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Interview

Abtretender Ebnat-Kappler Schulratspräsident: «Die Klassen sind heterogener geworden»

Am 31. Dezember ist für Pierre Joseph der letzte Arbeitstag als Schulratspräsident. Er blickt auf seine 14-jährige Amtszeit zurück und erklärt, welche Herausforderung die Schule in den nächsten Jahren zu meistern hat.
Sabine Camedda
Das Thema Schule lässt Pierre Joseph nicht los, er ist seit Anfang Schuljahr Pädagogischer Leiter der Schule in Bischofszell. (Bild: Urs M. Hemm)

Das Thema Schule lässt Pierre Joseph nicht los, er ist seit Anfang Schuljahr Pädagogischer Leiter der Schule in Bischofszell. (Bild: Urs M. Hemm)

Pierre Joseph, sind Sie ein Freund von Veränderung?

Veränderung ist ein Bestandteil meines Berufsalltags. Ich bin immer dann gefragt, wenn Veränderungen anstehen oder bin derjenige, welcher Veränderungen anstösst. Das ist Teil der Arbeit als Schulratspräsident. In Veränderungen hat es immer einen Teil drin, der mich fasziniert. Ich sorge mich im Alltag eher um Veränderung und Entwicklung als um Sicherheit und Beständigkeit.

Ich spreche Sie auf dieses Thema an, weil sich in Ihrer Amtszeit als Schulratspräsident von Ebnat-Kappel viel verändert hat. Als Erstes wurde die Schulleitung eingeführt.

Als ich am 1. Januar 2004 mein Amt angetreten habe, haben die ersten Schulleiterinnen und Schulleiter ihre Aufgabe aufgenommen. Sie hatten damals noch nebenbei Klassenverantwortung. Die meisten haben bald gemerkt, dass das so nicht machbar ist. Nach und nach haben sich die Schulleitungen etabliert. Heute sind sie akzeptiert und installiert und können ihre Führungsfunktion wahrnehmen.

Sind gut funktionierende Schulleitungen eine Entlastung für den Schulrat?

Ja, unbedingt. Heute werden viele Entscheidungen operativ auf Stufe der Schulführungskonferenz – das sind alle Schulleitungen unserer Schulen und die Leiterin der Schulverwaltung – getroffen. Der Schulrat wird darüber informiert und tauscht sich dazu regelmässig aus. Als Schulratspräsident nehme ich an den Schulführungskonferenzen teil, meistens nur beratend. Der Schulrat legt die Leitplanken fest, nach denen sich die Schulleitungen orientieren sollen. Weil die Schulleitung eine grosse Entlastung für den Schulrat ist, fragt man sich an vielen Orten, ob der Schulrat als Führungsorgan noch adäquat ist. Auch in Ebnat-Kappel läuft ein Projekt um zu prüfen, welche Aufgabe die Schulbehörde in Zukunft noch haben soll.

Pierre Joseph

Der heute 62-Jährige hat am 1. Januar 2004 das Amt des Schulratspräsidenten in Ebnat-Kappel angetreten. Der gebürtige Bieler ist ausgebildeter Sportlehrer und als Berater tätig. Er wurde von einem überparteilichen Komitee zur Wahl vorgeschlagen. Joseph hat in seiner Amtszeit viel erlebt: Per 2009 ist Ebnat-Kappel zur Einheitsgemeinde geworden und Joseph nahm nebst seinem 60-Prozent-Pensum von Amtes wegen Einsitz in den Gemeinderat. Im Juni 2018 hat er seinen Rücktritt per Ende Jahr angekündigt. Er begründete diesen Schritt mit seiner beruflichen Veränderung. Pierre Joseph ist seit Anfang Schuljahr Leiter Pädagogik an der Schule in Bischofszell. (sas)

In Ebnat-Kappel hat die Schule ein grosses Gewicht. Rund die Hälfte des Gemeindebudgets wird für die Bildung aufgewendet. Welchen Stellenwert hat die Schule in der Bevölkerung effektiv?

Der Bezug der meisten Bürgerinnen und Bürger ist dann gegeben, wenn sie ein Kind in einer unserer Klassen haben. Wenn es diesem Kind gut geht, sind sie meist mit der Schule zufrieden. Oftmals werden die grossen Veränderungen in der Schule als gegeben betrachtet. Über 80 Prozent unseres Budgets sind fix, das gibt eine gewisse Trägheit und auch den Eindruck, die Schule sei staatlich geregelt. Darum nehmen die meisten Bürgerinnen und Bürger die Geschäfte der Schule einfach zur Kenntnis.

An den Bürgerversammlungen haben Sie jeweils die Entwicklung der Schülerzahlen aufgezeigt. Sind diese die Basis einer Schule?

Sie sind die Legitimierung für das Budget. Hätten wir gleich hohe Ausgaben bei massiv weniger Schulkindern, müssten wir dies gut begründen. Wenn sich eine massive Veränderung der Schülerzahlen abzeichnet, muss man reagieren und Lösungen aufzeigen können. Die Zahlen zeigen zudem auch die Entwicklung bezüglich der Anzahl Sonderschülern auf, welche für die Budgetierung wegen der zusätzlich anfallenden Kosten von grosser Bedeutung sind.

