«Das Meer, die Freiheit: Das will ich noch mal fühlen» – die letzte grosse Kreuzfahrt des Massimo Schilling

Massimo Schilling ist gestorben. Deborah von Wartburg hat den ehemaligen Schlagzeuger der Band «Die Regierung» und langjährigen Bewohner der Wohngemeinschaft «Die Fabrik» Anfang September noch getroffen.

Deborah von Wartburg
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Massimo Schilling hatte einen letzten Wunsch. Er wollte das Meer nochmals sehen und die Weite der See fühlen. (Bild: Nathalie Guinand)

Massimo Schilling hatte einen letzten Wunsch. Er wollte das Meer nochmals sehen und die Weite der See fühlen. (Bild: Nathalie Guinand)

Auf dem Rad seines Rollstuhls prangte gross eine Gitarre, die von Musiknoten umgeben war. Als Massimo Schilling von seinem Zimmer in die Cafeteria des Wagerenhofs in Uster herüberrollte, riefen ihm viele zu: «Hoi Massimo.» Obwohl seine Stimme leise war – man merkte, dass der Krebs ihm die Kraft nahm –, liess er keinen Gruss unerwidert. «Ich will, dass die Leute von mir vor allem meine offene Art in Erinnerung behalten», sagte Massimo, dem das «Du» sehr wichtig war.

Der erschöpfte Eindruck, den sein Gesicht erweckte, wurde von eigenwillig buschigen, schwarzen Augenbrauen und einem direkten Blick gebrochen. Dieser spiegelte gut seinen Charakter wider. Die Antworten des 54-Jährigen waren unkonventionell. Er war ein Künstler – auf verschiedenen Ebenen.

In die Rolle des Lebenskünstlers im allgemeinen Sinn liess ihn wohl seine Kindheit hereinwachsen. Er wurde in Lugano mit einer Gehbehinderung geboren, die Mutter war alleinerziehende Kellnerin. Irgendwie sei das mit dem Kind nicht mehr gegangen. Auch finanziell. Schon früh kam Massimo in ein Heim. Das war kein Zuckerschlecken, ständig wurde er herumgereicht und musste den Ort aus bürokratischen Gründen wechseln. «Heute würde ein Kind wie ich ganz anders behandelt werden», sagte er. «Aber das waren eben die 60er.»

Musiker, ohne Noten lesen zu können

Besonders schwierig war für Massimo Schilling auch, dass er als Kind nicht wirklich eine Bezugsperson hatte. Sobald er zu jemandem eine Beziehung aufbauen konnte, wurde er weitergeschickt. «Das war für mich ein grosser Stress, das will ich nicht noch einmal erleben», sagte Massimo rückblickend. Halt habe er in der Musik gefunden. Mit sieben Jahren bekam er seine erste eigene Gitarre geschenkt. Massimo konnte nie Noten lesen. Er brachte sich alles selbst bei. «Übers Gehör», wie er sagte. Musikalische Vorbilder fand er in Eric Clapton, B. B. King und anderen Blues-Grössen. «Musik gab mir einen Boden», sagte er. Und so wurde der musikalische Künstler in ihm geweckt.

Die Musik ebnete dann auch den Weg in den Lebensabschnitt, den Massimo selbst als den schönsten beschrieb: das Leben im Künstlerkollektiv Die Regierung. Die Gruppe besteht aus Personen mit verschiedenen Beeinträchtigungen. Sie wohnen gemeinsam in einem Haus in Ebnat-Kappel, der «Fabrik», musizieren gemeinsam in der gleichnamigen Band, schaffen bildende Kunst, bewirten Gäste gastronomisch und haben mit dem Ganzen grossen Erfolg. Die Band Die Regierung tourte europaweit umher, hatte Auftritte mit der Musikerin Irène Schweizer und nahm zuletzt ein Album mit der Sängerin Vera Kaa auf. Neben der Blues-Jazz-Musik setzten sich auch die Bilder des Kollektivs auf dem Markt durch. Massimo arbeitete als Maler vor allem mit Tuschtechniken. Die Künstlergruppe kam ohne staatliche Unterstützung aus.

Ein Rohgerüst als Basis

Massimo Schilling beschrieb die Musik der Regierung so: «Wir haben uns zuerst ein Rohgerüst ausgedacht und dann zu dieser Basis hinzu improvisiert, teilweise war es ein bisschen dadaistisch.» Massimo komponierte auch viel selbst. Immer nach Gehör. Er sagt:

«Es gibt keine falschen Töne. Nur Töne am falschen Ort oder im falschen Moment.»

In der Regierung fand er ein Zuhause. Das Verhältnis untereinander sei sehr gut gewesen. «Wir sind wie eine grosse Familie. Klar tätscht’s und räblet’s da auch mal. Aber das ist ja normal für Familien. Man versöhnt sich immer wieder.» In dem Kollektiv habe er gelernt, Menschen so zu akzeptieren, wie sie seien.

