Drei Brüder – drei Karrieren: Die drei Thomänner vom Wattwiler Bunt

Die Karrieren der begabten Brüder Thomann aus dem Weiler Bunt im vorletzten Jahrhundert verliefen steil.

Fabian Brändle
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Nach dem Besuch der obligatorischen Schule hiess es vor mehr als hundert Jahren für die meisten Schulkinder in der Regel als Knecht oder als Dienstboten Geld zu verdienen. Im Bild das alte Schulhaus im Bunt in Wattwil.

Nach dem Besuch der obligatorischen Schule hiess es vor mehr als hundert Jahren für die meisten Schulkinder in der Regel als Knecht oder als Dienstboten Geld zu verdienen. Im Bild das alte Schulhaus im Bunt in Wattwil.

Bild: Urs M. Hemm

Der Büntliger Ernst Abderhalden war ein genauer Chronist seines Weilers Bunt in Wattwil. Er beobachtete seine Nachbarn und hielt ihre Lebensläufe fest. Aus dem Thurgau in den Bunt eingewandert war Vater Thomann, der drei Söhne hatte, die später allesamt bemerkenswerte Karrieren machten.

In der liberalen, demokratisch verfassten Schweiz war das Schulsystem auch früher durchlässiger als in den Monarchien Europas, wo Adel und schwerreiches Grossbürgertum dominierte. Das heisst freilich nicht, dass Sprösslinge armer Familien gleichwertige Lebenschancen hatten: Nach dem Besuch der obligatorischen Schule hiess es für sie in der Regel, in einer Fabrik, als Knecht oder als Dienstboten Geld zu verdienen.

Umso bemerkenswerter ist der Aufstieg der drei Gebrüder Thomann, der «drei Thomänner», die aus der Mittelschicht stammten, höhere Schulen besuchten und ganz oben landeten.

Als Ingenieur an die königliche Hochschule

Robert Thomann, geboren 1873, war seit seiner Jugend ein «Pröbler». Er arbeitete bei Escher Wyss Zürich im Turbinenbau, eher er, noch keine 30 Jahre alt, als Ingenieur an die Königliche Technische Hochschule Stuttgart berufen wurde. Im Jahre 1929 wurde ihm sogar der Ehrendoktortitel verliehen.

Dann wurde Robert Thomann an die Technische Hochschule Graz in Österreich berufen. In der Steiermark gefiel es ihm und seiner Familie gut. 1940 musste er jedoch auf Geheiss des nationalsozialistischen Gauleiters hin Graz verlassen und er liess sich in der Folge in Zürich nieder. Dort arbeitete er wissenschaftlich und redigierte unter anderem den Technikteil des bekannten «Schweizer Lexikons».

Sein Bruder Erwin Thomann besuchte die Realschule in Lichtensteig, machte eine Geometerlehre in Chur, um dann das Technikum und die ETH zu besuchen. Er wirkte als Chefingenieur im Umbrien (Mittelitalien) und kehrte dann nach Zürich als Professor für Strassen- und Eisenbahnbau zurück. Oft zog es ihn heimwärts ins geliebte Toggenburg.

Aufstieg bis zum Chef-Chemiker

Oskar Thomann schliesslich war der fröhlichste und begabteste der drei erfolgreichen Brüder, so zumindest die Einschätzung von Ernst Abderhalden. Oskar Thomann studierte Chemie, kam anschliessend in eine Holzimprägnierungsfirma nach Wien und stieg dort bis zum Chef-Chemiker auf.

Die Firma hatte viele Filialen in Deutschland, in Kroatien, in Böhmen und in Mähren, damals alles Teile des Habsburgerreichs. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im Jahre 1918 und dem entsprechenden politischen und wirtschaftlichen Chaos in Europa war Oskar Thomann froh, wieder solide Schweizer Franken verdienen zu können.

Er arbeitete später als Mitarbeiter von Professor Jowanowits an der damaligen St.Gallischen Handelsakademie, die Wiege der Eidgenössischen Materialprüfungsstelle Empa. Von 1920 bis 1931 leitete er im Ebnater Steinebach den Ausrüstungsbetrieb der Firma Niederer&Co, um dann einen Filialbetrieb seines ehemaligen Wiener Arbeitgebers in Frankreich zu übernehmen. Ein reiches, abwechslungsreiches, gelungenes Arbeitsleben.

Die Karrieren der naturwissenschaftlich begabten drei Brüder Thomann verliefen aussergewöhnlich steil. Ihr ungewöhnlicher sozialer Aufstieg war sicherlich nicht die Regel, zeigt aber auf, dass das damalige schweizerische Schulsystem offener war für begabte Anwärter der damaligen Mittelschicht als anderswo in Europa. Das war einer republikanisch-demokratischen Tradition zu verdanken.

Ausserhalb des Vorstellbaren

Für Kinder wirklich armer Eltern lag eine solche Ausbildung jedoch ausserhalb des Vorstellbaren. Für sie hiess es in der damaligen Zeit weiterhin nach der obligatorischen Schule in die Landwirtschaft als Knechte oder als Mägde zu gehen. Oder in der Fabrik als Arbeiterinnen und Arbeiter Geld zu verdienen. Dort jedoch waren die Aufstiegschancen mehr als bescheiden.