In Ihre Amtszeit fiel die Einführung der Einheitsgemeinde. Hat sich diese vorteilhaft ausgewirkt?

Als ich mich für das Amt beworben habe, war die Einheitsgemeinde kein Thema. Die Schulgemeinde und die Politische Gemeinde hatten kaum Schnittstellen und Berührungspunkte. Darum haben wir die Einheitsgemeinde eingeführt. Mein Hauptargument war: Wer für das Dorf und dessen Entwicklung zuständig ist, muss gemeinsam mit der Schule denken und handeln können. Es gibt viele Themen, zum Beispiel aktuell die Frühförderung oder Tagesstrukturen, die bildungsnahe sind, aber zu den Aufgaben der Gemeinde gehören. Dies in getrennten Körperschaften anzugehen, wäre viel aufwendiger. Für mich persönlich ist es durch die Einheitsgemeinde und den einhergehenden Einsatz im Gemeinderat intensiver geworden. Dadurch kam ich in Kontakt mit vielen andren Themen und Aufgaben unserer Gemeinde, in welche ich mich als Gemeinderat auch einbringen konnte.

Sie mussten als Schulratspräsident die Aussenschulen Wintersberg und Bendel schliessen. Wie gelang Ihnen dies, ohne dass es viele Diskussionen und Opposition gab?

Es war wichtig, dass wir uns für die Überprüfung Zeit gelassen und dass wir die Schliessung früh angesprochen haben. Es gab eine Petition der Einwohner aus der Aussengegend. Diese haben wir begrüsst und sind sorgfältig mit den Anliegen umgegangen. Der Entscheid war aber letztlich unumgänglich, denn wir haben Schulkinder aus dem Dorf in die Aussenschulen gefahren, um diese zu erhalten. Weil zudem Lehrpersonen in den Schulhäusern im Pensionsalter waren, konnten wir die Schliessungen proaktiv anpacken.

Wie haben die Schüler reagiert, die dann im Dorf unterrichtet wurden?

Weil die Kinder an Mehrjahrgangsklassen gewohnt waren, haben wir sie weiterhin in solchen belassen. Für sie war der Wechsel in ein Dorfschulhaus kein Problem. Und die verbliebene Lehrperson, welche nun im Dorf unterrichtet, schätzt die Möglichkeiten im grösseren Schulhaus und den Austausch mit anderen Lehrpersonen sehr.

Wie hat sich der Schulbetrieb in den vergangenen 14 Jahren verändert?

Die Klassen sind viel heterogener geworden. Es gibt in der Breite mehr Unterschiede unter den Schülern. Dies ist sicher auch auf die integrative Beschulung zurückzuführen. Zudem hat sich die Beziehungskultur geändert. Die Kinder bringen nicht mehr dieselben Werte von zu Hause mit wie früher. Auch Eltern sind in ihrem Verhalten gegenüber Lehrpersonen und Schule kritischer geworden. Im Bereich der Selbstkompetenz werden die Unterschiede innerhalb einer Klasse immer grösser. Der Schulbetrieb hat sich ebenfalls verändert. Durch den neuen Lehrplan ist das Angebot im Stundenplan breiter geworden. In Folge der Digitalisierung hat der Computer Einzug in den Unterrichtsalltag gehalten. Vielleicht auch als Gegenbewegung gehen einige unserer Lehrpersonen mit den Kindern bewusst ganz regelmässig in den Wald.

Gibt es denn für solche Initiativen Platz?

Die Frage ist, welches Ziel die Schule verfolgen muss. Aus meiner Sicht geht es nebst dem Erwerb der fachlichen Kenntnisse darum, dass die Kinder entdecken, wer sie sind, welche Fähigkeiten in ihnen stecken. So sind sie schliesslich in der Lage, eine Berufswahl zu treffen, in der Arbeitswelt und im Leben gut zu bestehen. Damit sich unsere Schüler entsprechend entwickeln können, prüfen wir neben dem normalen Unterricht auch andere, teilweise neue Felder. Dazu gehören der regelmässige Aufenthalt und das Unterrichten draussen in der Natur. Derzeit prüfen wird, ob wir im Bereich Heilpädagogik mit Tieren zusammenarbeiten möchten. Viele Kinder haben zunehmend Mühe mit der Konzentration. Aus diesem Grund wird dem Bereich Eigen-, Sinnes- und Körperwahrnehmung mehr Aufmerksamkeit geschenkt, unter anderem mit Körper- oder Yoga-Übungen oder zum Beispiel mit theaterpädagogischen Elementen integriert in den normalen Unterricht. Oft entstehen solche Angebote durch die Initiative einzelner Lehrpersonen. Wir prüfen zunächst in Projekten was funktioniert und sich bewährt. Vieles ist möglich, muss pädagogisch sinnvoll und in einem finanziell tragbaren Rahmen sein.

In vielen Schulen, auch in Ebnat-Kappel, kommen Klassenhilfen zum Einsatz. Braucht der Lehrer sie, weil die Kinder anspruchsvoller geworden sind?

