«Die Leute standen scharenweise vor dem Wagen»: Dieser Romanshorner verkaufte 40 Jahre lang Fische im Toggenburg 

Den im Thurgau wohnhaften Domenico Piccirillo kennen viele Toggenburger: Rund 40 Jahre lang hat er Fisch verkauft. Ende Dezember wurde der gebürtige Italiener pensioniert. 

Sascha Erni
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Domenico Piccirillo verkaufte 47 Jahre lang Fisch im Toggenburg, jetzt wurde er pensioniert.

Domenico Piccirillo verkaufte 47 Jahre lang Fisch im Toggenburg, jetzt wurde er pensioniert.

Bild: Sascha Erni

Domenico Piccirillo unterhält sich gerade mit einer Kundin. «Alles Beste für Ihre Pensionierung», verabschiedet diese sich von ihm. Die beiden geben sich die Hand. Domenico Piccirillo hat sich seine Rente verdient: 47 Jahre lang hat er für die Marchioro Fischhandel AG aus Romanshorn Fisch und Meeresfrüchte verkauft, fast 40 Jahre davon im Toggenburg.

«Das war dazumal ein Bombenmarkt. Die Leute standen scharenweise vor dem Wagen.»

Über die Jahre sei das Angebot an Fischsorten stetig erweitert worden, besonders dann, als nicht nur ausländische Fabrikarbeiter, sondern zunehmend auch Schweizerinnen und Schweizer dem Kundenkreis zuströmten. «Die Schweizer Kundschaft hat Bodenseefisch am liebsten, meine ausländischen Kunden bevorzugten Meerfische wie Dorsch, Kabeljau und Saint-Pierre», erklärt der pensionierte Fischhändler.

Meeresfrüchte statt Automobile

Domenico Piccirillo ist 1954 in Apulien geboren und in Italien aufgewachsen. In die Schweiz kam er als Jugendlicher, zusammen mit der Mutter. Der Vater war Saisonnier, Domenicos Brüder später ebenso, schlussendlich zog auch die Mutter an den Bodensee. «Es hat sich einfach so ergeben, dass wir in Romanshorn geblieben sind», sagt Piccirillo. Noch heute wohnt er dort, im Wohnblock seines nun ehemaligen Arbeitgebers.

Eigentlich hätte er Automechaniker werden wollen, erzählt er, aber mit dem Umzug in die Schweiz sei das nicht mehr möglich gewesen. Also fing er als Arbeiter bei der Marchioro AG an, lernte von Grund auf das Gewerbe. Bald verkaufte er Fisch in Winterthur, auf Thurgauer Märkten und in Wil. Als dann vor rund 40 Jahren der Verkäufer fürs Toggenburg aus Altersgründen seine Route abgeben wollte, übernahm Domenico Piccirillo.

«Von da an war ich im Toggenburg, das ging tipptopp.»

Zu Beginn seien seine Kunden fast nur Ausländer gewesen, erinnert er sich. Die Kundschaft habe oft schon auf den Fischwagen gewartet, bevor er vorfuhr. «Italiener, Spanier, en masse.» Als die Fabriken im Toggenburg und besonders Heberlein in Wattwil reduzierten und später zumachen mussten, sei der Markt eine Weile bergab gegangen.

«Es gab einfach nicht mehr so viele Arbeiter», lacht Piccirillo. Die Schweizer Kundschaft hätte im Vergleich nicht viel Fisch gegessen. Erst mit den Jahren stieg die Nachfrage wieder. Piccirillo verkaufte immer mehr verschiedene Sorten. Thunfisch oder Schwertfisch, das habe es früher gar nicht gegeben.

«Es ist ein Teil meines Lebens»

Mit Domenico Piccirillos Pensionierung zieht sich auch die Marchioro Fischhandel AG aus dem Toggenburg zurück. Die Verkaufswagen bleiben aber erhalten. Mit der Zahner Fischhandel AG aus Gommiswald konnte die Marchioro AG einen langjährigen Geschäftspartner als Nachfolger finden. Seit dem 1. Januar bedient die Zahner AG jeweils am Mittwoch die Verkaufsstellen in Ebnat-Kappel, in Lichtensteig und in Wattwil.

Es bleibt also fast alles beim Alten. Doch Piccirillo wird fehlen. Und ihm werde die Kundschaft fehlen. «Die Stammkunden sind immer gekommen, und ich bin fast nie ausgefallen, da wächst es einem schon ans Herz.» Er habe sich gedacht, dass er nun ab und an das Toggenburg rauf fahren und die Leute besuchen werde, denn das sei ein Teil seines Lebens.

Als Volontär beim Lauberhornrennen

Auch abseits des Fischhandels bleibe er seinen langjährigen Interessen treu – Domenico Piccirillo bezeichnet sich als fanatischen Skifahrer, 2020 wird er zum bereits vierten Mal gar als Volontär beim Lauberhornrennen aushelfen. «Dieses Jahr gehe ich ein paar Tage früher. Jetzt habe ich ja die Zeit dafür», sagt er und lacht.

Die jungen Männer und der Fisch

Eine neue Generation entdeckt das Fischen. Nicht alle haben aber die Absicht, den Fisch auch zu essen. Manche fangen die Tiere bloss, um sie als Trophäe auf Instagram und Youtube vorzuführen.
Melissa Müller