Die Region Fürstenland-Toggenburg hätte Michael Götte gewählt

In den Wahlkreisen Wil und Toggenburg schneidet der SVP-Politiker Michael Götte besser ab als die Sozialdemokratin Laura Bucher.

Ruben Schönenberger
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Hätte de Kanton so gewählt wie die Wahlkreise Wil und Toggenburg, wäre statt Laura Bucher (zweite von links) Michael Götte auf dem Bild der neuen Regierung zu finden.

Hätte de Kanton so gewählt wie die Wahlkreise Wil und Toggenburg, wäre statt Laura Bucher (zweite von links) Michael Götte auf dem Bild der neuen Regierung zu finden.

Bild: Ralph Ribi

Lange war am Sonntag unklar, wer das Rennen um die letzten zwei Sitze in der St.Galler Regierung machen würde. Bis kurz vor Schluss lagen Beat Tinner (FDP) und Michael Götte (SVP) vorne, ehe Laura Bucher (SP) Götte hinter sich liess.

Den Erfolg hat die Sozialdemokratin den Städten zu verdanken, insbesondere der Kantonshauptstadt. Sie in St.Gallen über 10'000 ihrer insgesamt 54'328 Stimmen. Und damit alleine dort über 4000 Stimmen mehr als Götte, der am Ende keine 2000 Stimmen Rückstand auf Bucher auswies.

Bucher in Wil vor Tinner und Götte

Auch die Stadt Wil hat zu Buchers Erfolg beigetragen. Neben St.Gallen holte sie nur in Rapperswil-Jona mehr Stimmen. Es waren so viele, dass sie nicht nur Götte, sondern auch Tinner hinter sich lassen konnte. In der Region Fürstenland-Toggenburg war das nur noch in vier anderen Gemeinden so: Oberuzwil, Flawil, Degersheim und Lichtensteig. FDP-Politiker Tinner wiederum behielt nur in Uzwil und Zuzwil die Oberhand, in Oberhelfenschwil teilt er sich Platz 1 mit Götte. In den 14 verbleibenden Gemeinden der beiden Wahlkreise behielt SVP-Mann Götte die Oberhand.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Wahlkreise Wil und Toggenburg anders gewählt hätten als der Gesamtkanton. In beiden Wahlkreisen wäre Laura Bucher auf dem letzten Platz gelandet, im Toggenburg gar deutlich. Mit 4662 Stimmen holte sie erheblich weniger als Tinner (5398) und Götte (5991). Schon im ersten Wahlgang hatte sich der Wahlkreis deutlich für Götte ausgesprochen. Er lag damals sogar vor der Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann (CVP), die im Gegensatz zu ihm aber kantonsweit besser abschnitt und bereits im ersten Wahlgang gewählt wurde.

Im Wahlkreis Wil waren die Unterschiede kleiner. Bucher lag mit 7924 Stimmen nur knapp hinter Götte mit 8067 Stimmen. Dieser konnte im Gegensatz zum ersten Wahlgang FDP-Politiker Tinner nicht mehr hinter sich lassen. Dieser schaffte es auf 8271 Stimmen.

Ein Band durchschneidet die Region

Bei der Betrachtung der einzelnen Gemeinden fallen zwei Punkte auf: Zum einen durchschneidet ein Band von Wil bis Flawil die Götte-Vorherrschaft in der Region, zum anderen bricht Lichtensteig als einzige Gemeinde aus der Toggenburger Einigkeit aus.

Dass Bucher in Lichtensteig am meisten Stimmen holt, überrascht Stadtpräsident Mathias Müller nicht. «Wenn man frühere Abstimmungsresultate anschaut, gab es immer Abweichungen gegenüber den anderen Toggenburger Gemeinden.» Er erwähnt unter anderem die Abstimmung über die erleichterte Einbürgerungen von Personen der dritten Ausländergeneration. Am 12. Februar sagte damals im Toggenburg nur Lichtensteig Ja zur Vorlage.

Progressive und urbane Bevölkerung

Müller erklärt: «Das hängt mit Bevölkerungsstruktur zusammen.» Die Zusammensetzung sei in Lichtensteig progressiver und urbaner. Das Städtli ist zwar einwohnermässig weit davon entfernt, per Definition tatsächlich eine Stadt zu sein, ist mit seinem Kulturangebot und Initiativen wie dem Macherzentrum aber vermutlich tatsächlich die urbanste der Toggenburger Gemeinden.

Dass städtische Gegenden eher links wählen, bestätigt Politologe Silvano Moeckli: «Das ist zwar in Zürich und westlich davon noch deutlicher der Fall, aber auch hier im Grundsatz so.» Feststellen konnte man das auch im ersten Wahlgang: Während Götte im gesamten Wahlkreis sogar das absolute Mehr übertraf, kam er in Lichtensteig nicht einmal auf 40 Prozent Wähleranteil.

Spitalschliessungen haben die Wahl beeinflusst

Per Definition eine Stadt sind Wil und Flawil. Das Bucher dort stark abschneidet, ist deshalb wenig erstaunlich. In Flawil dürfte die Spitalfrage für die Sozialdemokratin gesprochen haben, deren Partei alle Regionalspitäler erhalten will. Das bestätigt Politologe Silvano Moeckli:

«In Gemeinden, die von einer Spitalschliessung bedroht sind, konnte man einen Effekt zu Gunsten von Laura Bucher feststellen.»

Vielleicht hat das auf Degersheim abgefärbt, vielleicht will man dort aber auch einfach Frauen wählen, schliesslich hat die Gemeinde eine Präsidentin. Moeckli sagt: «Die Frauenfrage hat sicher eine Rolle gespielt.» Sowohl dieses Thema als auch die Spitaldiskussion konnten nach Moeckli auch deshalb Einfluss auf das Resultat nehmen, weil die Parteibindung nicht mehr so stark ist. «Einem CVP-Wähler zitterte die Hand nicht mehr, als er Paul Rechsteiner in den Ständerat wählte.»

Auch die Konstellation spielt mit

Am Schluss sei es bei Majorzwahlen aber auch immer eine Frage der Konstellation. Wenn zwei Sitze zu vergeben seien, kreuze ein SVP-Wähler neben dem eigenen Kandidaten kaum die SP-Frau, sondern den FDP-Mann an. Und der SP-Wähler wiederum wählt keinen SVP-Politiker. Das habe am Sonntag FDP-Mann Tinner in die Karten gespielt.

Tinners Spitzenposition in Zuzwil könnte aber auch mit seinem Fokus auf die Steuerpolitik zu tun haben. Zuzwil hat am Sonntag seinen Steuerfuss auf 82 Prozent gesenkt. Schwieriger zu erklären ist der Ausgang in Uzwil. Als dritte Stadt im Wahlkreis Wil tanzt sie etwas aus der Reihe und wählt Tinner an die erste Position. Allerdings liegen alle drei Kandidierenden dort zwischen 1110 und 1180 Stimmen.