Heute führt eine Lehrperson ihren Unterricht meist partizipativ. Dies lässt mehr Mitsprache der Kinder und Jugendlichen zu. Das ist sehr sinnvoll, bringt aber mit sich, dass die Lehrperson in ihrer Begegnung mit den Schülern mehr Energie aufwenden muss. Kann eine Lehrperson zum Beispiel während sechs bis sieben Lektionen pro Woche durch eine andere Person im Klassenzimmer unterstützt werden, haben alle etwas davon. Die Lehrperson kann sich vermehrt einzelnen Schülern widmen und hat auch die Möglichkeit, vermehrt Abstand zu gewinnen. Dank der regelmässigen Anwesenheit einer zweiten Person im Klassenzimmer kann das eigene Tun, selbst oder im Austausch, besser reflektiert werden.

Sie haben von weichen Faktoren gesprochen, um das Klima in der Schule angenehm zu gestalten. Letztlich müssen die Schüler aber etwas lernen. Ist dies nicht schwierig, wenn immer mehr in den Lehrplan aufgenommen wird?

Wir hören von Lehrmeistern immer wieder, dass die Jugendlichen nicht mehr rechnen und schreiben können. An Lernmöglichkeiten fehlt es nicht. Die Frage lautet heute, wie es uns als Schule gelingen kann, dass neues Wissen so vermittelt wird, dass dieses den Schüler nachhaltig zur Verfügung bleibt. Die Wissenschaft empfiehlt uns, in die Beziehungen zu unseren Schülern zu investieren, damit das gelingt. Selbst- und Sozialkompetenzen stellen Grundlagen dar, damit erfolgreiche Lernprozesse erst gelingen können. Das Schulsystem ist im Umbruch, es braucht neue Orientierungen. Der neue Lehrplan gibt uns dafür Anhaltspunkte.

Wie wird sich die Schule weiter entwickeln?

Heute arbeiten wir mit Klassenzielen. In Zukunft wird vermehrt mit individuellen Zielen gearbeitet werden. Dabei werden wir Schüler mit mehr Eigenverantwortung für ihr eigenes Lernen erleben, selbstständiges Arbeiten und Mitbestimmung werden einen zunehmend wichtigeren Platz einnehmen. Bereits heute arbeiten einige Lehrpersonen zum Beispiel mit Wochenaufgaben. Dadurch können die Schüler selber entscheiden, wann sie welche Aufgaben machen. Die Idee dahinter ist, dass sich Schüler als selbstwirksamer erleben, dadurch motivierter sind und besser lernen können. Dies muss natürlich altersgerecht umgesetzt werden. Ich denke auch, dass die Schüler in Zukunft vermehrt projektbezogen arbeiten werden. Dadurch entwickeln sich Lehrpersonen vom Fachexperten zum Lerncoach weiter.

Also wird sich auch der Lehrerberuf wandeln?

Ja, in gewissen Bereichen denke ich schon. Bereits im Lehrplan 21 geht es nicht mehr nur darum, Wissen zu vermitteln. Hinzu kommt der Anspruch, dass unsere Schüler auch erfahren, wie sie das gelernte Wissen im konkreten Alltag zur Anwendung bringen. So lernt das Kind auch, wozu es das Gelernte brauchen kann. Diesbezüglich stehen wir aber erst am Anfang. Eine Lehrperson wird dadurch gezwungen, neue Wege zu gehen und neue Rollen anzunehmen. Das Potenzial der Digitalisierung wird dabei – richtig eingesetzt – gute Dienste leisten können.

Welche anderen grossen Herausforderungen übergeben Sie Ihrem Nachfolger Christian Rufer?

Ich habe bereits angesprochen, dass die Organisation auf der Ebene Gemeinderat und Schulrat diskutiert wird. Auf den nächsten Sommer wird eine neue Schulleitungsperson hinzukommen. Auch stehen Themen an, welche Teil der Weiterentwicklung von Schule und Gemeinde sind, wie das Ausarbeiten der Tagesstrukturen oder eine engere Zusammenarbeit mit der Bibliothek. Weiter wird Christian Rufer die Einführung des Lehrplanes zu Ende begleiten müssen. Zudem wird der Einzug des Computers im Schulalltag immer bedeutsamer. Es gilt, eine gute Balance zu finden zwischen dem Gebrauch dieser neuen Infrastrukturen für den Fach-Unterricht und der Entwicklung der Sozial- und Selbstkompetenzen. Das regelmässige Trainieren von Grundkompetenzen, wie Rechnen, Lesen und Schreiben, soll davon profitieren.

Wie viel wird Christian Rufer der Bau der Schulanlage Wier beschäftigen?

Er wird selber entscheiden können, wie viel Herzblut er in dieses Projekt stecken will. Das Projekt ist in guten Händen, die Schule bleibt im Planungsteam und in der Baukommission mit dem Schulleiter Oberstufe kompetent vertreten. Was ihn wohl auch beschäftigen wird: Durch die Erweiterung der Schule im Wier wird im Schafbüchel Platz frei. Hier gibt es viel Potenzial, vielleicht gerade auch für Gemeindeaufgaben.

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