter Klavierbegleitung des Komponisten sowie den die Motive einleitenden und variierenden Klarinettenklängen von Michele Croce. Der Refrain des Schlussliedes war wie ein alle Christen verpflichtendes Motto: «Du brauchst dich nicht zu fürchten vor der Macht.»

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