Vor zwei Jahren musste er dann ausziehen. Massimo war an der Lungenkrankheit COPD erkrankt, und die nötige Pflege sei dort nicht mehr gewährleistet gewesen. So kam der Musiker in den Wagerenhof in Uster. Vor einigen Wochen ist dann zu dem COPD noch ein Blasenkrebs hinzugekommen. Mit den anderen Regierungs-Mitgliedern war er aber immer noch eng befreundet. Oft besuchten sie ihn in seinem Zimmer. Dann redeten sie oder hörten gemeinsam Musik.

Backstage bei Stiller Has

Starallüren hatte Massimo nie. Er erzählte von einer Aeschbacher-Show, bei der auch Jon Bon Jovi aufgetreten ist. «Bon Jovi hat mit denen einen vierseitigen Vertrag gemacht, wir haben einfach gespielt.» Massimo hatte immer und in jeder Situation eine passende Anekdote im Ärmel, sagte Linda Schlatter, Betreuerin im Wagerenhof. Und sie ergänzt:

«Er war eine riesige Bereicherung für jeden Menschen, der ihn kennen lernen durfte.»

Bei einem der vielen Konzerte lernte er die Mitglieder der Band Stiller Has kennen. Als diese kürzlich beim H2U in Uster auftraten, machte sich Massimo mit Rollstuhl und Betreuerin auf und genoss das Konzert in der ersten Reihe. Im Anschluss traf er backstage seine alten Kollegen.

Normal sind seine Antworten nicht

Schilling sagte von sich selbst, dass er zu der körperlichen auch eine leichte kognitive Einschränkung habe. Beim Gespräch merkte man ihm dies aber nicht an. Normal waren seine Antworten zwar auch nicht, aber im positiven Sinn. Er beschrieb Musik und Kunst aus einer ganz eigenen Perspektive, irgendwo zwischen philosophisch und direkt. Auf die Frage «Pinsel oder Gitarre?» sagt Massimo: «Mit einem Pinsel kann man auch Gitarre spielen.»

Was er sich für die Welt wünschte? Dass nicht immer alles nur auf den Profit gerichtet sei. «Früher konnte man um 16 Uhr in die Migros gehen, und die Verkäufer haben einem Blumen geschenkt, die sonst verwelkt wären.» Heute gäbe es nur noch frische Blumen, auch Samstagabends, und die seien nie gratis. Anders im Wagerenhof. Ihm habe es gefallen, mit wie viel Leidenschaft die Leute hier arbeiteten, und die Tatsache, dass sie den Blick nicht nur auf die Zahlen richteten. Bei einem Fest habe Massimo der gesamten Belegschaft im Namen der Bewohner gedankt. «Das hat uns sehr gerührt», sagte Linda Schlatter.

Das müsse man ja mal sagen, sagte Massimo. «Und ich bin hier einer der wenigen, die das so artikulieren können. Die anderen denken das auch, das weiss ich, aber sie können es nicht sagen.» Schilling war willensstark. Dem Ende seines Lebens blickte er gefasst entgegen. Auch wenn seine Antworten durch schwere Hustenanfälle unterbrochen wurden, fing er sich stets wieder und redete weiter, als wäre nichts gewesen.

Woher er seine Kraft nehme? Er hob fragend die Arme und lächelte. «Das weiss ich nicht. Gott weiss es vielleicht. Ich habe einfach Freude am Leben.» Er glaubte, dass jeder Mensch eine Aufgabe habe. Seine sei wohl gewesen, zu zeigen, dass man auch mit einer Krankheit oder Behinderung jemand werden kann. Damit ein Einzelner seine Aufgabe verwirklichen könne, brauche es aber immer mehrere Menschen. Man müsse sich gegenseitig helfen. «Ein Konzert kann man auch nicht alleine machen. Es braucht Techniker, Organisator, Publikum, Musiker.»

Die letzte Reise tritt er doch noch an

Einen Wunsch hatte Massimo noch: Er wollte unbedingt noch einmal eine Kreuzfahrt machen. Er habe früher mal eine mit einer Freundin gemacht, und das habe ihm sehr gefallen. «Das Meer, die Freiheit, die Weite. Das will ich noch mal fühlen.» Nun wollte eine andere Kollegin mitkommen.

Im November sollte es losgehen, wenn seine Gesundheit mitgemacht hätte. «Ich hoffe, das liegt noch drin», sagte er. Es sollte nicht mehr drin liegen. Am 19. September starb Schilling 54-jährig. Seine letzte grosse Kreuzfahrt tritt er dennoch an. Helena und Heinz Büchel von der «Fabrik» sorgen dafür und verstreuen seine Asche im Mittelmeer.