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Sie spendet Zeit statt Geld

Karin Vosswinkel aus Wattwil ist eine von 106 freiwilligen Helferinnen und Helfern, die bei der Kiss Toggenburg Zeit spenden.
Sascha Erni
Karin Vosswinkel ist des Öfteren mit einer Klientin entlang der Thur unterwegs. Dabei lerne sie von ihrer Begleiterin auch ein paar Worte Spanisch.

Karin Vosswinkel ist des Öfteren mit einer Klientin entlang der Thur unterwegs. Dabei lerne sie von ihrer Begleiterin auch ein paar Worte Spanisch.

Karin Vosswinkel erzählt in ruhiger Sprache, lebendig. Jedes Wort ist exakt gesetzt. Sie sagt:

«Ich arbeite sowieso viel ehrenamtlich.»

Dann holt sie aus. Ihr halbes Leben lang – wenn nicht länger – sei sie in Vereinen tätig gewesen, oft in einer Vorstands- oder Geschäftsposition. Ob im Kirchenchor Wattwil oder als Senioren-Obmännin im Schweizer Alpen-Club, Sektion Toggenburg – die gelernte Detailhandels-Kauffrau hat es oft in die Vereinsadministration verschlagen. «Aber bei der Kiss Toggenburg habe ich mir gesagt, hier möchte ich keine Vorstandsarbeit übernehmen. Nur ein normales Mitglied sein», meint sie lächelnd.

Die Kiss Toggenburg entstand Ende 2016, als erste dieser Zeitvorsorge-Genossenschaften in der Ostschweiz. Seither wuchs der Verein von neun auf heute 106 Aktivmitglieder an. Auch fünf Kollektiv-Organisationen haben sich der Genossenschaft angeschlossen, darunter etwa die Pflegeheime Solino in Bütschwil oder die Wattwiler Risi und Tertianum Krone. «Es wird genau unterschieden zwischen Betreuungs- und Pflegediensten», erklärt Vosswinkel. Die Kiss verstehe sich als Nachbarschaftshilfe, nicht als Spitex-Ersatz oder Pflegeangebot. «Es ist eine Ergänzung, keine Konkurrenz.»

Spazieren, reden, Zeit spenden

Seit August 2017 ist auch Karin Vosswinkel bei der Kiss. Sie begleitet zwei ältere Damen, jeweils ein paar Stunden pro Woche. «Das sind Leute in der Nähe, eine kannte ich bereits zuvor», erzählt sie. Welcher «Gebende» mit genau welchem «Nehmenden» zusammenkommt, sei einem Ablauf geschuldet. Man müsse erst Mitglied sein, dann vermittelt der Verein die Menschen.

«Richtig mit Vertrag und Vorstellungsgespräch, man muss ja sehen, ob man zueinanderpasst.»

Mit der einen Dame verbringt sie zwei Stunden die Woche mit Spielen und Gesprächen. «Auch, um den Ehemann etwas zu entlasten», ergänzt sie. Die zweite Klientin liebt das Spazieren, besonders auf dem Thurweg. Sie und Vosswinkel unterhalten sich gerne und lachen oft. «Ich lerne sogar ein bisschen Spanisch. Oder eher, die Dame versucht, es mir beizubringen», sagt Vosswinkel. So profitiere sie also durchaus auch auf einer persönlichen Ebene von der Kiss-Mitgliedschaft, sammle nicht bloss Stunden.

Stunden sind die Währung, in der die Freiwilligen für ihre Arbeit bezahlt werden. Jede Stunde, mit der ein Mitglied jemanden unterstützt, wird auf ein Zeitkonto gutgeschrieben. Falls das Mitglied später selbst Unterstützung benötigt, kann es auf dieses Zeitguthaben zurückgreifen. Geld-Kosten entstehen für die Mitmachenden keine, die operativen Aufwendungen für die Genossenschaft sind gering. Das ist dem namensgebenden Grundprinzip geschuldet: «Keep it small and simple», die Sache ist also überschaubar und einfach zu halten. Der Löwenanteil der angesparten beziehungsweise gespendeten Stunden stammt aus dem Bereich, in dem auch Karin Vosswinkel Freiwilligenarbeit leistet, das Gesellschaften also. Konversation, Spazierengehen, Spielen, Musizieren. Aber auch in den Bereichen administrative und technische Unterstützung, Mobilität, Essen und Unterhaltsarbeiten wie Garten- und Haustierpflege bewegen sich die Kiss-Genossenschafter. Jedes Mitglied bringe sich auf seine Art ein, so Vosswinkel. «Und ich bin gerne mit Menschen zusammen, ältere Damen haben es mir besonders angetan», schmunzelt die 77-Jährige.

Profis sind sehr schnell teuer

Modelle wie das der Kiss-Genossenschaften sieht Karin Vosswinkel für die Zukunft als dringend nötig an. Ältere Menschen könnten durch solche Angebote vor dem Vereinsamen bewahrt werden. «Es sollte mehr Leute geben, die Nachbarschaftshilfe leisten. Egal, in welcher Form. Ohne ein Miteinander können wir als Menschen nicht existieren.» In ihrem Umfeld kenne sie sehr viele Menschen, die Freiwilligenarbeit leisten, es könnten aber mehr sein. «Nur durch Profis geleistet würde die Betreuung sehr schnell sehr teuer werden, die Kostenspirale mittelfristig anziehen». Das könne kaum jemand bezahlen.

Selbst hat Karin Vosswinkel noch nichts von ihrem Zeitguthaben bezogen, es gehe ihr auch primär nicht darum. Aber man wisse ja nie.

«Vielleicht komme ich mal in Not und bin froh, wenn mir jemand zur Seite stehen kann.»

Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs im deutschen Wuppertal geboren versteht Vosswinkel die Wichtigkeit der gemeinsamen Zusammenarbeit. «Wir lebten zu fünft in der Garage eines ausgebombten Hauses», erinnert sie sich. Wahrscheinlich habe diese Kindheit sie geprägt und das Interesse an Freiwilligenarbeit gestärkt. Seit 1961 lebt sie in der Schweiz, in Wattwil seit 1969. Aber heute wohnt sie alleine, der Sohn hat die Region schon lange verlassen. «Bis für mich eine nötige intensivere Betreuungsart durch Sohn und Familie organisiert werden müsste, wäre als erste Anlaufstelle die Kiss Toggenburg eine gute Adresse», ist sie sich sicher.

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